Seit Wochen pumpen die Zen­tralbanken Liquidität in die Märkte. Längst fragen nicht nur Investmentmanager von grossen Fonds danach, ob das viele neue Geld irgendwann am Vertrauen in unsere Währungen kratzen könnte. Ein Ende der Massnahmen ist jedenfalls nicht in Sicht. Mit Geld fluten, lautet ein unumstösslicher Pfeiler der Krisenbewältigung.

Den entgegengesetzten Weg beschreitet in diesen Tagen die grösste der nicht staatlich kontrollierten Währungen – Bitcoin.

Hier wird die Ausweitung der Geldmenge gerade verringert. Ab nächster ­Woche kommen weniger neue Bitcoins in Umlauf als bisher. Quantitative Tightening statt Quantitative Easing heisst das im ­Jargon.

Das sogenannte Halving ist fester Bestandteil der Geldpolitik der grössten Kryptowährung, findet alle vier Jahre statt und ist im Programmcode eingeschrieben. Mehr dazu hier im Podcast.

Hören Sie im Podcast «HZ Insights»: «Krypto: Wie weiter mit Bitcoin und Co.?»

Das wiederkehrende Ereignis garantiert, dass die Anzahl jemals existierender Bitcoins begrenzt und berechenbar ist und verleiht Bitcoin überhaupt seine ­Eigenschaft als knappes digitales Gut.

Suchanfragen nehmen rasant zu

Täglich kommen 1800 neu geschaf­fene Bitcoins im Wert von 15 Millionen Franken in Umlauf. Die meisten davon werden zügig auf den Marktplätzen verkauft. Ab dem 12. Mai verknappt sich nun das Angebot um die Hälfte auf 900.

Bei gleichbleibenden Preisen braucht es also deutlich weniger Millionen Franken, um die auf die Märkte geworfenen Coins zu absorbieren. Das Halving gehört mit Sicherheit zu den bedeutendsten Ereignissen des Jahres in der Kryptobranche. Die einschlägigen Suchanfragen auf Google jedenfalls schiessen seit Wochen exponentiell nach oben.

Ohnehin nimmt der Kryptoboom wieder Fahrt auf. Nicht nur wegen der Kurse, die zuletzt anzogen und Bitcoin seit Anfang Jahr ein Plus von 25 Prozent gebracht haben (siehe Chart).

Erst letzte Woche hat die bekannte amerikanische Venture-Capital-Firma a16z eine halbe Milliarde Dollar für seinen jüngsten Kryptofonds ein­gesammelt. Die Volumina an etablierten Futures-Handelsplätzen wie CME nehmen rasant zu. Und Kryptobörsen überbieten sich zurzeit mit Neuanstellungen.

Seit seinen Anfängen wird Bitcoin von seinen Verfechtern auch als makroökonomisches Projekt verstanden. Als Alter­na­tive für den Fall, dass sich an der geldpolitischen Front Einschneidendes tut.

Eine Frage des Zeitgeistes

Globaler Dollar-Mangel, Gelddrucken der Notenbanken und drohende Überschuldung von Unternehmen und Staaten: In nur wenigen Monaten hat sich die Lage zugespitzt. Nicht wenige Bitcoin-­Anhänger erklären, jetzt beginne Bitcoins Phase der Bewährung.

Die meisten Verfechter stützen sich dabei auf das Narrativ, wonach wegen der Dollar-, Euro-, Yen-Flut eine gröbere Inflationswelle drohe. In diesem Umfeld müsse sich Bitcoin als sicherer Hafen wie Gold bewähren.

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Doch selbst wenn mittlerweile Investmentgrössen wie Ray Dalio vom Ende des Geldes, wie wir es heute kennen, sprechen, so ist dieser Weg zumindest auf mittlere Frist noch nicht vorgezeichnet.

 

Was kurzfristig mindestens ebenso droht, sind deflationäre Tendenzen wegen lang an­haltender Konjunkturflaute, Firmenpleiten und wegen des Rückganges des Preis­niveaus. Ein solches Umfeld liesse Bitcoin wohl weniger attraktiv erscheinen.

Ein faires Preisschild lässt sich Bitcoin ohnehin nicht umhängen. Die Währung hat keinen intrinsischen Wert, sondern verfügt einzig über drei Eigenschaften, die offensichtlich von zahlreichen Leuten geschätzt werden: rar, digital und nicht zu konfiszieren.

Oder anders gesagt: Klassische Währungen bauen auf der Macht des Staates auf, Bitcoin dagegen auf der Absenz desselben. Welchem Konzept die Leute und Investoren mehr Vertrauen entgegenbringen, ist immer auch eine Frage des Zeitgeistes.

Zahlungssystem stockt

Zuletzt rückte Bitcoins Funktion als digitales Gold, als alternatives Wertaufbewahrungsmittel in den Vordergrund. Fast vergessen ist eine der Absichten der Erfinder, mit Bitcoin auch ein neues alltagstaugliches Zahlungssystem bereitzu­stellen.

Inzwischen ist allen klar, dass die ursprüngliche Technologie hierfür nur ­beschränkt geeignet ist. Die Softwareentwickler treiben Projekte wie Mast und Tap­root zwar kräftig voran, welche den Funktionsumfang von Bitcoin erweitern.

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► Entschädigung Bei Bitcoin erhalten die sogenannten Miner eine Entschädigung dafür, dass sie das Netzwerk schützen und unterhalten. Als die Währung 2009 startete, erhielten die Miner alle 10 Minuten 50 Bitcoins, die sie später grösstenteils an den Börsen verkauften. So kamen die Bitcoins überhaupt erst in Umlauf.

► Knappheit 2012 fand das erste Halving statt. Von da an erhielten die Miner nur noch 25 Bitcoins, knapp vier Jahre später nur noch 12,5 – und ab nächster Woche nun noch 6,25. So gelangen immer weniger neue Bitcoins in Umlauf, bis am Ende im Jahr 2140 alle 21 Millionen Bitcoins verteilt sind (siehe Grafik unten).

► Gebühren Je geringer die Entschädigung aus neu geschaffenen Bitcoins für die Miner ausfällt, desto wichtiger wird für sie eine zweite Einnahmequelle: die Transaktionsgebühren. Heute machen die Gebühren erst rund 3 Prozent dessen aus, was die Miner für ihre Dienste erhalten. Die Tendenz ist steigend.

Aber gerade beim für schnelle und güns­tige Überweisungen so wichtigen Lightning-Projekt ist zuletzt etwas Ernüch­terung eingekehrt. Eine erste Version vermochte die erhofften Zahlungsströme bisher nicht auszulösen.

Vielleicht ist es auch gar nicht nötig, dass Bitcoin selber die Infrastruktur für das alltägliche Bezahlen zur Verfügung stellt.

Inzwischen entstehen auf anderen öffentlichen Blockchains wie Tezos oder Ethereum sogenannte Bitcoin-Derivate, die schneller und günstiger zu überweisen und trotzdem zu 100 Prozent durch echte Bitcoins gedeckt sind.

Finanzparadies Schweiz

Aktuell geht der Trend eindeutig in diese Richtung: Bitcoin stellt einen neuen Vermögenswert zur Verfügung, andere Chains stellen die In­frastruktur für die Dienstleistungen dazu bereit. Dabei geht es diesen nicht nur um Bitcoin, sondern auch um klassische Währungen.

Auf Ethereum kursieren mittlerweile 6 Mil­liarden Dollar. Franken sind es etwas weniger, aber doch bereits 4,7 Millionen Franken.

Die eigentlichen Nutzer werden dereinst von alledem nichts mitbekommen, sondern einfach eine App verwenden, mit der sie ihre Dollars oder Bitcoins verwalten, herumschicken oder anlegen.

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Zunächst vielleicht nicht gerade im gut funktionierenden Finanzparadies Schweiz, sondern etwa in Libanon, wo die Leute wegen der Wirtschaftskrise und der poli­tischen Wirren ihr Guthaben nur noch ­beschränkt von den Banken abheben können und teilweise happige Wohlstandseinbussen hinnehmen müssen.