Die Arbeitslast sei derzeit ex­trem hoch. Das berichtet der Geschäftsführer eines grösseren Goldhandel-Unternehmens im Raum Zürich. «Wir arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag.» Der Ansturm von Kunden, die Gold physisch erwerben möchten, sei riesig. «Etwa acht- bis neunmal grösser als normal.»

Dabei laufe alles online, denn der Schalter sei wegen Corona momentan geschlossen. Wegen der grossen Nachfrage komme es in seinem Betrieb zu Engpässen beim Angebot an Münzen und Barren und in der Folge immer wieder zu verzögerter Auslieferung an die vielen Kunden.

«Wir erleben den perfekten Sturm», sagt der erwähnte Geschäftsführer. Auf der einen Seite treibe die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus viele Kleinanleger zu Goldkäufen. Auf der anderen Seite hapere es mit dem Nachschub.

Denn grosse Goldminen etwa in Kanada oder Südafrika arbeiten derzeit nicht oder nur reduziert. Und die grossen Goldraffinerien im Tessin, die einen grossen Teil des weltweiten Volumens abdecken, ­waren wegen des Lockdowns im Kanton zeitweise ebenfalls ausser Betrieb. Zudem stockt der Transport – ebenfalls wegen der Corona-Krise. Der Markt sei bald «leer­geschossen».

Anzeige

Reichtum, Pracht und Protzerei

Gold fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Der Glanz des Edelmetalls steht für Reichtum, Pracht und Protzerei. Die ­alten Ägypter machten Gold zum Kenn­zeichen von Königen und Göttern. Die ­Römer finanzierten mit Gold ihr riesiges Reich.

Im Mittelalter stellten Könige und Päpste Alchimisten ein, die durch geheimnisvolle Verfahren Gold erzeugen sollten. In den USA führten Goldfunde mehrmals zu einem Rausch, der Hunderttausende in den Bann zog – der letzte am Klondike River in Alaska Ende des 19. Jahrhunderts.

Gold diente seit Urzeiten als Schmuck, aber auch als Zahlungsmittel. Bereits 550 vor Christus prägte der legendäre Herrscher Krösus in der heutigen Türkei die ersten Goldmünzen. Heute kann mit Goldmünzen nicht mehr direkt bezahlt werden, doch moderne Münz-Formen wie der südafrikanische Krügerrand, der amerikanische Eagle oder der kanadische Maple Leaf sind noch immer beliebte ­Formen der Wertaufbewahrung.

Auch das Goldvreneli zählt dazu. Daneben kann Gold in Form von Barren gelagert werden, typischerweise etwa in den Gewichten 1 Kilogramm, 250 Gramm, 100 Gramm oder 1 Feinunze (31,1 Gramm).

Viele Anleger suchen Zuflucht in Gold

Gold hat den Ruf als unvergängliche Wertanlage. In Zeiten, in denen das ­Zahlungsversprechen, das mit Papiergeld und Wertschriften einhergeht, in Gefahr scheint, flüchten Anleger regelmässig in Gold als «sicheren Hafen».

Anzeige

Denn der Wert von Gold hängt nicht von der Solvenz ­eines Schuldners ab – zumindest dann nicht, wenn man es physisch besitzt, statt nur eine Lieferzusicherung in den Händen zu halten. Ein hoher Goldpreis ist von daher oft ein Anzeichen für wirtschaftliche Unsicherheiten.

Jetzt traden

Eröffnen Sie bei cash.ch ein Trading-Konto für 29 Franken pro Transaktion

Jetzt traden
Placeholder

Auch in der aktuellen Krise um das ­Coronavirus suchen viele Anleger wieder Zuflucht in Gold. Sie fürchten etwa, dass die Notenbanken zu viel Geld in Umlauf setzen, um die wirtschaftlichen Folgen von Corona abzudämpfen, und dass es so zu einer Inflation kommen könnte.

Anzeige

«Die Nachfrage ist von Panik getrieben», sagt Philipp Bachofen, Kundenberater bei Geiger Edelmetalle in St. Margrethen. Es gebe einen Run von denen, die noch kein physisches Gold im Portfolio hätten. «Sie befürchten, dass das Geld entwertet werden könnte und die Banken schliessen.»

Angst vor einem Kollaps des Finanzsystems

Über das ganze erste Quartal 2020 gesehen, ­hätten sich die Umsätze seines Betriebs gegenüber früheren Jahren verdoppelt bis verdreifacht, so Bachofen. «Und ohne Engpässe bei einigen Produkten hätten wir sogar noch mehr Umsatz gemacht.»

«Bei jedem Stress ist Gold gefragt, aber so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt auch Andreas Hablützel, Chef von Degussa Goldhandel. Die Nachfrage nach phy­sischem Gold sei zeitweise etwa zehnmal so gross wie sonst gewesen. Die Leute hätten Angst vor einem Kollaps des Finanzsystems. «Sie wollen physisches Gold, weil Gold, das nur mit Zertifikaten verbrieft ist, wertlos werden kann.»

Anzeige

Nachgefragt würden insbesondere kleine Stückelungen, etwa 20-Gramm- und 50-Gramm-Barren, dazu Münzen wie Krügerrand oder das Goldvreneli. «Wir haben zum Glück einen hohen Lagerbestand», stellt Hablützel fest. «Wenn es aber drei Monate so wei­tergeht, ist irgendwann auch bei uns Schluss.» Andere Händler hätten ihre ­Lager an Barren und Münzen bereits aufgebraucht.

«Banalität des Physischen»

Von «gestörten physischen Liefer­ketten» spricht Roman von Ah, Geschäftsleiter der Fondsgesellschaft Swiss Rock. Das Prozedere bei physischem Gold sei nun mal anders als bei Wertschriften. «Bei entsprechender Nachfrage muss im Tessin zuerst Gold geschmolzen und in die gewünschten Produkte gegossen werden.

Grafik 1 Kilo Goldbarren
Quelle: Teletrader.com Publisher
Anzeige

Dann muss das Gold nach Zürich transportiert und bei den Banken gebunkert werden.» Diese «Banalität des Physischen» trage viel zu den gegenwärtigen Lieferengpässen bei.

Natürlich sei auch die Nachfrage unbestritten hoch, sagt von Ah. Vor allem kleinere Kunden verlangten nach Münzen und kleinen Barren. «Sie haben das Gefühl, dass es etwas Sicheres ist.» 5 bis ­ 7 Prozent Gold im Portfolio zu haben, könne beruhigend wirken, so Roman von Ah.

Lieferschwierigkeiten kennt auch Christian Brenner, Managing Director bei Philoro Edelmetalle in Wittenbach SG. Der «bunte Blumenstrauss» an Gold-Produkten, den das Unternehmen seinen Kunden sonst offeriere, sei derzeit nicht möglich. «Was den physischen Markt angeht, wollen derzeit alle durch die gleiche Tür.» Zum Glück könne Philoro immerhin noch auf ein gut aufgestocktes Lager zurückgreifen.

Anzeige

Goldpreis so hoch wie seit Jahren nicht mehr

Wer Barren oder Münzen will, bezahlt wegen Produktion und Transport einen Aufschlag gegenüber dem reinen Goldpreis. Je kleiner die Stückelung ist, desto prozentual höher ist dieser Aufschlag. In normalen Zeiten beträgt er 1 bis 3 Prozent, nun aber wegen der Knappheit 5, 10 oder noch mehr Prozent. «Bei Münzen sind die Aufschläge derzeit bei 10 bis 13 Prozent», sagt Philipp Bachofen von Geiger Edel­metalle.

Normal seien 2 bis 3 Prozent. Auch andere Händler bestätigen Auf­preise, die um bis zu 10 Prozentpunkte über den üblichen liegen. «Die Preise von Papiergold und physischem Gold sind entkoppelt», stellt Christian Brenner vom Unternehmen Philoro fest.

Anzeige

Dabei ist auch der zugrunde liegende Goldpreis so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Anfang März kletterte er auf bis zu 1703 Dollar pro Feinunze Gold. Dann stürzte er ab auf zeitweise unter 1500 Dollar. Der Grund waren Liquiditätsprobleme von Anlegern an den Finanzmärkten, die wegen Corona stark nachgegeben hatten.

Diese Anleger mussten kurzfristig Gold zu Geld machen. Inzwischen sind die Ver­luste aber wieder aufgeholt und der Goldpreis erreicht neue Höchststände. Am Dienstag stand er bei knapp 1700 Dollar. Goldspezialisten halten es für möglich, dass bald auch das Allzeithoch von 1920 Dollar vom Herbst 2011 übertroffen werden könnte.

Macht es trotz hohen Preisen und Knappheit Sinn, jetzt in physisches Gold zu investieren? Ja, findet Alessandro ­Soldati, CEO von Gold Avenue, dem offiziellen Vermarktungskanal der Pamp Group, einer der drei grossen Raffinerien im Tessin. «Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass sich Gold in Krisenzeiten immer als gute Investition erwiesen hat.» Wenn man bis jetzt noch kein Gold im Depot habe, sei es sicher eine gute Investition, sagt auch Philipp Bachofen. Es lohne sich allerdings, zurückhaltend zu agieren, denn die Aufschläge seien zurzeit extrem hoch.

Anzeige

Alternative Gold-ETF

5 bis 6 Prozent Gold im Portfolio zu ­haben, mache Sinn, sagt Matthias ­Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz. Wegen der derzeit hohen Aufschläge rät er aber vom Kauf von phy­sischem Gold ab. Als Alternative schlägt Geissbühler die Investition in börsen­gehandelte Gold-Fonds vor, sogenannte Gold-ETF. «Diese sind mit physischem Gold hinterlegt.» Bei Gold-ETF sei man zudem beim Konkurs des Emittenten vor Verlusten geschützt.

Den grössten Run auf physisches Gold verzeichneten die Banken und Goldhändler Ende März und in den ersten April­tagen. Inzwischen hat sich der Markt etwas beruhigt, wie Händler berichten. Denn der Goldpreis ist in diesen Tagen immer weiter gestiegen, was Käufe un­attraktiver macht.

Die Tessiner Raffinerien arbeiten wieder, zumindest mit halber Auslastung, sodass sich punkto Angebot bald eine gewisse Entspannung ergeben könnte. Vor normalen Verhältnissen ist die Branche aber noch weit entfernt.

Anzeige

Tipps: So bekommen Sie einen Goldbarren

► Wo soll man Gold kaufen?
Fast jede Bank verkauft Gold, zudem gibt es zahlreiche Goldhandelshäuser wie Degussa oder Pro Aurum. Seriöse Händler haben in der Regel eine Filiale und sind meist als Mitglieder beim Handelsplatz LBMA (London Bullion Market Association) gemeldet (Seite Membership). Vorsichtig sein muss man bei Verkäufen über irgendwelche Internetseiten oder unter der Hand: Hier kursiert manchmal gefälschte Ware.

► Wie sind Preisvergleiche möglich?
Die aktuellen An- und Verkaufspreise sind über Internetseiten der Banken und Händler einsehbar, eventuell hilft auch eine telefonische Anfrage weiter. Vergleichsportale von guter Qualität sind der Redaktion nicht bekannt.

► Welche Goldstückelung ist die richtige?
Hier sollte man sich beraten lassen. Bei grossen Einheiten bezahlt man zwar weniger Aufschläge als bei kleinen, dafür ist man bei nötig werdenden Verkäufen wenig flexibel: Man kann dann nur einen ganzen Barren oder gar nichts verkaufen. Sehr kleine Stückelungen, etwa in Ein-Gramm-Stücken, machen hingegen nur in Ausnahmefällen Sinn, etwa wenn man das Gold später verschenken will.

► Soll man jetzt kaufen?
Gold wirkt wie eine Versicherung in turbulenten Zeiten. Derzeit ist viel Unsicherheit auf den Märkten, was für ein Aufstocken von Gold im Portfolio spricht. Allerdings sind die Aufpreise für Barren und Münzen wegen der Knappheit derzeit hoch, sodass sich ein Zuwarten ausbezahlen könnte.

► Wo soll man das Gold aufbewahren?
Man kann sich Goldbarren und Goldmünzen von der eigenen Bank ins Wertschriftendepot legen lassen. Eine andere Möglichkeit ist, bei einer Bank ein Schrankfach zu mieten, das der Aufbewahrung von Wertgegenständen dient. Auch einige Goldhändler bieten Schrankfächer an. Natürlich kann man physisches Gold auch zu Hause in einem Safe aufbewahren, sofern dieser sicher ist. Zahlt man noch eine Versicherung, ist die Aufbewahrung zu Hause aber schnell teurer als eine externe Lösung. Barren und Münzen im Garten zu vergraben oder unter dem Kopfkissen zu lagern, ist nicht empfehlenswert.

Anzeige

Die Podcasts auf HZ

Upbeat: Die Startup-Serie • Schöne neue Arbeitswelt • Insights: Hintergründe und Analysen

Jetzt reinhören und abonnieren
Placeholder