Es war ein Telefongespräch, wie es die Chefs grosser Konzerne derselben Branche öfters in lockerem Ton miteinander führen. Doch der Inhalt war explosiv: Im Juli wollte Glencore-CEO Ivan Glasenberg (57) von Rio-Tinto-Chef Sam Walsh (64) wissen, was dieser von einem Übernahmeangebot halte. Absolut nichts, liess Walsh seinen Widersacher einige Wochen später wissen. Als diese Konversation ruchbar wurde, gaben die Glencore-Aktien nach, die Rio-Tinto-­Valoren legten vorübergehend zu.

Glasenbergs ungestüme Natur wie auch seine Sololäufe sind am Hauptsitz in Baar gefürchtet. Man habe von seinem Vorstoss nichts gewusst, sagte ein Glencore-Mann. Aus der Fusion wäre der weltgrösste Rohstoffkonzern mit einer Börsenkapitalisierung von 160 Milliarden Dollar entstanden. Und Glasenberg hätte endlich sein Ziel erreicht: Rohstoffkönig der Welt. Branchenkenner sind sich uneins, ob die Elefantenhochzeit ein Geniestreich Glasenbergs gewesen wäre oder eine Riesendummheit. Dem Glencore-Chef sind Zweifel egal, er wird es im nächsten Jahr wohl nochmals versuchen.

Mittelfristig bleibe ich positiv für die Glencore-Valoren. Den Preisdruck, den die Firma wegen der schwachen Nachfrage im Bergbaubereich spürt, kann der hochprofitable Rohstoffhandel etwas ausgleichen. So ist im ersten Halbjahr 2014 dank dem Handelsgeschäft der Ertrag weitaus stärker gestiegen als der Umsatz. Um die Aktionäre bei Laune zu halten, kauft Glencore für eine Milliarde Dollar Aktien zurück und erhöht die Dividende. Dennoch ist der Kurs über die letzten Wochen um 20 Prozent gefallen. Nun sind die Valoren mit einem für 2015 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,6 günstig bewertet. Der Einstieg setzt Risikofreude voraus.

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Glück auf!

Das Nein Walshs auf Glasenbergs Heiratsantrag kann ich nachvollziehen. Rio Tinto blickt auf schwierige Zeiten zurück. Verfehlte Akquisitionen in den Bereichen Aluminium und Kohle erforderten Abschreiber von gewaltigen 14 Milliarden Dollar. 2012 resultierte ein happiger Verlust, worauf der damalige CEO Tom Albanese den Hut nehmen musste. Anfang 2013 übernahm Sam Walsh das Steuer beim weltweit zweitgrössten Eisenerzproduzenten. Er setzte sofort das Messer an, baute Leute ab, reduzierte die Explorationsausgaben und Investitionen sowie die Betriebskosten, verkaufte Firmen und tilgte Schulden. Innert kurzer Zeit schaffte er den Turn­around; 2013 resultierte wieder ein ­Gewinn von 1,1 Milliarden, im ersten ­Semester dieses Jahres stieg der bereinigte Gewinn um ein Fünftel auf 5,1 Milliarden.

Doch Walsh möchte Rio Tinto noch feiner herausputzen, bevor er wegen einer Übernahme weichen müsste. Die Chancen stehen nicht schlecht. Die Ertragsfortschritte wurden trotz des Preis­einbruchs bei Eisenerz erreicht. Wenn die Konjunktur vor allem in China wieder anzieht, wird das voll auf die Gewinne durchschlagen. Bis dann helfen weitere positive Faktoren. Beispielsweise erstklassige Rohstoffreserven, auch in Bereichen wie Aluminium, Kupfer, Kohle, Uran sowie Diamanten. Diese lassen sich überwiegend mit tiefen Kosten fördern. Zudem hofft der Konzern, wie bislang die sinkenden Eisenerzpreise über eine steigende Produktion auffangen zu können. Die rosigeren Aussichten haben sich im Aktienkurs noch nicht niedergeschlagen. Mit einem für 2015 geschätzten KGV von 8,6 sind die Valoren günstig bewertet. Und wer weiss; wenn Glasenberg doch noch erfolgreich ist, können die Rio-Tinto-Aktionäre mit einer schönen Prämie rechnen.

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Heftig geprügelt

Nichts freut einen Börsenbeobachter wie mich mehr, als wenn sein Tipp aufgeht. So wie bei Adecco. Im Sommer 2013 empfahl ich die Valoren des weltgrössten Vermittlers temporärer Arbeitskräfte zum Kauf. Bis im März dieses Jahres haussierten die Titel um 40 Prozent; vorsichtigen Investoren riet ich, diesen saftigen Gewinn zu realisieren. Seither haben die Papiere mehr als ein Fünftel ihres Werts eingebüsst. Inzwischen allerdings habe ich das Gefühl, dass die Titel etwas gar heftig in den Keller geprügelt wurden. Sicher, um Europas Konjunktur ist es nicht allzu gut bestellt, und Frankreich, Adeccos wichtigstes Gebiet, ist ein Dauer-Krisenherd.

Andererseits liefern die jüngsten Zahlen Grund zu Zuversicht; im Juli und August stieg der Umsatz um fünf Prozent. Zudem sieht es im US-Markt gut aus, und da kassiert das Unternehmen ein Fünftel der Einnahmen. Auch rechnet CEO Patrick De Maeseneire (57) im nächsten Jahr mit einer Beschleunigung der Nachfrage. Diese Einschätzung teilen auch einige Analysten. Helvea, Vontobel, CS und Safra Sarasin empfehlen die Titel zum Kauf. Auch in meinen Augen sind Adecco-Papiere mit einem für 2015 geschätzten KGV von 11,2 für risikobewusste Anleger attraktiv – eine Belebung der Wirtschaft vorausgesetzt. Ein Einstieg allerdings eilt nicht, der Druck auf die Aktien dürfte noch etwas anhalten.

Scheidung

Seit Jahren wird beim US-Computerkonzern Hewlett-Packard (HP) gebastelt. Den Endlos-Umbau jedenfalls kann ich nicht anders bezeichnen, das hat mit Strategie nichts gemeinsam. Vor drei Jahren wurde der glücklose CEO Léo Apotheker (61) gegen Margaret «Meg» Whitman ausgewechselt. Die 58-Jährige leitete sogleich einen Re­struk­tu­rierungsprozess ein, stellte einige zehntausend Beschäftigte auf die Strasse und schnitt Kosten in Milliardenhöhe. Vor allem stoppte sie die Pläne ihres Vorgängers; er wollte das Geschäft mit Druckern und Computern abtrennen. Den Börsianern gefiel Whitmans energischer Kurs; seit Ende 2012 haben sich die Aktien im Wert zeitweise verdreifacht.

Umso überraschender der neuste Coup der Konzernchefin: HP wird nun doch aufgeteilt. Drucker und Computer werden künftig von HP Inc. verkauft, Firmenchef ist Dion Weisler. Unter dem Dach von Hewlett-Packard Enterprise, geleitet von Whitman, vereinen sich Technik, Software und Dienstleistungen für die IT-Branche. Beide Unternehmen sind eigenständig, auch an der Börse. Die Anleger jedoch vermögen der Scheidung wenig abzugewinnen; die Aktien rauschten um gegen zehn Prozent in die Tiefe. Ob HP mit der Aufspaltung erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Ich will zuerst Resultate sehen, bevor ich mich in diesen Aktien engagiere.

*Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch