Anfang Mai wurde bekannt, dass sich der amerikanische Starinvestor Warren Buffett von allen Beteiligungen in der Airline-Branche getrennt hat. Konkret hat seine Investmentfirma Berkshire Hathaway alle Aktien der vier grossen amerikanischen Fluggesellschaften Delta Air Lines, United Airlines, Southwest Airlines und American Airlines verkauft. Buffetts Ausverkauf war ein Fanal.

Die Flugbranche befindet sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in einer beispiellosen Krise. Viele Länder schlossen im Februar und März ihre Grenzen. Touristische Reisen und Geschäftsreisen fanden fast von einem Tag auf den anderen nicht mehr statt. Die allermeisten Flugzeuge blieben daraufhin für viele Wochen am Boden. Das Grounding war weltumspannend und fast vollständig.

An der Börse gingen die Aktien von Airlines in einen steilen Sinkflug über. Auch die Grossen wie Lufthansa, Air France-KLM oder IAG (British Airways, Iberia) verloren mehr als die Hälfte ihres Werts. «Es wurden Milliardenwerte vernichtet», sagt Stefan Eiselin, Chefredaktor des Luftfahrt-Online-Magazins «Aerotelegraph».

«Grosse Fluggesellschaften waren zum Teil nur noch wenige hundert Millionen Franken wert.» Verglichen mit der Börse hätten sich Airline-Aktien seit Mitte Februar überproportional schlecht entwickelt, sagt Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz. «Diese Unternehmen sind tief getaucht und haben sich bis heute nicht erholt.»

Doch noch Anfang März, als es mit der Flugbranche an der Börse bereits kräftig abwärts ging, empfahl das amerikanische Analysehaus Bernstein europäische Fluggesellschaften zum Kauf. Alle grossen Fluggesellschaften in der Region sollten in der Lage sein, den Sturm zu überstehen, gab Bernstein bekannt.

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Hilferufe an die Regierungen

Es sollte anders kommen: Sehr bald riefen immer mehr Fluggesellschaften die Staaten dieser Welt um Hilfe. Wenn sie nicht bald Geld von der öffentlichen Hand bekämen, gaben sie bekannt, sei es um sie geschehen. Und die Regierungen dieser Welt erhörten die Hilferufe.

In Amerika baten die Chefs der grössten börsenkotierten Luftfahrtgesellschaften den US-Kongress bereits im März um Hilfskredite. Schon bald schnürte die US-Regierung ein staatliches Hilfspaket über 25 Milliarden Dollar und zahlte dieses ab Ende April an die Fluggesellschaften aus.

Doch der amerikanische Staat machte Auflagen: Die Gelder waren ausschliesslich zur Fortzahlung der Löhne und der Lohnnebenleistungen gedacht. Die unterstützten Unternehmen dürfen bis Ende September keine Angestellten zwangsweise beurlauben oder deren Löhne kürzen. Bis September 2021 dürfen ausserdem keine Dividenden ausbezahlt werden.

Air France-KLM - Aktienkurs
Quelle: Teletrader.com Publisher

In Europa wird das französisch-niederländische Unternehmen Air France-KLM mit Staatshilfen zwischen 9 und 11 Milliarden Euro gestützt. Der französische Staat zahlt dabei seine Unterstützung in Form von 4 Milliarden Bankkrediten und 3 Milliarden Aktionärsdarlehen aus. Sowohl Frankreich wie auch die Niederlande sind bereits an Air France-KLM beteiligt.

9 Milliarden für die Lufthansa

Die International Airlines Group (IAG), zu der British Airways, Iberia und Vueling gehören, erwägte zuerst keinen staatlichen Support. «Regierung dürfen erwarten, dass Fluggesellschaften sich selber helfen, bevor sie beim Staat um Hilfe bitten», verkündete Konzernchef Willie Walsh noch im März. Anfang Mai wurde aber bekannt, dass zumindest die spanischen Töchter Iberia und Vueling Staatsunterstützung von ihrem Heimatland bekommen.

Das grösste Hilfspaket eines europäischen Staates gibt es aber von Deutschland für die Lufthansa. Noch Mitte März glaubte sich die Fluggesellschaft zwar «gut gerüstet» für die Herausforderungen der Krise, doch schon Ende April erklärte sie, sich nicht aus eigener Kraft retten zu können.

Lufthansa - Aktienkurs
Quelle: Teletrader.com Publisher
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Ende Mai waren sich die Fluggesellschaft und der deutsche Staat über Hilfszahlungen von 9 Milliarden Euro handelseinig: Neben dem Verzicht auf Dividendenzahlungen und der Beschränkung von Managementvergütungen soll der Staat mit 20 Prozent am Unternehmen beteiligt werden. Vor der Hauptversammlung Ende Juni, die den Deal absegnen musste, gab dann auch Grossaktionär Heinz Hermann Thiele seinen zuvor markierten Widerstand gegen den Einstieg des Staates bei der Lufthansa auf.

Damit gab es ebenfalls grünes Licht für das Hilfspaket der Schweiz für die Fluggesellschaften Swiss und Edelweiss, das Bundesrat und Parlament vorher abgesegnet hatten. Die beiden Lufthansa-Töchter sollen günstige Bankkredite in der Höhe von maximal 1,5 Milliarden Franken erhalten, für die der Bund zu 85 Prozent bürgt.

So schlimm wäre es ohne Staatshilfe

Gemäss dem internationalen Verband der Fluggesellschaften Iata haben die Airlines weltweit schon insgesamt 123 Milliarden Dollar an staatlicher Hilfe bekommen. Die Zahl zeigt, wie düster es um die Airline-Branche steht, die schon vor der Corona-Krise mit mangelnder Profitabilität zu kämpfen hatte.

Zahlreiche Pleiten von nicht unterstützten Airlines machen klar, wie schlimm es ohne Staatshilfe für die Flugbranche gekommen wäre: In Europa meldeten in den letzten Monaten mehrere kleinere Fluggesellschaften Insolvenz an, etwa die deutsche Thomas Cook Aviation, die deutsche Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) oder vier Tochtergesellschaften der Airline Norwegian in Dänemark und Schweden.

Ausserhalb Europas gingen die grossen lateinamerikanischen Fluggesellschaften Latam und Avianca pleite, in Afrika die South African Airways und die Air Mauritius sowie in Australien die Virgin Australia, immerhin die zweitgrösste Airline des Kontinents.

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Angesichts dieses garstigen Umfelds stellt sich die Frage, ob es für Anleger in der Flugbranche noch lohnenswerte Investments gibt oder ob man hier wie Warren Buffett gleich jegliches finanzielle Engagement beenden soll. Man könnte angesichts der tief gefallenen Aktienkurse vermuten, dass sich die Gelegenheit für Schnäppchen auftut. Doch es besteht das Risiko, dass die Krise länger andauert und die Kurse sich so schnell nicht erholen.

Wie im Casino

Zur Zurückhaltung mit Investments in die Airline-Branche rät Britta Simon, Analystin bei der Bank Julius Bär: «Diese Branche war schon immer etwas für risikofreudige Anleger – und die Corona-Krise hat die Unsicherheiten noch verstärkt.» Es sei auch in den kommenden Jahren mit grossen Volatilitäten zu rechnen. Wer trotzdem in Airlines investieren wolle, so Simon, müsse darauf achten, Airlines mit einer möglichst gesunden Bilanz auszuwählen – konkret: Unternehmen mit einer tiefen Verschuldung und einem guten Cashflow.

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Investitionen in Airlines seien riskant, schreibt Reto Hess, Leiter Aktienresearch bei der Credit Suisse. «Investoren sollten die nötige Risikofähigkeit haben und sich der Volatilität bewusst sein.» Die Credit Suisse gibt als eine der wenigen Banken konkrete Anlageempfehlungen ab: Innerhalb der Airline-Branche bevorzugt sie die amerikanischen Fluggesellschaften Delta und Southwest, rät aber bei Air France-KLM und Lufthansa zum Verkauf.

Tipps für Anleger

Externe Einflüsse sind entscheidend. Ob Airlines bald wieder in die Gewinnzone kommen können, hängt stark von äusseren Faktoren ab: Kommt eine zweite Pandemie-Welle, die die Umsätze nochmals sinken lässt? Gibt es bald eine Impfung gegen Corona? Nimmt die Angst der potentiellen Fluggäste vor einer Infektion während des Fluges wieder ab? Halten die Unternehmen dauerhaft mehr Online-Konferenzen ab, sodass weniger Geschäftsreisen nötig sind?

Klimapolitik verteuert das Fliegen. Auf Flugtickets könnten schon bald CO2-Steuern und Klimaabgaben geschlagen werden. Das führt eventuell zu einem Rückgang der Passagierzahlen.

► Der Staat wirkt mit. Bei vielen Airlines redet nun wegen der Coronahilfen der Staat mit. Das kann sich negativ auf die Kursentwicklung auswirken. Zudem müssen die Aktionäre geretteter Airlines oft jahrelang auf Dividenden verzichten.

► Langfristige Rentabilität ist fraglich. Schon in den letzten fünf Jahren haben viele Airlines Geld verloren. Gerettete Airlines müssen nun zusätzlich zu den übrigen Belastungen Schuldendienst leisten und die Verschuldung abtragen. Wann und ob sie wieder gewinnbringend geschäften können, ist auch auf längere Zeit offen.

Auf solide Finanzierung achten. Wer in die Airline-Branche investieren will, sollte auf möglichst gesunde Kennzahlen von Unternehmen achten: Ausreichende Finanzierung, tiefe Schuldenquote, gute Gewinnmargen (vor der Krise).

Billig-Airlines berücksichtigen. Low-Cost-Carriers wie Ryanair und Easyjet haben in der Regel eine schlankere Kostenstruktur, weniger Schulden und höhere Gewinnmargen als die meisten traditionellen Fluggesellschaften. Hier könnte sich ein Investment lohnen.

Business-Flieger meiden. Fachleute schätzen, dass sich Freizeit-Flüge schneller wieder auf dem Vor-Corona-Niveau einpendeln als Business-Flüge. Entsprechend kann es sich lohnen, Airlines zu berücksichtigen, die vor allem auf Tourismus-Flüge ausgerichtet sind.

Kurzfristige Investments in Airlines seien «wie im Casino spielen», sagt Malte Schulz, Aktienanalyst bei der deutschen Commerzbank. Wem es bei Investments in Fluggesellschaften nicht ums Spekulieren gehe, müsse einen langen Schnauf haben, so Schulz. Er rechnet damit, dass das Flugbusiness noch einige Jahre lang kleiner ausfällt als in der Vergangenheit. «Die Leute müssen sich erst wieder daran gewöhnen, die dritte und vierte Reise im Jahr zu machen.» Zudem sei der Restrukturierungsbedarf in der Branche hoch.

Viele Analysten und Anlagespezialisten erwarten, dass die Zahl der Flüge frühestens 2023 wieder das Niveau von 2019 erreichen werden. Airlines, die vor allem auf Tourismusflüge spezialisiert sind, würden sich dabei wohl schneller erholen als solche, die vor allem Businessflüge durchführen. Denn es sei zu erwarten, dass Geschäftsmeetings künftig vermehrt digital stattfänden – auch nach Corona.

Überall Stellenabbau

In der Tat scheint die Flugbranche nicht mit einer schnellen Rückkehr zu den Flugfrequenzen von vor der Corona-Krise zu rechnen. Das zeigt der kräftige Stellenabbau, den viele Airlines angekündigt haben. Bei der Lufthansa kündigte Konzernchef Carsten Spohr im Mai an, dass man voraussichtlich 10000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu viel an Bord habe.

Auch bei der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines soll es einen Abbau von rund 1100 Stellen geben. Bei der Swiss schreckte Anfang Mai die Meldung der «Sonntagszeitung» auf, dass 1500 Arbeitsplätze verschwinden sollen.

United Airlines - Aktienkurs
Quelle: Teletrader.com Publisher
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Die British Airways wiederum gleiste im April ein Sanierungsprogramm auf, bei dem ein Viertel aller Arbeitsplätze (12000 Stellen) verschwinden könnte. Bei der amerikanischen United Airlines soll das Personal sogar um 30 Prozent abnehmen.

Langfristiger Wachstumsmarkt

Ob und wie schnell sich die Flugbranche erholt, hänge stark von äusseren Faktoren ab, betont Michael Winkler, Aktienanalyst bei der Zürcher Kantonalbank. Wenn es eine Impfung gegen das Coronavirus gebe, würde das vieles verändern, sagt er. «Die Menschen würden dann ihre Angst vor dem Fliegen wieder verlieren», so Winkler.

Es sei in der Branche so oder so eine Konsolidierung zu erwarten, meint Matthias Geissbühler von der Raiffeisen. «Das Fluggeschäft bleibt auch ohne Corona ein extrem schwieriger Markt, der von allen Seiten unter Druck ist.» Kurzstreckenflüge stünden unter dem Druck von Billiganbietern, Langstreckenflüge unter dem Druck von arabischen Airlines. Es sei wohl kaum zu vermeiden, dass der eine oder andere Anbieter vom Markt verschwinde.

Stefan Eiselin vom Portal «Aerotelegraph» sieht weitere schwierige Monate und Jahre auf die Luftfahrtindustrie zukommen. «Der Sommer könnte dank den touristischen Flügen zwar noch einigermassen gut werden. Aber der Winter wird dann schwierig, weil die Leute weniger fliegen. Und wenn die Geschäftswelt im kommenden Frühjahr beginnt, im grossen Stil Leute zu entlassen, dürfte das einen stark dämpfenden Effekt auf die Zahl der Businessflüge haben.» Die Branche sei durch die Corona-Krise sicher um zwei bis drei Jahre zurückgeworfen worden.

Auf lange Dauer ist Eiselin dennoch verhalten optimistisch. «Die Flugbranche hat sicher Potenzial. Es handelt sich langfristig ja um einen Wachstumsmarkt, denn es gibt in den Schwellenländern immer mehr Leute, die fliegen wollen.» So gesehen sollte die Flugindustrie doch die eine oder andere Chance für Anleger bereithalten.

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