Eigentlich sollte die überraschend positive Kursentwicklung an den meisten Weltbörsen rundum für gute Stimmung sorgen. Doch die Freude vieler Anleger hält sich in engen Grenzen, denn das Kursrally findet ohne ihre Beteiligung statt. Es verwundert daher nicht, dass Börsen­experten den Kursanstieg 2012 als das «meistgehasste Aktienrally» seit Jahren bezeichnen. Doch auch an der Börse scheint das Sprichwort «Les absents ont toujours tort» («Die Abwesenden haben immer unrecht») eine gewisse Gültigkeit zu haben.

Es ist nachvollziehbar, dass sich ­Investoren angesichts von Schulden- und Eurokrise bereits seit längerem aus den Aktienmärkten verabschiedet haben. Doch der befürchtete Super-GAU ist bisher ausgeblieben, und mancher Anleger muss frustriert zur Kenntnis nehmen, dass die von den Notenbanken in «unbeschränktem» Ausmass zur Verfügung ­gestellte Liquidität die Wertpapierkurse weiter befeuert. Die flotten Kurszuwächse bei SPI, DAX oder Nasdaq – vor allem zwischen Juni und September – summieren sich inzwischen zu Jahresrenditen im zweistelligen Prozentbereich.

Korrektur in Europa 

Für Anleger stellt sich die Frage, ob die Kurse noch weiter zulegen könnten oder ob das Ende der Fahnenstange inzwischen erreicht sei. Für Marco Curti, Anlagechef der ZKB, besitzen insbesondere die europäischen Aktienmärkte weiterhin Aufwärtspotenzial. «Der seit Mitte Jahr feststellbare Abbau der im Markt enthaltenen Risikoprämien wird weitergehen, und Aktien werden gefragt bleiben», so Curti. Die strukturellen ­Probleme der Eurozone seien zwar noch nicht gelöst, die akute Gefahr eines Eurokollapses aber durch das entschlossene Auftreten der Europäischen Zentralbank (EZB) gebannt worden. Die zum Teil ­extreme Unterbewertung europäischer Titel, die sich während der Eurokrise ­entwickelt habe, dürfte deshalb weiter korrigiert werden.

Die positive Einschätzung punkto ­europäischer Aktien wird vom Vermögensverwalter und ETF-Spezialisten Alex Hinder geteilt (siehe «Der Bankensektor könnte sich erholen» auf Seite 88). ­Andere Marktteilnehmer hingegen, wie der bekannte Investor Jeremy Grantham, bleiben skeptisch. Der Mitgründer und Anlagechef von Grantham, Mayo, Van Otterloo (GMO) sieht ein schwieriges Jahr für Aktien kommen. ­Besonders die Vereinigten Staaten und die berüchtigte «fiskalische Klippe» bereiten Grantham ­einiges Kopfzerbrechen. Auch viele institutionelle Anleger geben sich nach wie vor zurückhaltend bis pessimistisch und halten ihre Barbestände hoch und die Aktienquote (zu) tief.

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Das sind allerdings nicht per se schlechte Nachrichten für Aktien-Aficionados. Denn sollten die Kurse gegen Ende Jahr weiter steigen, könnten Pensionskassen- und Fondsverwalter  aus Renditeüberlegungen gezwungen sein, ihre Aktienbestände trotzdem aufzustocken. Für Anleger, die noch auf den Börsenzug aufspringen möchten, empfiehlt sich der Einsatz von kostengünstigen Exchange Traded Funds (ETFs). Mit dem Kauf eines Index oder Sektors wird das Risiko im Vergleich zu Einzelanlagen reduziert, und Anleger sind in der Lage, eine Strategie oder eine Handelsidee schnell und transparent umzusetzen.

 

Gute Aussichten für China und Japan.

Bleibt die Frage, welche Aktienmärkte und Sektoren nach dem unerwarteten «Sommerrally» für Anleger noch aussichtsreiche Perspektiven bieten. Zu den vermehrt propagierten Empfehlungen zählt neuerdings der chinesische Aktienmarkt. Die Indizes notieren nach Jahren enttäuschender Performance auf langjährigen Tiefstwerten und sind nach Meinung verschiedener Auguren reif für eine Gegenreaktion.

Zu jenen, die von einer positiven Entwicklung des chinesischen Aktienmarktes überzeugt sind, zählt beispielsweise Jim O’Neill, Chairman von Goldman Sachs Asset ­Management. Der Ökonom und Schwellenländer-Spezialist hebt unter anderem die rasante Zunahme einer konsum­freudigen Mittelschicht hervor, welche die Binnenkonjunktur stimuliere und zugleich die Exportabhängigkeit Chinas verringere. Daneben deuten wirtschaftliche Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex auf eine leichte konjunkturelle Beschleunigung hin, und wie es scheint, dürfte die anvisierte «sanfte Landung» der Wirtschaft gelingen. Experten rechnen für 2012 und 2013 mit einem Wirtschaftswachstum im Bereich von 7,5 bis 8 Prozent.

Mit Japan schafft es ein weiterer Börsentiefflieger der letzten Jahre ebenfalls zurück auf den Radarschirm der Investoren. Auch für Alex Hinder ist Nippon ­derzeit durchaus eine Über­legung wert. Der Markt notiere auf dem Niveau von 1982 und sei günstig bewertet, argumentiert Hinder. Werde die Wirtschaftspolitik etwas dynamischer, könne sich Japan durchaus wieder zu einem Bullenmarkt entwickeln.

Die Bank Sarasin wiederum sieht in den Emerging Markets mittelfristig das grösste Kurspotenzial. Als Haupttreiber nennen die Aktienstrategen die attraktive Bewertung sowie die expansive Geldpolitik. Auch die ZKB traut den Schwellenländern eine ansprechende Kursentwicklung zu. Man habe deshalb den Sektor Ende Oktober auf «Übergewichten» heraufgestuft, erklärt ZKB-­Anlagechef Curti.

Aufholpotenzial für Zykliker 

Wechselt man den Fokus von Regionen und Ländern hin zu einzelnen Branchen, zeigt sich, dass defensive Sektoren und grosskapitalisierte Werte bisher bei Anlegern besonders gefragt waren. Das heisst, ­Aktien aus den Bereichen Gesundheit, Nahrungsmittel, Getränke oder Pharma verbuchten solide Kurszuwächse, während zyklische Werte meist weniger ­begehrt waren. Dieser Trend zur Sicherheit könnte sich in den kommenden Wochen aber abschwächen und durch einen Wechsel zu konjunktursensitiveren Sektoren abgelöst werden. Investoren, die von einer globalen Wachstumsbeschleunigung ausgehen, sollten deshalb zyklische Branchen ins Auge fassen.

Markus Lackner, Analyst beim VZ VermögensZentrum, rechnet hier weiterhin mit moderat steigenden Aktien­­kursen. «Wir gehen davon aus, dass klassische Zykliker wie Industrie-, Grundstoff- und IT-Werte nach dem Kursrücksetzer der letzten Zeit in den kommenden Wochen und Monaten in diesem Umfeld zu den Gewinnern zählen werden.» Im Schweizer Aktienmarkt, der schwergewichtig von defensiven Werten dominiert wird, bevorzugt Markus Lackner den Kauf von mittel- und kleinkapitalisierten Titeln. Diese, so der Anlageexperte, reagierten dynamischer auf Änderungen des Konjunkturverlaufes.

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Laut ZKB-Anlagechef Curti dürfte die Konstellation «lächerlich tiefer» Zinsen und Renditen, die Anlegern bei festverzinslichen Papieren teilweise negative Realrenditen bescheren, noch mindestens zwölf Monate anhalten. Die Ausweich­bewegung in Richtung Aktienmärkte könne folglich länger als ursprünglich erwartet anhalten – und manchen der bisher abwesenden Anleger zurück an die Börse bringen.