Herr Kaufmann, sind die Notenbanken heute genauso wichtig wie in der Finanzkrise?
Wir erleben einen schockartigen Wirtschaftseinbruch durch einen externen Faktor. Da ist es für die klassische Geldpolitik schwieriger, Abhilfe zu schaffen: Selbst wenn die Notenbanken die Zinsen senken, durfte im Lockdown kein Restaurant öffnen.

Die grossen Notenbanken greifen dennoch zu Extremmassnahmen.
In den USA haben wir eine sehr starke Reaktion der Notenbank gesehen, auch die EZB und die Bank of England sind sehr aggressiv unterwegs. In der Schweiz ist es speziell: Weil die Zinsen schon so tief sind, hat die Nationalbank sie nicht weiter gesenkt. Deshalb steht sie eher an der Seitenlinie.

Müsste die Nationalbank stärkere Massnahmen ergreifen?
Da wäre schon noch Luft nach oben. Die SNB hat bislang vor allem die Massnahmen des Bundes unterstützt.

Was hätte sie mehr machen können?
Sie interveniert ja auch im Devisenmarkt. Hier wäre kommunikativ noch einiges zu erreichen. Ein neuer Mindestkurs wäre vorstellbar, damit man die Erwartungen steuern kann. Wenn man ein glaubwürdiges Wechselkursziel hat, muss man tendenziell weniger intervenieren.

Das scheint unter der jetzigen Führung ausgeschlossen.
Nach der Abschaffung des Mindestkurses bleibt in der Tat die grosse Frage, ob man ein neues Ziel glaubwürdig neu aufsetzen könnte.

Weitere Zinssenkungen?
Daran glaube ich eher nicht, solange sich der bereits schwere Wirtschaftseinbruch nicht noch einmal deutlich verschlimmert. Man hätte die Zinsen ja im März senken können. Das hat man nicht getan.

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Andere progressive Massnahmen?
Eine sinnvolle Massnahme wäre, eine höhere Inflation anzukündigen. Die EZB verfolgt ein Inflationsziel von zwei Prozent, die Nationalbank liegt mit einem Korridor von null bis zwei Prozent tiefer. Das würde der Konjunktur helfen.

Daniel Kaufmann, Makroökonom an der Universität Neuenburg

Makroökonom: Daniel Kaufmann (39) ist Professor in Neuenburg mit Schwerpunkt Geldpolitik.

Quelle: ZVG

Und ein «Swiss Quantitative Easing»?
Der Anleihenmarkt ist in der Schweiz relativ überschaubar. Die Zinsen auf Staatsanleihen sind bereits sehr tief. Natürlich könnte die SNB Firmenanleihen kaufen. Die Frage wäre, nach welchen Kriterien derartige Käufe stattfinden sollten.

Sie haben zusammen mit Jan-Egbert Sturm von der KOF vorgeschlagen, die Nationalbank solle einen Beitrag in den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung leisten, um eine Erhöhung der Lohnabzüge zu verhindern.
Damit liesse sich ein Anstieg der Lohnnebenkosten verhindern, wovon die gesamte Wirtschaft profitieren würde.

Alle wollen jetzt die Nationalbank anzapfen, aber sie pocht auf ihre Unabhängigkeit.
Das ist ein zentraler Punkt unseres Vorschlags. Die SNB sollte selbst die Höhe und den Zeitpunkt einer solchen unkonventionellen Massnahme beschliessen. Es muss eine einmalige Krisenmassnahme bleiben.

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