Noch Ende letzten Jahres konnte man den Eindruck bekommen, es sei schlecht bestellt um die Zukunft ­von sogenannten Robo-Advisors in der Schweiz. Es hatten sich gleich drei Anbieter aus dem Geschäft mit der ­digitalen Vermögensberatung und der voll­automatisierten Vermögensverwaltung zurückgezogen. Zuerst hatte die Glarner Kantonalbank ihrem «Investomaten» den Stecker gezogen. «Die Schweizer sind offenbar nicht bereit, einer Internetplattform Geld anzuvertrauen», begründete die Bank das Aus nach vier Jahren.

Dann hatte die Allianz Suisse den Betrieb von Elvia E-Invest eingestellt, nach nur zwei Jahren. Und schliesslich hatte sich auch noch das deutsche Unternehmen Scalable Capital mit dem Betrieb ihres Robo-Advisors aus der Schweiz zurückgezogen. Die Firma begründete den Rückzug mit den Finanzrichtlinien Fidleg und Finig, welche die digitale Vermögensverwaltung erschweren würden.

Starkes Wachstum während Corona

Doch nun, da die Corona-Krise über die Schweiz gekommen ist, sieht plötzlich alles anders aus. Die verbliebenen An­bieter von Digital-Investitionsplattformen melden grossen Zulauf an Kundinnen und Kunden und verwaltetem Vermögen – trotz oder gerade wegen Corona.

«Dieses Jahr sind wir stark gewachsen», sagt etwa Kevin Linser, Mitgründer von Selma Finance. Man habe schon deutlich mehr als tausend neue Konten eröffnen können. Selma Finance wurde 2016 gegründet und ist seit letztem Jahr mit digitaler Kontoeröffnung am Markt zugänglich. «Die Corona-Krise führt dazu, dass digitale Kanäle noch beliebter werden», betont Linser.

Über 1200 neue Kunden in diesem Jahr freut sich auch Felix Niederer, Chef von True Wealth. Insgesamt seien es nun schon über 5000. «Das hat mich erstaunt, denn nach dem Markteinbruch dachte ich, dass das Geschäft jetzt schwieriger wird.» Man sei aber «fast überrannt» ­worden von neuen Kunden, so Niederer. True Wealth hat seinen Robo-Advisor seit 2014 am Laufen und war eines der Pionierunternehmen. Einen grossen Zulauf in der Krise verzeichnet auch Descartes Finance. Zwar gibt diese Firma, die seit 2017 ­digitales Anlegen an­bietet (insbesondere auch in der ­Altersvorsorge), weder Kundenzahl noch verwaltetes ­Gesamtvermögen bekannt. Aber: «Das Interesse ist sehr gross und wir haben überdurchschnittlich zugelegt», sagt Unternehmensgründer Adriano Lucatelli.

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Algorithmen im Einsatz

Robo-Advisors sind auf dem Schweizer Markt erstmals vor einigen Jahren aufgetaucht. Sie ermöglichen es, das Anlagegeschäft vollständig digital abzuwickeln. Kontoeröffnung und Vermögensalloka­tion erfolgen vollautomatisch: Zuerst wird anhand von spezifischen Angaben des Anlegers ein persönliches Risikoprofil errechnet. Dann stellt ein Algorithmus ein dazu passendes Portfolio zusammen, das vor allem auf ETF beruht, also börsen­kotierten Indexfonds. Im Weiteren wird dieses Portfolio ständig überwacht und durch automatisierte Zu- oder Verkäufe wieder dem Risikoprofil angepasst, falls es wesentliche Kursbewegungen gibt.

So nutzen Sie Robo-Advisors

▶︎ Anbieter vergleichen: Welches Team steht hinter einem Anbieter? Hat es genügend Erfahrung in der Vermögensverwaltung? Mit welcher Depotbank arbeitet ein Anbieter zusammen? Sagt einem die Benutzeroberfläche zu?

▶︎ Gebühren beachten: Wie hoch sind die Produktgebühren? Welche Verwaltungsgebühr verlangt ein Anbieter? Kommt noch eine Stempelabgabe hinzu? Fallen Fremdwährungstransaktionskosten an, falls die Produkte nicht in Schweizer Franken gekauft werden können?

▶︎ Risikofähigkeit ermitteln: Wie gelassen geht man mit Wertschwankungen um? Wie rasch bekommt man bei Verlusten ein finanzielles Problem?

▶︎ Investierbaren Betrag bestimmen: Wie gross ist der Betrag, den man in die Anlage stecken will? Soll zuerst nur ein Teilbetrag investiert werden, um sich mit dem Anbieter vertraut zu machen? Soll jeden Monat ein bestimmter Betrag aufgewendet werden?

▶︎ Zeithorizont festlegen: Wie lange kann man das Geld entbehren?

Das Ziel des Robo-Advisor-Geschäfts ist, auch Personen mit wenig Geld eine professionelle Verwaltung ihres Vermögens anzubieten. Weil die persönliche ­Beratung wegfällt und weil vor allem auf kostengünstige ETF gesetzt wird, soll diese Art des Anlegens zudem besonders günstig sein. Eine «transparente, regelbasierte und emotionslose Umsetzung der Anlagestrategie» sei der Vorteil der digitalen Vermögensverwaltung, sagt Lucatelli von Des­cartes Finances. «Unser Ziel ist, zur Demokratisierung des Anlegens beizutragen. Anlagestrategien, die bisher nur der vermögenden Bevölkerung offenstanden, können wir dank Digitalisierung nun auch jüngeren und weniger reichen Anleger anbieten, und das erst noch zu sehr güns­tigen Konditionen.»

Felix Niederer von True Wealth nennt Transparenz, tiefe Kosten und gesparte Zeit als Vorteile von Robo-Advisors. Bei seinem Unternehmen müsse aber kein Anleger die Strategien des Algorithmus unbesehen übernehmen, wenn er nicht wolle. «Die Kundinnen und Kunden können den Vorschlag auch individualisieren. Etwa die Hälfte ­macht das.»

Gross in Mode in den USA

Bevor es Robo-Advisors gegeben hat, seien viele Retailkunden mit ihren Anlageentscheidungen alleine gelassen worden, sagt Linser von Selma Finance. «Darum hat eine riesige Gruppe von Leuten gar nie mit dem Geldanlegen begonnen. Auf ­diese Kunden und Kundinnen fokussieren wir.»

Gross in Mode sind Robo-Advisors vor allem in den USA. Dort beträgt die Marktdurchdringung mit 420 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen immerhin 2 Prozent. In der Schweiz hingegen fristete die digitale Vermögensverwaltung bislang ein Mauerblümchendasein. Gemäss einer Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern betrug das digital verwaltete Vermögen hier 2018 gerade mal 320 Millionen Franken, was einem Zehntel ­Promille des gesamten in der Schweiz verwalteten Vermögens entsprach.

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Robo-Advisor haben 2018 nur gerade 320 Millionen Franken in der Schweiz verwaltet, was einem Zehntel Promille des in der Schweiz verwalteten Vermögens entsprach.

Quelle: iLexx
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Corona sorgt nun immerhin für Aufwind. «Warum das so ist, weiss ich nicht», gibt Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern zu, der wohl profundeste Kenner von Robo-Advisors in der Schweiz. Offenbar aber schwappt die Digitalisierungswelle, welche die Schweiz in Zeiten von Corona erfasst hat, auch auf das Anlagegeschäft über.

Kein grosses Interesse am vollauto­matisierten Anlagegeschäft haben bis jetzt allerdings die Grossbanken. Dort setzt man weiterhin auf Berater aus Fleisch und Blut. «Wir glauben nicht an den Supercomputer, der ohne menschliches Zutun unsere Kundinnen und Kunden berät», schreibt die Zürcher Kantonalbank. Die UBS verfolgt nach eigenen Angaben lieber den «hybriden Ansatz, der Hightech und Human Touch verbindet». Auch die Credit Suisse bevorzugt ein «beratungsunterstütztes Modell», zieht aber immerhin «mittelfristig» ein ­Robo-Advisor-Angebot in Betracht.

Die bisherigen Anbieter von Robo-­Advisors in der Schweiz sind jedoch überzeugt, dass ihr Geschäft Zukunft hat. «Wir wachsen rasch, durch Mundpropaganda», konstatiert Niederer. «Die Kunden und Kundinnen lernen vermehrt die Vorteile von digitalen Lö­sungen kennen», betont Linser. «Das wird weitergehen.» Mehr als Nischenplayer werden Robo-Advisors aber zumindest auf mittlere Frist kaum sein – darin sind sich fast alle Beobachter und Anbieter ­einig.

Fakten zu Robo-Advisors

▶︎ 2011 lancierte das Vermögenszentrum (VZ) den ersten Robo-Advisor der Schweiz.

▶︎ 0,01 Prozent: So gross war 2018 der Anteil der Robo-Advisors am gesamten in der Schweiz verwalteten Vermögen.

▶︎ 5000 Kunden: Diese Grenze überschritten hat soeben das Unternehmen True Wealth, das auf Robo-Advisors spezialisiert ist.

▶︎ 420 Milliarden Franken: So gross ist umgerechnet das in den USA digital verwaltete Vermögen.