Diese Männer sind die Schwergewichte an den hiesigen Finanzmärkten. Zusammen bringen sie locker 500 Milliarden Franken auf die Waage. Von ihren Anlageentscheidungen hängt oftmals ab, ob Aktienkurse in Schwindel erregende Höhen schiessen oder ins Bodenlose abstürzen. Selbst in flauen Zeiten wie diesen gelang es einigen Profis, Gewinne aus den serbelnden Finanz- und Kapitalmärkten zu schlagen. Besonders ins Auge stechen dabei positive Finanzerträge von Unternehmen, die im operativen Geschäft Defizite einfahren wie beispielsweise die Swiss Re. Auch die Finanzabteilungen von Roche und Novartis agierten recht geschickt in den unsicheren Märkten. Für das Jahr 2001 erwirtschaftete Novartis eine Performance von rund 4,8 Prozent, Roche von 1,5 Prozent, wobei mit «Performance» der Nettofinanzertrag im Verhältnis zu den liquiden Mitteln und Wertschriften gemeint ist (bei Roche: abzüglich der Aktienverkäufe von LabCorp). Zum Vergleich: Der weltweite Aktienindex MSCI World ging um 15 Prozent zurück.

Diejenigen, die jetzt einen scheuen Blick ins eigene Depot werfen und sich wegen des grossen dicken Minuszeichens ernsthaft Gedanken über ihre Börsentauglichkeit machen, können sich wieder beruhigen. Denn auch die Geldbarone machen Fehler. Mit verblüffender Ehrlichkeit gestehen die meisten von ihnen ein, dass auch sie zu spät die Notbremse gezogen hätten, als sich die Aktienblase gebläht und gebläht habe. «Es war relativ nahe liegend, eine Übertreibung der Märkte festzustellen. Zeitpunkt und Ausmass der Korrektur waren allerdings auch für uns nur schwer vorauszusehen», sagt Giuseppe Benelli von der Swiss Re. Daniel Gloor von der Pensionskasse des Kantons Zürich findet andere Worte: «Leider besitze ich nicht die prophetische Gabe, Crash-Ereignisse mit hoher Treffsicherheit vorherzusagen. Doch es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, wie viele Besserwisser und Crash-Propheten in schlechten Börsenphasen aus ihren Rattenlöchern steigen.» Der Finanzkapitän der viertgrössten Pensionskasse der Schweiz muss im Gegensatz zu seinen Kollegen von den Basler Pharmamultis auf Freudentänze verzichten. Mit einer Rendite von minus sieben Prozent liegt er zwar im Mittelfeld der schweizerischen Vorsorgeeinrichtungen (diese schnitten gemäss einer Studie von Wattson Wyatt im Durchschnitt mit minus 7,1 Prozent ab). Doch das Loch in der Kasse schmerzt dennoch. Und auch bei den Beitragszahlern dürfte ein schales Gefühl zurückbleiben.

Die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre hat deutliche Spuren in den einzelnen Portfolios hinterlassen. Noch vor einem Jahr sass Roche-Finanzchef Erich Hunziker auf einem Aktienberg, der 62 Prozent des verwalteten Vermögens ausmachte – ein Vermächtnis seiner Vorgänger Henri B. Meier und Anton Affentranger. Heute beträgt die Aktienquote nur mehr knapp die Hälfte, was bedeutet, dass etliche Papiere unter dem Einstandspreis verkauft wurden: mit einem Verlust von 271 Millionen Franken. Heute sind 35 Prozent der Mittel im Geldmarkt – Anlagen mit Laufzeiten bis zu einem Jahr – parkiert. Auch Konkurrent Novartis geht auf Nummer sicher und hält 65 Prozent der Mittel am Geldmarkt. «Wir sind im Moment übervorsichtig und erwarten noch weitere Korrekturen an den Aktienmärkten», erklärte Finanzchef Raymund Breu an der Jahrespressekonferenz. Dass sich seine Strategie bezahlt macht, zeigt sich am Nettofinanzergebnis von rund einer Milliarde Franken.

Ein Blick auf die Zusammensetzung der Vermögen zeigt: An eine Trendwende scheinen die meisten Chief Investment Officers noch nicht glauben zu können. Sie stehen auf Warteposition und parkieren ihre Gelder zum Grossteil in Obligationen oder im Geldmarkt. Man ist vorsichtig geworden. Der Entwicklung bis zum Ende dieses Jahres steht man skeptisch gegenüber. Einig ist man sich, dass in Sachen Rendite der Gürtel enger geschnallt werden muss. «Wachstumsraten in zweistelliger Höhe sind wahrscheinlich für längere Zeit vorbei», orakelt Daniel Dubach von der ABB Vorsorge AG. Zurückhaltend gibt sich auch Swiss-Re-Mann Giuseppe Benelli: «Für Aktien erwarten wir im laufenden wie auch im nächsten Jahr eine Performance von minus zehn bis plus fünf Prozent. Ein ausschlaggebender Faktor für die verhaltene Entwicklung in den kommenden Jahren sind die Zinsen, die im langfristigen Vergleich auf tiefem Niveau angekommen sind und den Aktienmärkten keinen Schub mehr verleihen werden wie in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre.» Nur einer der Befragten rechnet in diesem Jahr noch mit einer stärker positiven Entwicklung: Felix Senn von der Pensionskasse des Bundes prognostiziert Wachstumsraten von zwischen sechs und zehn Prozent.

So einig man sich im Klub der Grossanleger über die verhaltenen Zukunftsaussichten ist, so unterschiedlich sind die Einkauflisten der Einzelnen. Erwin W. Heri von der Credit Suisse setzt zurzeit in erster Linie auf die amerikanischen Börsen, gefolgt von Euroland und der Schweiz. Japan und Grossbritannien gewichtet er hingegen nur mit einem «neutral». Gerade das Thema Japan verfolgt die Anleger seit etlichen Jahren. Immer wieder neue Ein-, Zwei- und sogar Fünfjahrestiefststände des Nikkei stellen den Glauben an das Land der aufgehenden Sonne auf eine harte Probe. Auch der Kommentar von DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen ist eindeutig. Seine unorthodoxe Antwort auf die Bitte eines Moderators beim Lipper Fund Award, dem versammelten Publikum einen Aktientipp zu geben: «Ganz sicher investiere ich in Japan … (lange Pause) … nicht!»

Geht es um die Wahl der am meisten versprechenden Branchen, herrscht bei Dominique P. Morax von Swiss Life, Erwin W. Heri und Felix Senn Einigkeit. Für sie stehen Werte aus zyklischen Branchen nach wie vor hoch im Kurs, denn zyklische Titel profitieren als Erste von einem Konjunkturaufschwung. Heri prognostiziert vor allem für Industrie-, Engineering-, Rohstoff- und Bautitel die besten Wachstumschancen. Senn wiederum setzt auf Chemie- und Energietitel. Benelli dagegen sieht den Zug für diese Werte schon wieder fast abgefahren und erwägt eine Rückkehr in defensivere Titel wie Nahrungsmittel und Pharma. «Auf Grund der verschiedenen strukturellen Ungleichgewichte in den USA und des Risikos von Zinserhöhungen seitens der Notenbanken gehe ich von einer unterdurchschnittlichen Konjunkturerholung aus», so seine Begründung. Auch gemäss Heri und Morax gibt es potenzielle Hoffnungsträger: für den einen im Pharma-, für den anderen im Biomedizinsektor.

In keiner der Empfehlungslisten der Anlageprofis tauchen derzeit Titel aus dem Technologie-, dem Medien- und dem Telekommunikationsbereich auf. «Die Transparenz über den künftigen Geschäftsgang fehlt häufig. Ebenso sind viele Fragen zur Qualität der Unternehmensgewinne offen», fasst Heri die derzeitige Stimmungslage zu diesem Thema zusammen.

Eine ganz andere Investmentstrategie verfolgt Daniel Dubach von der ABB Vorsorge AG. Er setzt auf das Abbilden des Index: «Wir sind überzeugt, dass es in effizienten Märkten nur einer verschwindend kleinen Anzahl von Vermögensverwaltern gelingt, nach Abzug der Kosten langfristig besser abzuschneiden als der Index.» Auch privat investiert Dubach – er selber nennt dies «stinklangweilig» – in breit gestreute Portfolios und Indexfonds. «Es gab eine Phase, nennen wir sie Experimentierphase, in der ich oft Einzelaktien, manchmal auch Derivate für kurze Zeit gehalten habe. Das Fazit war allerdings ernüchternd: ausser Spesen nix gewesen, denn auf gute Wetten folgten immer wieder Fehlgriffe.»

Auch Erwin W. Heri hält es beruflich und privat mit denselben Anlagegrundsätzen: Aktien, Aktien, Aktien. Er gesteht auch Miss- erfolge ein: «Mein grösster Flop waren die Swissair-Aktien meiner Tochter, für die sie sich allerdings selber entschieden hatte.» Doch es gibt auch Geldbarone, die ihre Strategien neu überdenken, wie im Fall von Daniel Gloor. «An Stelle von Aktieninvestitionen bevorzuge ich seit geraumer Zeit die Abzahlung meiner Hypothek», so Gloor. «Meine persönliche Risikofähigkeit hat sich im Gleichschritt mit jener der Pensionskasse laufend vermindert.»

Haben Profianleger nach vielen Jahren der Berufspraxis eigentlich noch ein Investment-Vorbild? Durchaus. Giuseppe Benelli etwa zeigt sich von Börsen-Altmeister Warren Buffett beeindruckt, Daniel Gloor kann sich gut mit den Ideen des erfolgreichen Fondsmanagers Peter Lynch identifizieren, und Dominique P. Morax ist der Meinung, man könne von jedem guten Investor etwas lernen. Erfolgsautor Erwin W. Heri gibt sich pragmatisch: «Es gibt sie nicht, die immer richtig liegende Eier legende Wollmilchsau», meint er. «Es gibt nur Gurus, die sich besser, und solche, die sich schlechter verkaufen.» Sein Wort in Börsenjüngers Ohr.
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