Die Covid-19-Krise war ein plötzlicher, exogener Schock für die Weltwirtschaft – weder zyklische Veränderungen noch strukturelle Schwächen oder anderer Fehlentwicklungen führten dazu. Daher war auch die Wirkung der historisch einmaligen Gegenmassnahmen der Regierungen und Notenbanken Neuland und können nicht mit den üblichen Methoden und Analysen beurteilt werden. Das beginnt sich jetzt aber wieder zu ändern.

Denn das globale Wirtschaftssystem entwickelt sich wieder aus eigener Kraft und wird nicht mehr von äusseren Schockwellen getrieben. Die extremen temporären Verzerrungen der Konjunkturentwicklung durch die massiven Eingriffe der Regierungen und Notenbanken beginnen sich also zu normalisieren.

Beat Thoma ist Chief Investment Officer bei Fisch Asset Management in Zürich.

Traditionelle, sehr verlässliche Frühindikatoren und Wachstumsmodelle sind daher wieder zunehmend aussagekräftig und liefern derzeit ein durchaus positives Bild für die weitere Entwicklung der globalen Konjunktur und der Finanzmärkte.

Industrieproduktion überschreitet Vorkrisenniveau

Beispielsweise zeigen ein steigender Kupferpreis, positivere Arbeitsmarktdaten, sehr starke Immobilienmärkte insbesondere in den USA und verschiedene Konsumenten- und Detailhandelsindikatoren, dass sich der weltweite konjunkturelle Aufschwung derzeit beschleunigt und verhältnismässig breit abgestützt ist.

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Nicht nur die Industrieproduktion hat teilweise wieder das Vorkrisenniveau überschritten, sondern auch der Konsum sowie der Dienstleistungssektor zeigen sich erstaunlich robust. Hier wirken noch die staatlichen Stimuluspakete sowie viel angespartes Geld – inklusive Nachholbedarf – nach.

Konjunkturimpulse lösen monetäre Stimuli an den Börsen ab

Neben dieser zunehmenden Besserung der konjunkturellen Entwicklung ist gleichzeitig eine etwas langsamere Gangart der Notenbanken zu beobachten. Insbesondere in den USA wächst die Bilanz der Fed seit einiger Zeit nicht mehr weiter an.

Dies deutet auf eine weniger starke Liquiditätszufuhr hin, soll heissen: weg von monetären hin zu konjunkturellen Impulsen. Die bisherige enorm lockere Geldpolitik führte zu einer zunehmend gefährlichen Abhängigkeit des Systems von billigem Geld. Diese Problematik wird jetzt aber durch die Normalisierung der Geldpolitik bei gleichzeitig beschleunigtem Wirtschaftswachstum immer mehr abgeschwächt.

Die bis vor kurzem noch vieldiskutierte Notwendigkeit von «Helikoptergeld» in Form von dauerhafter Finanzierung der Staatsausgaben durch die Notenbanken ist vorerst nicht mehr gegeben, bleibt aber dennoch als äusserst wirksames letztes Mittel in Reserve. Das Schiesspulver ist damit noch nicht aufgebraucht.

Finanzmärkte im Gleichgewicht

Insgesamt ergibt sich aus dem wesentlich besseren Gleichgewicht zwischen Geldpolitik und wirtschaftlichem Wachstum und dem gleichzeitig intakten Spielraum für allfällige weitere staatliche oder monetäre Interventionen ein durchaus günstiges Umfeld für die globalen Finanzmärkte in den kommenden Monaten.

Die trotz Korrektur weiterhin noch verhältnismässig hohen Bewertungen werden durch das tiefe Zinsniveau und die besseren Konsum- und Konjunkturaussichten gerechtfertigt. Die Märkte befinden sich damit nicht in einer eigentlichen Blase. Mittelfristig besteht weiteres Aufwärtspotenzial an den Börsen.

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US-Dollar als Spielverderber

Ein möglicher Spielverderber in den kommenden Monaten könnte aber der seit einiger Zeit schwache US-Dollar werden. Historisch schwächte sich die US-Währung häufig bei einer Kombination aus besserem Wirtschaftswachstum und gleichzeitig lockerer Geldpolitik ab.

Es könnte zu einer Kettenreaktion in Form von schwächerem Dollars, steigenden Rohstoffpreisen, höherer Inflation und steigenden langfristigen Zinsen kommen. Dies würde dann den Handlungsspielraum der Notenbank einschränken und eine restriktivere Geldpolitik erzwingen. Allerdings sind dies mittel- bis längerfristige Gefahren.

Kurzfristig würde ein Inflationsanstieg von der Fed noch toleriert und keine Gegenmassnahmen auslösen. Ein in kontrolliertem Rahmen inflationäres Umfeld wäre sogar noch positiv für die Konjunktur und die Aktien- und Kreditmärkte. Der schwächere Dollar würde es zudem vielen Emerging Markets erlauben, ihre eigene Geldpolitik zu lockern.

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Erst wenn die Inflationserwartungen in den kommenden Monaten deutlich anziehen sollten und gleichzeitig die für die Finanzmärkte wichtigen Geldmengenaggregate M1 und M2 zu sinken beginnen, dürfte es gefährlich werden an den Finanzmärkten. Diese Faktoren sollten Anleger daher im Auge behalten.