Noch sind die ersten sechs Monate im Jahr nicht um, aber bereits jetzt lässt sich sagen: Das erste Börsenhalbjahr 2024 verlief erfreulich. Konkret hat der Schweizer Leitindex SMI seit Jahresbeginn um 8,2 Prozent auf über 12'000 Punkte zugelegt – inklusive Dividenden sind es gar mehr als elf Prozent.

Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte stellt sich die Frage: Geht die allgemeine Börsenrallye so weiter? Oder kommt es noch zum Crash? Die Handelszeitung schaut mit einem Experten in die Kristallkugel. Und wagt drei Thesen zu den nächsten sechs Monaten an den Aktienmärkten.

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1. Schweizer Börse trotzt den aufziehenden Gewitterwolken

Es gibt durchaus Anzeichen, dass sich der Börsenhimmel im zweiten Halbjahr eintrüben könnte. Am Horizont zeichnen sich gewisse Unsicherheiten ab – etwa die anstehenden Wahlen in Frankreich und den USA. Im Fokus stehen aber die Zentralbanken und die Frage, ob sie eine sanfte Landung bei den Zinsen hinkriegen. Beides hat das Potenzial, den SMI unter Druck zu setzen. Doch Maurizio Porfiri, CIO der Zürcher Finanzfirma CAT Financial Products, bleibt zuversichtlich: «Für das zweite Halbjahr erwarten wir daher einen weiteren Anstieg um 6 Prozent auf ein Jahresendkursziel von 12’900 Punkten.» Damit billigt er dem SMI für das Gesamtjahr ein Potenzial von rund plus 15 Prozent zu, mit zusätzlichem Dividendenzuschlag von 3 Prozent.

«Wir sehen kurzfristig noch etwas Aufwärtspotenzial», so Porfiri. «Im dritten Quartal rechnen wir aber mit einer Phase von Gewinnmitnahmen.» Sprich: Anleger werden ihre Kursgewinne realisieren wollen, indem sie ihre Finanzinstrumente wie Aktien verkaufen. Dadurch werden Kursanstiege normalerweise gebremst oder gar gestoppt. «Diese Phase sollte jedoch für Zukäufe genutzt werden», meint der Finanzexperte. Zum Jahresende hin solle sich die stagnierende Börse wieder erholen.

2. Die Versicherer trumpfen gross auf

Aber welche SMI-Titel könnten in den nächsten Monaten besonders gut performen? Porfiris Prognose: «Aktien, die von einer Normalisierung der Zinskurve, tieferen Zinsen und einem schwächeren Schweizer Franken profitieren, könnten weiter zulegen. Dazu gehören Versicherungen wie Swiss Re, Zurich Insurance und Swiss Life.»

Als möglichen Turnaround-Kandidat sieht er den Basler Pharmariesen Roche, der schwierige Zeiten hinter sich hat. Ab April 2022 verlor der Roche-Titel bis zum Frühling in diesem Jahr 45 Prozent an Wert. Seit Anfang Mai klettert der Kurs wieder. «Die Aktie könnte sich von den starken Kursverlusten der letzten zwei Jahre erholen und wieder zu den Top-Pharmakonzernen aufschliessen», prognostiziert Porfiri.

Weniger Aufwärtspotenzial sieht er bei den Aktien von Sika und Richemont.«Bei Sika fehlen derzeit positive Impulse aus der Baubranche. Bei Richemont dürften die Konsumenten weiterhin auf der Ausgabenbremse stehen und damit höhere Gewinne begrenzen», so Porfiri. Ein wichtiger Faktor bei beiden Aktien sei die schwächelnde Wirtschaft Chinas.

3. SMI zieht an DAX und S&P 500 vorbei

Im Vergleich mit anderen Leitindizes liegt der SMI aktuell trotz der positiven Entwicklung noch etwas im Hintertreffen. Der deutsche DAX liegt zurzeit 8,4 Prozent im Plus – also 0,2 Prozentpunkte mehr als der SMI. Die grossen Überflieger sind aber die zwei grossen US-Leitindizes. Der breit gefasste S&P 500 ist in diesem Jahr um fast 15 Prozent geklettert. Die US-Technologie-Börse Nasdaq kratzt an der 20-Prozent-Marke.

In den USA profitiert insbesondere der Nasdaq vom aktuellen KI-Boom. Die Tech-Titel von Nvidia, Apple und Microsoft haben neue Sphären erreicht. Gerade der Chip-Hersteller Nvidia hat dieses Jahr zum grossen Höhenflug angesetzt – trotz kurzweiliger Verluste in den letzten Tagen. Seit Jahresbeginn hat die Aktie um über 150 Prozent zugelegt, das Unternehmen von CEO Jensen Huang ist über drei Billionen Dollar wert.

Nach vorne gerichtet, erwartet Porfiri einen stärkeren Schweizer Leitindex. «Der SMI wird weniger volatil sein als der Dax und die amerikanischen Leitindizes. Im Vergleich zum DAX und zum S&P 500 könnte der SMI sogar etwas besser abschneiden, da die Bewertung des S&P 500 langsam am oberen Ende angelangt ist.» Und sollte es an den Börsen doch zu einer unerwarteten Korrektur kommen, sieht der Finanzspezialist den SMI im Vorteil: «Er dürfte dann seinem historischen Charakter als ‹sicherer Hafen› treu bleiben und im Vergleich weniger verlieren.»

Unerreicht wird wohl die US-Tech-Börse bleiben. «Der Index Nasdaq dürfte aufgrund des starken Technologiesektors weiter zulegen und neue Höchststände erreichen», so Porfiri.

Michael Hotz
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