Würden Sie über eine Internetplatt- form irgendwelchen Fremden Geld ausleihen?
Andreas Dietrich: Ja, das habe ich auch schon gemacht. Beim Crowdlending muss man ja nicht selber eine Risikoprüfung machen, sondern die entsprechende Plattform übernimmt das. Man erfährt dabei einiges über den Hintergrund eines Antragstellers. Ist der Antragsteller ein KMU, kann man sogar Businesspläne einsehen.

Dennoch: Ist das Risiko nicht sehr hoch?
Nein, zumindest in der Vergangenheit war das Risiko überschaubar. 2018 zum Beispiel betrug die Ausfallquote beim Crowdlending nur gerade 1,3 Prozent. Die durchschnittliche Rendite war ­dagegen 5,1 Prozent.

Auf Sparbüchern und für Anleihen gibt es praktisch keinen Zins mehr. Wie Sie sagen, sind über Crowdlending aber Zinsen von 5 oder noch mehr Prozent möglich. Wie geht das auf?
Man muss die Zinsen im Consumer Crowdlending mit dem Konsumkreditmarkt vergleichen. Dieser hat traditionellerweise hohe Margen. Die Netto­zinsmarge bei der Cembra Money Bank etwa beträgt über 6 Prozent, die Zinsen bewegen sich zwischen 5 und 12 Prozent. Darin inbegriffen ist, dass das Risiko bei Konsumkrediten durchaus eine gewisse Höhe hat. Auch die Zinsen bei Krediten an KMU sind hoch. Kleine Geldsummen an Unternehmen zu verleihen, die unter Umständen nur ein mittelmässiges Rating haben – das kostet eben. Für Banken ist der Aufwand für die Vergabe von Krediten über gerade mal 200'000 oder 300'000 Franken relativ gross. Das spiegelt sich in den Renditen beim Crowd­lending.

Sie führen für die Hochschule Luzern ­jedes Jahr den «Crowdlending Survey» durch. Wie seriös sind die Anbieter?
Crowdlending-Plattformen gibt es in der Schweiz seit zwölf Jahren. Es ist bisher noch nie ein Fall eingetreten, bei dem eine Plattform die Beteiligten betrogen hat. Die mir bekannten Plattformen sind seriös. Sie haben aber Angst vor schwarzen Schafen, die den Ruf der Branche ruinieren könnten.

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Wie bedeutend ist das Crowdlending?
Verglichen mit dem gesamten Markt an Krediten ist Crowdlending immer noch ziemlich unbedeutend. Es wurden letztes Jahr auf diese Art zwar insgesamt 418 Millionen Franken an Krediten vergeben, aber das ist noch nicht einmal 1 Promille des Gesamtmarktes.

Könnte sich das ändern?
Die Branche wird zwar weiterwachsen, aber der typische Bankkredit wird wohl auch mittelfristig nicht abgelöst.

Worin besteht das Innovative beim Crowdlending?
Die Idee, dass mehrere Personen Geld zusammentragen, um ein Projekt zu ­finanzieren, ist uralt. Relativ neu ist, dass auch Kredite über Plattformen vergeben werden können. Mit der Digita­lisierung kann man das auf einfache und effiziente Weise realisieren.

Crowdlending-Plattformen im Vergleich

Mit Crowdlending kommen Private und KMUs ganz ohne Bank an Kredite. Trotz dem stattlichen Wachstum lässt der Riesenboom auf sich warten. Hier gehts zum Vergleich verschiedener Schweizer Anbieter.

Auffallend ist, dass Crowdlending im Immobilienbereich einen immer ­grösseren Anteil ausmacht. Warum?
Schwierig zu sagen. Grundsätzlich ist es natürlich ein riesiger Markt. Und häufig geht es um Zwischenfinanzierungen von einigen Monaten oder um Hypotheken an nicht so gute Schuldner. Dieses Geschäftsmodell hat sich nach und nach entwickelt, die Nachfrage war da. Und einige Plattformen haben sich ­danach ausgerichtet.

Im Gegenzug verzeichnete das Crowd­lending an Private in den letzten zwei Jahren geringe Wachstumsraten. Wollen die Leute vielleicht doch nicht das tolle Auto des Nachbarn finanzieren?
Das ist weniger der Grund. Es sind eher die Kapitalanträge, die fehlen. Dieje­nigen Kredite aber, die im Consumer-­Bereich ausgeschrieben worden sind, wurden auch finanziert.

Worauf muss man achten, wenn man über eine Crowdlending-Plattform Geld anlegen will?
Man sollte nicht sein ganzes Geld auf ­einen Kredit setzen. Das Ausfallrisiko ist zwar wie gesagt gering, aber wenn man alle Eier in einen Korb legt, kann auch plötzlich alles weg sein. Diversifikation ist also wichtig. Am besten verteilt man sein Geld sowohl an KMU wie auch an Private, und dies in verschiedenen Risikoklassen. Auch sollte man sich überlegen, wann man das Geld wieder braucht, und entsprechende Laufzeiten wählen.

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Es gibt jetzt rund ein Dutzend Crowd­lending-Plattformen in der Schweiz. Können sich alle behaupten?
Nein, vermutlich wird es eine Konso­lidierung geben. Es ist ein skalierbares Geschäft und jede Plattform braucht eine gewisse Grösse.

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