«Das Börsenjahr 2010 kann man getrost vergessen», sagte mir jüngst ein Finanzanalyst. Der Schweizer Blue-Chips-Börsenindex SMI verlor denn auch über die vergangenen zwölf ­Monate 1,7 Prozent, der breiter gefasste SPI gewann 2,9 Prozent. Ausser Spesen nichts gewesen? Falsch. Auch in Jahren mit einer Seitwärtsentwicklung lässt sich gutes Geld verdienen – wenn man auf die richtigen Titel setzt. Wer Börsentipps ­abgibt, muss bereit sein, sich messen zu lassen. Ich habe Bilanz gezogen und realisiert, dass ich – verzeihen Sie meine Eitelkeit – sehr gut abschneide. Im vergangenen Jahr habe ich 26 Aktien zum Kauf empfohlen, davon trugen 23 Gewinne ein. Mit den von mir empfohlenen Titeln konnte eine Performance von durchschnittlich 21,6 Prozent eingefahren werden.

Satte 58 Prozent zu verdienen gab es mit Schaffner. Da habe ich zum richtigen Zeitpunkt auf den Turnaround der Industriegruppe gesetzt. Ein Schuss ins Schwarze ­waren auch die Empfehlungen Richemont und Swatch. Vor Jahresfrist, als noch kaum jemand an das Wiedererstarken der Luxusbranche glaubte, habe ich die Doppelempfehlung abgegeben. Renditen von 36 bis 39 Prozent gebracht ­haben daneben Schindler, ­Samsung Electronics und Ascom. Schmunzeln muss ich, wenn ich das Plus von 35 Prozent bei Emmi sehe; zwar habe ich im vergangenen Mai die Valoren des Milchkonzerns empfohlen, doch «nur für konservative Anleger».

Starke Kuoni. Obwohl sich die Bilanz 2010 sehen lassen kann, habe ich auch Flops gelandet. So hat sich mein Kauftipp für Roche als Niete entpuppt; seit meiner Empfehlung büssten die Titel beinahe ein Viertel ihres Wertes ein. Für mich sind diese Valoren nun erst recht ein Buy, zumal eine Rendite von mehr als vier Prozent das Warten auf bessere Zeiten versüsst. Falsch gelegen bin ich auch mit meinem Rat, Nobel ­Biocare zu erwerben. Seither gab der Kurs um neun Prozent nach. Zwar habe ich die Titel des Zahnimplantateherstellers «auf lange Sicht» empfohlen; die unerfreuliche Entwicklung der letzten Monate dagegen gemahnt mich heute zur ­Zurückhaltung.

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Getäuscht habe ich mich bei Kuoni und Charles ­Vögele. Zwar reüssierten diese Valoren um je 16 Prozent. Nur habe ich damals von einem Engagement abgeraten. «Hände weg», ­habe ich beim Basler Kleinst-Pharmaproduzenten Evolva geschrieben. Zu Recht: Die Namenaktien rauschten um 58 Prozent in die Tiefe. Auch meine Warnung vor Von Roll war berechtigt; die Papiere wurden um 30 Prozent nach unten geprügelt. Goldrichtig auch mein Wink, die ausserbörslich gehandelten Dolder Grand links liegen zu lassen – obwohl diese sich bis ­dahin im Wert halbiert hatten. Nur haben die Valoren seither nochmals 22 Prozent verloren. Aktuell bewertet die Börse das Zürcher Luxushotel mit 67 Millionen Franken.

China-Fantasie. Das Geschäft mit Temporärarbeit ist von heftigen Zyklen gekennzeichnet. Schmerzhaft erfahren hat ­dies Adecco, weltgrösster Konzern im Zeitarbeitsgeschäft. In den Krisenjahren 2008 und 2009 ist der Gewinn um 99 Prozent zusammengefallen. Seit die Konjunktur anzieht, liefert das im Waadtländer Dörfchen Chéserex domizilierte Unternehmen wieder erfreuliche Zahlen. So sind in den ersten neun Monaten 2010 der Umsatz um 36 Prozent – währungs- und akquisitionsbereinigt plus 17 Prozent – und der Betriebsgewinn um 70 Prozent gestiegen.

Adecco-Chef Patrick De Maeseneire zeigt sich mit dem Geschäftsgang zufrieden. Auch der Ausblick ist dank der erstarkenden Konjunktur rosig. Die Ertragslage dürfte sich spürbar erholen; in den Krisenjahren wurden die Kosten rigoros zurückgefahren. Helvea prognostiziert für dieses und das kommende Jahr eine Verbesserung des Reingewinns von jeweils gegen 30 Prozent. Damit dürfen die Aktionäre auch wieder mit mehr Dividende rechnen. Der Aktienkurs hat seit dem Tief im August um 41 Prozent angezogen. Dennoch bergen die Papiere zusätzliches Potenzial. Für Kursfantasie sorgt die Verstärkung des Chinageschäfts. Adecco hat mit dem chinesischen Personaldienstleister Fesco in Shanghai ein Joint Venture gegründet.

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Nichts dazugelernt. Im Herbst 1999, beim Apéro nach einer Firmenpräsentation, versuchte mir ein Bankier zu erklären, weshalb bei Aktien der New Economy bislang gültige Bewertungsmassstäbe nichts taugten; auch schwere Verluste seien hohen Aktienkursen nicht abträglich, eine Börsenkapitalisierung des 30fachen Umsatzes im Rahmen des Normalen. Nach einer halben Stunde gab er entnervt auf. Im Frühling 2000 platzte die Dotcom-Blase und riss die Weltbörsen in den Abgrund.

Elf Jahre sind seither verstrichen. Heute werde ich den Eindruck nicht los, dass wir nichts dazugelernt haben. Branchenexperten taxierten jüngst den Börsenwert von Facebook auf 50 Milliarden Dollar. Dabei ist der von Mark Zuckerberg gegründete Online-Netzwerker gar nicht kotiert. Der Wert entspricht auf Basis der erstmals bekanntgegebenen, aufs Jahr hochgerechneten Ertragszahlen einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 100. Nur scheint sich niemand an dieser extremen, wenn auch theoretischen Bewertung zu stossen. Andere Internet-Stars träumen ebenfalls davon, Kasse zu machen. So soll das US-Jobportal LinkedIn vor der Publikumsöffnung stehen. Auch hier werden überrissene Wertvorstellungen herumgeboten. Nur hat CEO Jeff Weiner (Bild) seine Karten noch nicht aufgedeckt. In den Startlöchern für ein Going public steht angeblich auch der Kurznachrichtendienst Twitter.

Die erneut aufflammende Euphorie zieht auch Aktien gestandener Internet-Unternehmen mit. So haussierten die Titel des Online-Buchhändlers Amazon seit dem Sommer um 70 Prozent, die Valoren der Suchmaschine Google schossen um 41 Prozent in die Höhe, Chinas Google-Pendant Baidu legten 62 und LinkedIn-Konkurrent Xing 43 Prozent zu. Noch mache ich keine alarmierenden Signale aus. Doch da scheint sich etwas zusammenzubrauen.

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Frank Goldfinger ist der anonyme Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm: bahnhofstrasse@bilanz.ch