Bilanz: Die europäische Exportwirtschaft profitiert derzeit vor allem von der fast weltweit anziehenden Konjunktur, aber auch vom schwachen Euro. Wie sehen Sie die Entwicklung der EU-Gemeinschaftswährung in den nächsten zwölf Monaten?
Alfred Roelli: Eines vorweg: Wie viele Marktbeobachter und Prognostiker haben auch wir nicht erwartet, dass der Euro so stark einbricht, gegenüber dem Dollar immerhin 25 Prozent. Bei Kursen unter 0.90 Dollar ist der Euro enorm unterbewertet. Er müsste mindestens bei 1.05 bis 1.10 Dollar liegen. In diese Region sollte die EU-Gemeinschaftswährung in den nächsten Monaten zurückfinden.

Was stimmt Sie so optimistisch?
Die anstehenden Steuerreformen in Deutschland, Frankreich oder auch Finnland werden greifen und der Wirtschaft Aufschwung verleihen. Das hat sich in den Niederlanden und Spanien gezeigt, wo entsprechende Aktionen bereits erfolgreich durchgezogen wurden. Die Politiker haben nun ja Spielraum für Steuersenkungen. Durch den konjunkturellen Aufschwung resultieren gegenüber den Budgets jetzt schon Steuermehreinnahmen. Hinzu kommen die Milliardenerlöse aus den Versteigerungen der Mobilfunklizenzen. Zudem wird sich die Produktivitätsentwicklung in Europa relativ zu den USA verbessern. Da haben wir in Europa noch einen gewaltigen Nachholbedarf. Wenn sich diese ganze Entwicklung einmal in den Köpfen ausländischer Investoren festgesetzt hat, werden die Kapitalströme wieder nach Europa fliessen, wovon natürlich auch die hiesigen Aktienbörsen profitieren.

Doch anders als noch vor wenigen Wochen gehen heute viele Prognostiker davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in den USA 2001 erneut über jenem von Euro-Land liegen wird. Welche Auswirkungen hätte das auf die europäischen Aktienmärkte?
Das wäre, abgesehen von der Stärke des Wachstums, eine herbe Enttäuschung. Dann würde ich auch für den Euro schwarz sehen. Aber ich gehe mit diesen Prognostikern nicht einig. Der Konsum in Europa läuft, ein Kick kommt jetzt zunehmend von den Investitionen. Wir befinden uns also in einem klassischen Konjunkturzyklus.
Zudem wird zu wenig beachtet, dass die Wirtschaftsdaten in den USA in einigen Bereichen überzeichnet sind. Man könnte sogar von statistischen Manipulationen reden. So werden etwa die Softwareausgaben in Europa unter Kosten verbucht, in den USA aber als Investitionen ausgewiesen.

Kommen wir nochmals zum Euro zurück. Welche Auswirkungen hat die EU-Osterweiterung auf seine Kursentwicklung?
Das ist eine psychologische Belastung. Aber internationale Investoren schauen in Ländern wie Ungarn, Polen, Tschechien oder den Staaten des Baltikums immer nur auf die Risiken, statt auch die Chancen zu sehen. Hier steckt doch ein gewaltiges Potenzial. Zudem werden diese Länder ja auch nicht sofort mit dem EU-Beitritt in den Euro eingebunden. Dieses Prozedere dauert mindestens fünf Jahre.

Der Euro kränkelt. Der Erdölpreis treibt die Inflationsrate hoch und das Geldmengenwachstum liegt in Europa über den Zielvorgaben. Das könnte die Europäische Zentralbank zu einer weiteren Straffung der Geldzügel veranlassen. Wie würden die europäischen Aktienmärkte reagieren?
Eher sehe ich da mittelfristig ein Risiko. Denn die Europäische Zentralbank ist stark gefangen im Verhaltensmuster der Deutschen Bundesbank. Die hat in der Vergangenheit immer noch rund sechs Monate lang an der Zinsschraube gedreht, wenn die Konjunktur schon umgeschlagen hatte. US-Notenbankchef Alan Greenspan agiert viel kurzfristiger und bewegt sich mit seiner Politik praktisch parallel zur Wirtschaft.
Die kurzfristigen Zinsen mögen in Europa während der kommenden zwölf Monate nochmals um 0,75 Prozentpunkte anziehen. Aber im langfristigen Bereich, und das ist entscheidend, kommt es wegen der abnehmenden Staatsdefizite zu einer Entlastung. Das wird sich auf die europäischen Börsen positiv auswirken. Den Dax etwa, der jetzt um die 7400 liegt, werden wir in diesem Jahr auf jeden Fall noch bei 8000 Punkten sehen. Wir stehen vor einer Herbstrallye oder sind schon mitten drin.

Wird da kein Störfeuer von den neuen Märkten kommen?
Die reinigende Korrektur der Notierungen am deutschen Neuen Markt wie in diesem Jahr sollte mittelfristig wieder die Grundlage für einen gesunden Aufwärtstrend bilden. Diese junge Börse wurde vor allem von Anlegern getragen, die keine oder kaum Erfahrungen mit Aktienengagements hatten und noch nie in volatile Märkte investiert hatten. Und dann entpuppten sich die Strategien vieler Firmen am Neuen Markt als reine Seifenblasen. Der Aufschwung an der US-Technologiebörse Nasdaq basiert zum grossen Teil auf solideren Geschäftsmodellen.

Aber muss man da nicht auch den Banken einen Vorwurf machen? Sie haben diese Seifenblasenunternehmen ja an den Neuen Markt gebracht und nicht schlecht daran verdient.
Das ist bis zu einem gewissen Grad richtig. Nur müssen sich auch die Verantwortlichen des Neuen Marktes selber einen Vorwurf machen. Da wurden grosse Versprechungen gemacht hinsichtlich rigider Zulassungsbedingungen oder hoher Publizitätsanforderungen. Aber dann wurden diese Versprechungen vielfach nicht eingelöst. Die zuständigen Stellen hätten insistieren müssen. Doch mit der Auswahl der richtigen Unternehmen, die über ein marktfähiges Produkt, ein sauberes Controlling und eine korrekte Berichterstattung verfügen, war auch gutes Geld zu verdienen. Firmen des Neuen Marktes gilt es genau unter die Lupe zu nehmen. Und das können eigentlich nur Finanzanalysten, die auch Zugang zum Management einer Gesellschaft haben.

Da hat der Privatanleger doch keine Chance, die richtigen Titel auszuwählen.
Richtig, der private Investor sollte sich schon wegen der Risikostreuung an den neuen Märkten via Anlagefonds oder ähnliche, bankinterne Portefeuilles engagieren, wie sie von der Finanzindustrie angeboten werden.

Nicht zuletzt bei den Ratingagenturen mehren sich die Zweifel, ob sich die dreistelligen Milliardeninvestitionen der grossen Telekomgesellschaften in die UMTS-Lizenzen überhaupt rechnen.
Die Telekomindustrie hatten wir in unserer Branchengewichtung schon Ende Oktober 1999 auf «neutral» zurückgestuft. Denn diese Gesellschaften müssen sich enorm verschulden, um die ersteigerten Lizenzen zu finanzieren. Dadurch verschlechtern sich die Bilanzrelationen markant, wohingegen die Ertragseffekte aus den UMTS-Anwendungen erst nach 2002 eintreten werden.

Und wenn Anleger trotzdem diesen Bereich spielen möchten?
Dann empfehlen wir die Infrastukturausrüster der Telekommunikationsindustrie wie Alcatel, Ericsson, Nokia und Siemens. Denn in den nächsten Jahren sind für den Aufbau entsprechender Netzwerke Ausgaben von bis zu 200 Milliarden Dollar zu erwarten.

Welche Ländergewichtung sollten in Schweizerfranken anlegende Investoren heute vornehmen?
Im Gegensatz zu unseren hauseigenen Ökonomen halte ich den Schweizerfranken für aufwertungsverdächtig. Das bedeutet bei Engagements im Dollarraum potenzielle Währungsverluste. Wer seine Positionen nicht gegen Währungsverluste absichern will, sollte möglichst viel im Franken halten. Bei einem reinen Aktienportefeuille können 85 Prozent in europäischen Titeln liegen, denn der Euro wird sich gegenüber dem Dollar ja auch erholen. Die verbleibenden 15 Prozent dürfen ruhig in US-Aktien angelegt werden; gegenüber dem japanischen Aktienmarkt rate ich nach wie vor zur Vorsicht.