Edelmetalle sind aufgrund der geopolitischen Unsicherheiten derzeit gefragt. Nicht nur der traditionelle sichere Hafen Gold, auch der «kleine Bruder» Silber legte beim Preis im vergangenen Jahr zu. Mit Blick nach vorne präsentieren sich die Prognosen der Experten unterschiedlich.

Derzeit werden am Markt rund 18 US-Dollar für eine Feinunze Silber auf den Tisch gelegt. Seit Januar 2019 konnte der Preis für das Metall damit um knapp 16 Prozent zulegen. Allerdings hinkt das Silber damit dem Goldpreis hinterher, der in demselben Zeitraum um rund 22 Prozent gestiegen ist, wie Händler Alexander Zumpfe vom deutschen Edelmetall-Handelshaus Heraeus gegenüber AWP betont.

Hierfür gebe es mehrere Gründe: Anders als Gold sei Silber ein Metall, das auch sehr stark von der Industrie nachgefragt wird. Damit sei sein Preis nicht nur den Stimmungen von Anlegern ausgesetzt sondern auch konjunkturellen Entwicklungen, erklärt Zumpfe.

60 Prozent gehen in die Industrie

Aktuell hätten die schwächere Nachfrage aus der Automobilindustrie, aber auch das zurückgehende Kaufinteresse aus der Solarbranche einen deutlicheren Preisanstieg zumindest verlangsamt, führt Zumpfe aus.

Silber wird dank seiner Eigenschaften beispielsweise als elektrischer Leiter für Leiterplatten und Motorschalter eingesetzt. Auch für Reflektoren, RFID-Chips oder Solarzellen wird das Edelmetall verwendet. Insgesamt gehen knapp 60 Prozent des verkauften physikalischen Silbers in die Industrie. Zum Vergleich: Beim Gold sind es knapp 10 Prozent.

Dafür fallen beim Silber die Notenbanken als grosser Nachfrager weg. Sie hätten durch ihre Käufe den Goldpreisanstieg in den letzten Monaten beschleunigt, erklärt Händler Zumpfe.

Dollar unter Druck

Aber auch beim Silberpreis spielen die Notenbanken eine Rolle - wenn auch indirekt. Vor allem die US-Notenbank Fed hat mit ihrer geldpolitischen Kehrtwende in den letzten Monaten durchaus den Markt beeinflusst, wie Santosh Brivio gegenüber AWP ausführt. Der wieder expansivere Kurs der Amerikaner habe den Dollar unter Druck gebracht - «ein ideales Umfeld für Edelmetalle», sagte der Ökonom der Migros Bank.

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Nichtsdestotrotz habe Silber aber auch von den geo- und handelspolitischen Sorgen der Anleger profitiert. Diese hätten zwar primär den Goldpreis auf neue Höchststände katapultiert. Im Zuge davon habe aber auch «kleine Bruder» Silber Aufwind verspürt.

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Weitere Chancen im neuen Jahr

Allerdings - so gibt der Experte zu Bedenken - dürfte einer der Treiber des letztjährigen Silber-Rallys auch die Spekulation gewesen sein. «Das Edelmetall dürfte vom jüngsten Aufschwung zyklischer Anlagen profitiert haben», so Brivio.

Mit Blick nach vorne gibt es mehrere Faktoren, die den Silberpreis 2020 treiben könnten. Zum einen sind dies die weiter bestehenden Unsicherheiten für die Märkte, wie es in einem Kommentar von Onvista heisst. Darunter fielen beispielsweise die weiteren Auswirkungen des Brexit, der Ausgang der US-Wahlen im Herbst, die aktuellen Spannungen im Nahen Osten aufgrund der Situation im Iran sowie auch der Handelskonflikt zwischen China und den USA.

Andererseits könnten auch Faktoren abseits der Politik einen Einfluss zeitigen. So könnte eine wieder anziehende Konjunktur den Silberpreis steigen lassen. Diese ginge nämlich wohl mit einer steigende Nachfrage aus der Industrie einher, was dem Preis Auftrieb verleihen würde, heisst es weiter.

Experten widersprechen sich

Insgesamt, so das Fazit von Stefan Graber, der bei der Credit Suisse für die Rohstoff-Strategie verantwortlich ist, dürfte die freundliche Stimmung bei den Edelmetallen weiterhin anhalten. Er habe nicht nur seine Ziele für Gold, sondern explizit auch für die Silber- und Platingruppenmetalle nach oben angepasst, um dies zu reflektieren.

«Wir bleiben für das Jahr 2020 für den Silberpreis optimistisch, gehen jedoch nicht mehr von so starken Kurssteigerungen aus, wie noch im Jahr 2019», ergänzt Simon Lustenberger. Er arbeitet als Anlagestratege für die Zürcher Kantonalbank.

Etwas weniger optimistisch ist Experte Brivio von der Migros Bank, der für die kommenden Monate tendenziell von einem fallenden Silberpreis ausgeht. Die Abwärtsrisiken hätten zugenommen. «Gerade mit Blick auf die physische Nachfrage erscheint uns etwas mehr Gegenwind für Silber wahrscheinlich», sagt er.

(awp/gku)