Wenn Paare Kinder haben, dann sind sie meistens verheiratet, konkret: Die Quote liegt bei 93 Prozent. Fast alle Eltern befinden sich also in der Situation, dass die Ehefrau teuer dafür bezahlt, wenn sie mit einem hohen Pensum arbeiten geht. Die Gründe dafür liegen in der Gestaltung der Steuergesetze.

Das müsste nicht so sein, wie ein Papier von Avenir Suisse darlegt. Der Think Tank hat berechnet, welche Reformen der Steuergesetze es finanziell attraktiver machen würden, dass in einer Ehe beide Partner in einem hohen Pensum arbeiten.

Aktuell ist es so: Die Steuergesetze in der Schweiz benachteiligen die Zweitverdienerin deutlich, meistens ist das die Frau. Je nach Gehalt der Partner ist es möglich, dass Mütter bei einem Pensum von 60 Prozent mehr Einkommen zur Verfügung haben als bei einem Pensum von 100 Prozent.

Die andere Seite der Medaille: Wer lange in einem tiefen Pensum arbeitet, riskiert eine geringe Altersrente. Derzeit müssen sich viele Frauen also entscheiden: Hohe Steuern in der Gegenwart oder eine geringe Altersrente, vor allem im Falle einer Scheidung?

Dagegen hält Avenir Suisse zwei Lösungswege für sinnvoll. Dabei konzentrierten sich die Autoren Valérie Müller und Marco Salvo der Übersichtlichkeit halber auf die Bundessteuern.

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Verdienen Mann und Frau den Medianlohn, hat die Frau bei einem Pensum von 100 Prozent weniger Einkommen zur Verfügung als bei 60 Prozent.

Quelle: Avenir Suisse
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1. Mehr Betreuungskosten absetzen können

Zum ersten: Lohnen würde sich, wenn Familien einen grösseren Anteil der Betreuungskosten für ihre Kinder von der Steuer absetzen könnten. Die Betreuungskosten schlagen vor allem in den ersten Jahren zu Buche, solange die Kinder in die Kita gehen. Derzeit ist jährlich maximal der Abzug von 10'100 Franken möglich, damit können Eltern im besten Falle zwei Kita-Tage pro Woche für ein Jahr finanzieren. Würde der Gesetzgeber den Rahmen hier ausweiten, rechnet es sich für die Familien deutlich. Weitere Kita-Tage - zum Beispiel, weil beide Partner 80 Prozent arbeiten und das Kind drei Tage in der Woche dort betreut wird - minimieren dann nicht länger den Lohn der Ehefrau.

Ein höherer Abzug für die Betreuungskosten würde Eltern entlasten, die beide in einem hohen Pensum arbeiten, da sie mehr Kita-Betreuungstage von der Steuer absetzen könnten. Von dieser Massnahme verspricht sich Avenir Suisse deutliche Effekte, während zugleich der Aufwand im Rahmen bleibt. Der Steuerausfall würde sich auf lediglich 60 Millionen Franken (10 Millionen Franken davon auf Bundesebene) belaufen, so lautet die Kalkulation.

Die konkrete Schätzung: Eine Erhöhung des Betreuungskostenabzugs dürfte die Erwerbstätigkeit von Müttern in einem Umfang steigern, der 2500 Vollzeitstellen entspricht. Würden die Betreuungskosten auch auf Kantonsebene erhöht, würde der Umfang 4800 Vollzeitstellen entsprechen.

Wenige bis negative Effekte erwarten die Autoren der Studie dagegen von einer Erhöhung des Kinderabzugs, der zudem mit Steuerausfällen von 350 Millionen Franken verbunden wäre.

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Die Heiratsstrafe würde bei einer individuellen Besteuerung auch wegfallen.

Quelle: Avenir Suisse

2. Individualbesteuerung einführen

Der zweite Ansatz, für den Avenir Suisse plädiert, ist die Individualbesteuerung. Diese weist das beste volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Verhältnis aus, halten die Autoren fest. Ein weitere Vorteil: Die Heiratsstrafe für gutverdienende Doppelverdiener würde gleichzeitig wegfallen.

Avenir Suisse verspricht sich hier einen erheblichen Effekt. Wenn die Individualbesteuuerung umgesetzt würde, entspräche das einem Potenzial von 20'000 bis 40'000 Vollzeitstellen, wenn die Steuern auf der Ebene des Bundes und der Kantone angepasst würden. Damit könnte fast jede siebte Ehefrau in der Schweiz ihr Pensum erhöhen und es würde sich für sie rechnen, wenn sie individuell veranlagt würde und nicht gemeinsam mit ihrem Ehemann. Der Steuerausfall betrüge 783 Millionen Franken - vergleichsweise wenig im Verhältnis zu anderen Optionen.

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Die modifizierte Individualbesteuerung weist das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis auf.

Quelle: Avenir Suisse

3. Schwieriger Fall: Elternurlaub

Vor allem in diesen beiden Hebeln – Erhöhung des Betreungskostenabzugs und der Individualbesteuerung – sieht Avenir Suisse das grösste Potenzial. Auch den vieldiskutierten Elternurlaub beurteilt sie wohlwollend und bestätigt, dass er potenziell die Erwerbstätigkeit von Frauen fördern kann. Ausserdem entspräche ein Elternurlaub dem Bedürfnis vieler jüngerer Väter, selbst präsenter bei den Kindern zu sein. Anders gesagt: Elternurlaub ist auch eine Frage des Zeitgeistes.

Rein rechnerisch ist es aber schwierig, einen Zusammenhang zwischen einem Elternurlaub und einem Verbleib der Frau in der Erwerbstätigkeit zu belegen. Effekte auf die Beschäftigung und auf die Gleichstellung im Job variieren je nach Modell stark. Es heisst: «Eine angemessene Länge des Urlaubs ist ausschlaggebend, damit die Beschäftigung der Mütter positiv, die Löhne und Karrierechancen jedoch nicht negativ beeinflusst werden.»

Laut Avenir Suisse wirkt ein längerer, aber nicht zu langer Elternurlaub positiv, den die Eltern sich frei aufteilen können. Von rund 20 Wochen, also fünf Monaten, ist die Rede – bis zu dieser Länge steigt die Beschäftigung bei Frauen, wenn ein solcher Urlaub gegeben wird.

Auch der Erwerbsersatz muss entsprechend hoch sein, damit Eltern frei entscheiden können, wer zu Hause bleibt und nicht der Hauptverdiener – meist der Vater – zwingend arbeiten muss. Es heisst: Ein kürzerer Elternurlaub mit hohem Lohnersatz hat wahrscheinlich einen besseren Erfolg als ein langer Elternurlaub mit niedrigem Lohnersatz.