Jahrelang galt das Geschäft mit Dentalimplantaten als konjunkturresistent. Doch die letzte Rezession hat das Gegenteil aufgezeigt. Die Billiganbieter haben zwar in den Krisenzeiten zugelegt, den etablierten Firmen wie Nobel Biocare oder ­Straumann dagegen wurden einige Zähne gezogen. Was ­wiederum den Aktien schlecht bekommen ist: Seit den Höchstkursen von 2007 büssten die Valoren von Nobel Biocare nicht weniger als drei Viertel ihres Wertes ein, Straumann sind mit minus 34 Prozent relativ glimpflich davongekommen.

Nun bleckt die Branche wieder ihre Zähne; nach schwierigen Jahren zeichnet sich eine – wenn auch vorderhand nur leichte – Erholung ab. Für das laufende Geschäftsjahr sind noch keine überwältigenden Wachstumsraten zu erwarten. Für 2011 dagegen prognostiziert der frischgebackene Straumann-CEO Beat Spalinger einen deutlichen Zuwachs bei den Verkäufen. Seit dem (erzwungenen) Abgang von Heliane Canepa im Herbst 2007 versucht Domenico Scala, Nobel Biocare wieder auf Kurs zu bringen – bislang eher glücklos. Scala hat speziell von der Wirtschaftsjournaille so oft Haue bekommen, dass er sich betont zurückhaltend gibt. Doch auch er rechnet ab kommendem Jahr mit einer Erholung. Die Finanzanalysten zeigen sich ebenfalls wieder zuversichtlich, sie erwarten ab 2012 zweistellige Wachstumsraten.

Die Aktien beider Dentalimplantatefirmen sind risikobereiten Anlegern vorbehalten, die auf lange Sicht investieren wollen. Ich bevorzuge Nobel Biocare. Nicht weil dieses Unternehmen besser geführt wäre oder über rosigere Aussichten verfügte. Sondern weil die Aktien etwas gar heftig in den Keller geprügelt wurden und nun über eine gehörige Portion an Aufholpotenzial verfügen.

Renditekracher. Die Unruhe an den weltweiten Aktienmärkten wird wohl noch auf Wochen hinaus die Nerven der Investoren strapazieren. In solchen Zeiten halte ich mich an Schweizer Blue Chips mit attraktiver Dividendenrendite. Mein Favorit heisst Swisscom. Nicht einmal deshalb, weil ich diesen Aktien eine überdurchschnittliche Performance zutraue. Zwar liefert Konzernchef Carsten Schloter solide Resultate, dennoch dürften sich die Titel über die nächsten Monate nicht als Überflieger präsentieren. Ihre Attraktivität beziehen die Swisscom-Valoren vielmehr aus ihrer saftigen Dividendenrendite; nach den jüngsten Kursrückschlägen bietet dieser Renditekracher 5,5 Prozent! Und das Beste daran: In diesem Jahr könnte die Ausschüttung sogar noch etwas angehoben werden.

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Etwas leiser bitte. Wohlgemerkt, möglicherweise hat der russische Investor Viktor Vekselberg ja recht, wenn er die 40-Millionen-Busse wegen angeblicher Ungereimtheiten bei seinem Einstieg bei OC Oerlikon als unrechtmässig beurteilt. Nur gibt es gegen solche Urteile die üblichen rechtsstaatlichen Mittel und Wege. Und die gelten sogar für milliardenschwere Oligarchen. Viktor Vekselberg bevorzugt zwar bei der Wahl seines Wohnorts die politische Sicherheit und die fiskalische Milde schweizerischer Gefilde. Doch wenn es um die Wahrung seiner Interessen geht, favorisiert er die Methoden seines Heimatlandes; Vekselberg beklagte sich in einem Brief an den russischen Premier Wladimir Putin bitterlich darüber, wie schnöde er in der Schweiz behandelt werde. Dabei soll sogar der Vorwurf der Russenfeindlichkeit gefallen sein.

Seither überbieten sich alle möglichen Gruppierungen darin, die Schweizer Politiker und Wirtschaftsführer vor Folgeschäden zu warnen. Werner Stauffacher, Präsident des Kooperations-Rates Schweiz–Russland, spricht von möglichen Milliardenkosten. Welch ein Theater. Das Resultat: Inzwischen wissen die Investoren endgültig nicht mehr, was sie von den OC-Oerlikon-Aktien halten sollen. Die Titel, die innert dreier Jahre 95 Prozent (!) ­ihres Wertes eingebüsst haben, bleiben hochspekulativ. Hände weg!

Ach ja, lieber Herr Vekselberg, diese Worte sind nicht antirussische Stimmungsmache; in der Schweiz nennen wir so etwas kritischen Journalismus.

Restrukturierungen à gogo. Clariant zählt für mich zu den erstaunlichsten Unternehmen der Schweiz. Erstaunlich am Hersteller von Spezialitätenchemie ist, dass er überhaupt noch existiert – wobei es den Chemiekonzern erst seit 1995 gibt. Doch in dieser kurzen Zeit hat die Firma aus Muttenz wenige Höhen, dafür viele Tiefen erlebt: sieben Chefs in 15 Jahren, milliardenschwere Verluste, seit 2006 ununterbrochen rote Zahlen, Personalabbau im Multipack, Restrukturierungen ohne Ende. Und dies alles wegen hauptsächlich eines Fehlentscheids: Im Jahr 2000 wurde für 3,4 Milliarden Franken die britische Feinchemiegruppe BTP akquiriert. Ein katastrophaler, weil völlig überteuerter Fehleinkauf, unter dem das Unternehmen bis heute zu leiden hat.

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Seither jagt eine Restrukturierung die nächste, zudem hat die letzte Rezession Clariant schwer getroffen. Auch in diesem Jahr wird in Muttenz ausgemistet: erneuter Personalabbau, Stilllegungen oder Verlagerungen von Produktionsbetrieben und vieles mehr. Immerhin konnte CEO Hariolf Kottmann, seit – rekordverdächtigen – 1¾ Jahren Chef bei Clariant, für das erste Quartal dieses Jahres gute Zahlen melden. Und die Ratingagentur Standard & Poor’s hat den Ausblick für das Clariant-Rating von negativ auf stabil erhöht. Auch die Analysten zeigen sich wieder zuversichtlicher punkto Unternehmen und Aktien, und an der Börse vermochten die Titel in diesem Jahr zeitweise stark vorzurücken. Die Rosskur wird die Ertragszahlen von Clariant aufpeppen. Nur ist das wenig nachhaltig. Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, muss das Management erst unter Beweis stellen, dass man in den wichtigsten Divisionen anständige Margen einfahren kann. An den definitiven Turnaround glaube ich noch nicht. Für ein Engagement ist deshalb keine Eile geboten.

Frank Goldfinger ist der anonyme Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch