Beim Begriff Börse denken viele Leute an ein Casino, wo die Gier herrscht, und an eine Institution fern von Ethik. Wie ­konnte es so weit kommen?
Sven Grzebeta:
In der Tat haben Glücksspiele und Finanzinvestments auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit. Dazu kommt, dass bei Darstellungen des Börsengeschehens in Romanen und Filmen ein Stück weit immer der Exzess und die Katastrophe mitspielen. In Wahrheit aber stiftet eine funktionierende Börse volkswirtschaftlichen Nutzen, weil sie Investorengeld in die profitabelsten Finanzierungen lenkt, während Glücksspiele nur spielerischen Genuss erzeugen. Man muss die Börse an der Erfüllung ihrer volkswirtschaftlichen Aufgabe sowie an den moralischen Anforderungen der Gerechtigkeit messen – sie ist eben kein Casino.

 

 

Kritischer Ethiker

Wirtschaftsphilosoph Sven Grzebeta (50) studierte Philosophie und Englisch in Bochum, Dublin und Würzburg. Seine Doktorarbeit verfasste er über die Ethik und Ästhetik an der Börse. Er arbeitet seit über zwanzig Jahren in Frankfurt in der Finanzbranche, unter anderem als Produktentwickler und Innovationsmanager. Daneben forscht und veröffentlicht er zum Thema Finanzethik. Grzebeta ist verheiratet, hat einen Sohn und wohnt in Offenbach.

 

 

Sie haben eine Dissertation mit dem Titel «Ethik und Ästhetik der Börse» geschrieben. Offenbar haben Sie die Ethik des Börsen­geschehens gefunden. Worin liegt sie?
Ich habe zumindest nach der Ethik gesucht (lacht). Betrachtet man die Börse im engeren Sinn, also als Institution, besteht die Ethik aus den institutionellen Arrangements und Regeln, die dort herrschen. Sie sorgen dafür, dass es für alle Beteiligten gerecht zugeht. Die Regeln müssen fair sein. Und es sollte dafür gesorgt sein, dass die Handelsteilnehmer diese Regeln im Grossen und Ganzen auch einhalten. Das tut die moderne Börse.

Anzeige

An der Börse strebt doch jeder nach ­möglichst hohem Gewinn. Sie ist geprägt von Egoismus, nicht von Ethik.
Das schliesst sich gegenseitig nicht aus. Wichtig ist, dass man sich an der Börse aufeinander verlassen kann, sonst funk­tioniert sie nicht. Es gibt dort eine bestimmte soziale Ordnung. Denn wenn Sie an der Börse jeden Tag von Insidern übervorteilt würden, kämen Sie nicht wieder. Es steckt also eine bestimmte Ethik drin – nämlich, dass sich die Leute auf gewisse Regeln einigen und sich diesen unterwerfen. Die Börse als Institution überwacht die Einhaltung dieser Regeln und sanktioniert den Missbrauch.

«Bei Darstellungen der Börse in Romanen und Filmen spielen immer der Exzess und die Katastrophe mit.»

An der Börse geht es um den Shareholder Value. Treibt nicht gerade dieser die Unternehmen dazu, sich unethisch zu verhalten, indem sie etwa Mitarbeitende entlassen und Umweltstandards missachten?
Das ist ein wichtiger Punkt. Aber das Pro­blem liegt hier nicht nur bei der Börse, sondern bei jedem einzelnen Unternehmen. Deren Führungen stehen oft vor ­einem Dilemma, weil sie einerseits ökonomische Werte schaffen sollten, sich anderseits aber mit moralischen Anforderungen konfrontiert sehen.

Die Börse hat damit nichts zu tun?
Doch. Denn in der Tat scheint die Börse den ökonomischen Druck des Aktio­nariats auf die Firmenführung durch die ständige transparente Preisbildung noch zu verstärken. Die Unternehmensführung und die Aktionäre können täglich live ­mitverfolgen, wie die Firma aktuell bewertet wird. Umgekehrt können Aktionäre aber eine starke Stimme haben und das Management auf andere Ziele als nur ­die Gewinnmaximierung verpflichten. Investoren und Analysten fragen die Unternehmensleitungen immer häufiger nach einem «Purpose», also einem Daseinszweck jenseits des Renditedenkens.

53206292

Aktienmarkt: «Es gibt dort eine bestimmte soziale Ordnung.»

Quelle: RALPH ORLOWSKI

Die Börse sollte Anleger und Unternehmen in einem effizienten Markt zusammenbringen. Man bekommt aber den Eindruck, dass da ständig Crashs stattfinden, bei denen alles aus dem Ruder läuft. ­Funktioniert die Börse so, wie sie sollte?
Das müsste wohl eher ein Finanzmarkt­forscher als ein Wirtschaftsethiker beantworten. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob Crashs oder Phasen des Überschwangs ein Zeichen effizienter Finanzmärkte sind. Aber es gibt Ökonomen, die der Meinung sind, dass auch die scheinbar irrationalen Entwicklungen an der Börse ein Ausdruck effizienter Märkte sind. Zum Glück sind Crashs an der Börse die Ausnahme, nicht die Regel.
 

«Ich halte Spekulation an sich nicht für etwas Verwerfliches, nur schon deshalb nicht, weil man im Leben ohne Spekulation gar nicht auskommt.»

An der Börse gibt es Spekulanten, die den kurzfristigen Gewinn suchen. Sie haben ein besonders schlechtes Image. Sehen Sie für die Spekulanten auch eine positive, ethische Rolle?
Die meisten Ökonomen sind der Meinung, dass Spekulanten einen positiven Beitrag zur Markteffizienz leisten. Sie nutzen kurzfristige Ungleichgewichte an der Börse aus und tragen so zu mehr Stabilität und Effi­zienz bei. Auch ich halte Spekulation an sich nicht für etwas Verwerfliches, nur schon deshalb nicht, weil man im Leben ohne Spekulation gar nicht auskommt.

Wie meinen Sie das?
Wenn man an einer Weggabelung steht und eine Entscheidung trifft, spekuliert man darauf, richtig zu liegen. Der Alltag ist voll von solchen Entscheidungen unter Unsicherheit. Allerdings gibt es bei der Finanzspe­kulation besondere Problem­lagen, was die Ethik angeht. Insbesondere deshalb, weil oft sehr grosse Geldsummen mobi­lisiert werden, die zu ungleichen Kräfteverhältnissen der Beteiligten führen können. Auch gibt es Grenzen legitimer Spekula­tion, etwa wenn es um die Gesundheit von Menschen oder um eine saubere Umwelt geht. Solche öffentlichen Güter sollten der Spekulation nicht zugänglich sein.

«Solange jede und jeder das Recht hat, sich ebenfalls über automatisiertes Handeln an der Börse zu betei­ligen, ist ­dagegen wenig einzuwenden.»

Was wäre aus Ihrer Sicht unethisches ­Verhalten an der Börse?
Verstösse von einzelnen oder von Gruppen gegen die Regeln der Börse, vor allem kriminelle Aktivitäten, sind definitiv unethisch. Das trifft etwa auf Versuche einzelner Akteure zu, ungleiche Bedingungen zu schaffen, indem sie die Regeln einseitig und zu ihren Gunsten gestalten oder auslegen. Damit meine ich zum Beispiel Marktmanipulationen. Weiter haben wir die Gier angesprochen. Sie ist sicher keine schöne Eigenschaft von Menschen und gilt als unethisch. Aber sie ist Trieb­feder vieler Investoren. Was noch wichtig ist: Nicht jede Ungleichheit an der Börse bedeutet auch Ungerechtigkeit.

Was heisst das konkret?
Das zeigt sich etwa beim Algorithmic Trading, also beim automatisierten Handel an der Börse. Da argumentieren manche Leute, das sei unethisch, weil die Algo-Trader wegen ihrer Geschwindigkeit einen Vorteil haben. Solange allerdings jede und jeder das Recht hat, sich ebenfalls über automatisiertes Handeln an der Börse zu betei­ligen, ist ­dagegen wenig einzuwenden.

An der Börse werden auch Unternehmen gehandelt, die als schlecht gelten, zum ­Beispiel Öl- und Gasfirmen oder Firmen, die mit Waffen geschäften. Kann die Börse so einem moralischen Anspruch genügen?
Klar ist, dass Aktionäre Einfluss auf das Handeln von Unternehmen haben. Einerseits können sie ihr Geld in solche Firmen lenken, die aus ihrer Sicht moralisch handeln. Wobei der katholische Anleger vielleicht nicht in Pharmafirmen investieren will, die Verhütungsmittel herstellen, während der muslimische Anleger Alkoholproduzenten ablehnt. Anderseits können Investoren Druck auf das Mana­gement von Firmen ausüben, bestimmte moralische Standards einzuhalten.

Gerade jene Nachhaltigkeitskriterien bei Investments sind hoch im Kurs, die eine Orientierung an ökologischen und sozialen Standards einfordern. Kommt damit eine neue Ethik in das Börsengeschehen?
In der öffentlichen Wahrnehmung schon. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob solche nachhaltigen Ansätze in der Breite viel bewirken. Die Frage ist, ob die Investoren tatsächlich auf einen Teil ihrer Rendite verzichten, um sozialen und ökologischen Kriterien zum Durchbruch zu verhelfen. Wir sind hier wieder bei der Grundfrage, ob Unternehmen nur dazu da sind, Güter zu produzieren, oder ob sie darüber hi­naus auch noch etwas Gutes für die Gesellschaft bewirken sollten. Die Börse beurteilt diese Fragen nicht, sie schafft nur den Rahmen für den effizienten und fairen Handel von Unternehmensanteilen.

«Man muss den Leuten erklären, was an der Börse passiert»

Wie könnte man das Image der Börse sonst verbessern?
Durch Transparenz. Man muss den Leuten erklären, was an der Börse passiert und dass sie eben kein Casino ist, sondern eine wichtige volkswirtschaftliche Institution. Da kursieren viele falsche Vorstellungen. Zudem muss der hohe Standard der Regeln und der Compliance fortgeführt werden. Denn nur schon ein kleiner ­Verdacht, dass die Beteiligten nicht fair handeln, führt dazu, dass sich die Öffentlichkeit enttäuscht abwendet.