Chris* ist mit seinem Latein am Ende. Beinhart sei das Geschäft seit dem Crash geworden, erzählt der Manager eines milliardenschweren Hedgefonds, mehr als vier bis sechs Prozent Rendite lägen derzeit einfach nicht drin. Der Amerikaner, dem die Kunden im Nacken sitzen, beneidet jeden, der derzeit nicht an den Finanzmärkten investiert sein muss. Ob es bald besser wird? Er zuckt die Schultern. Die Telekommunikationsfirmen hätten kein Geld mehr, und der Chipsektor sehe auch nicht sonderlich viel versprechend aus, meint der smarte Mitdreissiger ernüchtert. Zu dumm nur, dass er während seines dreitägigen Aufenthalts nicht einmal die Sehenswürdigkeiten der Stadt gesehen habe.

Chris ist einer von 284 Kunden der Credit Suisse First Boston (CSFB), die Ende Mai zur alljährlichen Technologiekonferenz im Hotel Arts in Barcelona geladen sind. Alles, was in dieser Branche Rang und Namen hat, ist in die katalanische Metropole gepilgert. Trotz oder gerade wegen des Crashs ist das Interesse der Firmen, Fondsmanager und Analysten diesmal noch grösser als im letzten Jahr. Nur die Stimmung ist merklich kühler. «Es herrscht ein gewisses Mass an Frustration», gesteht der Chefanalyst für europäische Technologieaktien der CSFB, David Clayton.

Die Fondsmanager würden sich von den Firmenbossen jetzt nach dem Crash eigentlich etwas mehr Zurückhaltung und Demut wünschen. Doch die Manager drücken sich um klare Worte, verstricken sich zuweilen in Widersprüche. Auf Pessimismus folgt Optimismus und umgekehrt. Am Ende sind die Zuhörer meist nicht viel schlauer als vorher.

Im Salon «número un y dos» wettert Psion-Chef David Levin über den «Telco-Hype». Die drahtlose Übermittlungstechnik WAP, einst Hoffnungsträger der Branche, sei nur mehr «Desillusion». Das ist bitter für die Hardwarefirma, die sich mitten in der heiklen Transformationsphase zum WAP-Konzern befindet. Dann vergleicht er die Neunziger mit 1846, als es in England 500 Eisenbahngesellschaften gab, von denen 499 später Konkurs gingen. Eine versteckte Warnung? Immerhin: Seit Oktober 2000 ist Psions Börsenwert um 90 Prozent geschrumpft. Der Boss gibt Entwarnung: «Das Geschäft läuft zwar nicht mehr so gut wie früher, aber es läuft.»

Ein paar Minuten später. Cor Stutterheim, Executive Chairman des IT-Konzerns CMG, dessen Geschäft mit den Short Message Services (SMS) in Europa nicht richtig auf Touren kommen will, meint, dass es vor einem Jahr noch «bedeutend lustiger» war. «Kunststück», zischt Sasha von der Pensionskasse eines englischen College, «damals war die Aktie ja auch noch das Dreifache wert.» Doch Stutterheim macht auf Zweckoptimismus und schiebt die Schuld ab. CMG sei eine profitable Firma, und 2000 sei schliesslich ein «fantastisches Jahr» gewesen. Dass es seither nicht mehr so richtig klappen will, liege auch an der New Economy und ihren Internetfirmen, die sich als «full stoppers», Vollbremser, entpuppt hätten.

Diese New Economy! Wer es sich leisten kann, trampelt gnadenlos darauf herum. «Wir waren bei unseren Prognosen immer konservativer als die Gurus, und wir hatten Recht», triumphiert André Kudelski von der gleichnamigen Schweizer IT-Firma (siehe auch Seite 100). Kudelski, der den digitalen Fernsehmarkt massentauglich machen will («es wird geschehen, aber wir wissen nicht wann»), hat es wahnsinnig eilig. In Rekordzeit rauscht er durch die Geschichte des Digital-TV und der Smart Cards.

Dann eine Frage: «Herr Kudelski, warum haben Sie den Schweizer Billettverkäufer Ticketcorner übernommen?» Kudelski: «Weil wir hier zusätzliche Absatzchancen sehen.» Fragende Blicke im Saal. Ein CSFB-Sprecher: «Bitte, Herr Kudelski, die Leute haben nicht ganz verstanden.» Kudelski, zackig: «Zwei Gründe. Wir brauchten etwas Finetuning, und Ticketcorner stand zum Verkauf.» Noch mehr fragende Blicke. Dritter und letzter Erklärungsversuch: «Ticketing ist eine hübsche Einnahmequelle. Seither haben wir rund zwanzig Anrufe von anderen Billettverkäufern erhalten, die mit uns zusammenarbeiten wollen.» Verhaltener Applaus. Kudelski tritt ab.

«What new economy?» Nebenan referiert Guerrino de Luca. Der Chef der Hardwarefirma Logitech hat noch gut lachen. Seine Aktien konnten sich bisher dem steilen Abwärtstrend an den Börsen entziehen. Doch die Westschweizer sind auf der Hut. Logitech ist an der Nasdaq kotiert, und die Amerikaner sind heikel, wenn es um verpasste Prognosen geht. Bevor de Luca sein Referat («aber wir sind immer noch optimistisch, weil …») beginnt, präsentiert er vorsichtshalber einen Disclaimer, auf dem steht, dass alles, was de Luca jetzt mit Bezug auf die Zukunft sagt, möglicherweise nicht eintreffen wird.

Ein paar Meter weiter, im Auditorium, wo der deutsche Softwaregigant SAP angekündigt ist, herrscht Grossandrang. Die SAP-Fans werden nicht enttäuscht. CEO Henning Kagermann ist der Konkurrenz wieder einmal einen gewaltigen Schritt voraus, referiert bereits über mögliche Lösungen für die «New New Economy». Kagermanns Quintessenz («the new new economy is a profitable one») macht den Zuhörern Mut.

Andernorts ist es weniger lustig. Bei den Dotcoms Lycos Europe (Portal) und Intershop (Software) herrscht Grabesstimmung. Die CEOs Christoph Mohn (Lycos) und Wilfried Beeck (Intershop) referieren vor halb leeren Rängen. Das war früher, als die Aktien noch deutlich höher notierten, anders. Dass das Internetportal Lycos «so viel besser arbeitet als die Konkurrenz» (Mohn), interessiert heute allerdings niemanden mehr. Jetzt wollen die Investoren nur noch wissen, wie lange das Geld noch reicht und wann die Firmen endlich aus den tiefroten Zahlen kommen. Mohn sieht im Augenblick ganz so aus, als wünschte er sich, zu Hause geblieben zu sein.

So wie «Smiley» Jim Rose, CEO von QXL, der es sich in letzter Minute anders überlegt hat. Der Aktienkurs des britischen Onlinehändlers liegt am Boden, der Verlust beträgt das Zehnfache des Umsatzes. Vor einem Jahr riss Rose hier die Zuhörer noch zu Begeisterungsstürmen hin, als er während seiner Präsentation die Fusion mit dem deutschen Konkurrenten Ricardo.de bekannt geben konnte. Diesmal erfahren die Teilnehmer am Tag, an dem Brokat-Finanzchef Michael Janssen seinen Auftritt hat, dass der deutsche Softwareentwickler dringend neue Investoren braucht, weil ihm sonst das Geld auszugehen droht.

Selbst gestandene Unternehmen der IT-Branche haben nun mehr Mühe, die Investoren zu begeistern. Die schwedische Nokia, weltweit führend bei Mobiltelefonen, fällt mit ihrer Präsentation, von der die Medien ausgeschlossen waren, voll durch. «Nach all dem, was geschehen ist, ist es unglaublich, dass der Finanzchef jetzt immer noch so tut, als wäre alles bestens», empört sich Yew Boon. Der Senior Vice President eines staatlichen Investmentfonds in Singapur wünschte sich, Nokia hätte ein differenzierteres Bild der Lage gezeichnet. 1999 und 2000 hat der Asiate den optimistischen Prognosen der Manager noch geglaubt. «Aber in diesem Jahr werde ich das nicht mehr so einfach schlucken.»

Wegen solcher und anderer Debakel haben viele Banker nur noch Hohn und Spott für die gefallenen IT-Gurus übrig. James, Fondsmanager einer grossen amerikanischen Investmentbank in London, will beobachtet haben, wie das Intershop-Team vor dem «Arts» umkehren musste, weil der Fünfsternepalast zu teuer ist. Ein Dauerthema ist auch Frank Quattrone, der Chef der CSFB Technology Group im kalifornischen Palo Alto. Frank ist überall und nirgends. Ein Medienvertreter will ihn im schwarzen T-Shirt in der Eingangshalle gesehen, ein Analyst ihn gar beim Schlaf des Gerechten (Jetlag) während der SAP-Präsentation ertappt haben. Ein US-Hedgefonds- Händler kann erst gar nicht glauben, dass Frank hier morgen eine Pressekonferenz geben soll («Oh my God, hat die Börsenaufsicht ihn wirklich ausser Landes gelassen …?!»).

Doch die Heiterkeit wirkt oft aufgesetzt. Für die meisten Teilnehmer ist das hier nämlich bitterer Ernst. Zum Beispiel für den Inhaber einer kleinen deutschen Softwarefirma, der nach Barcelona gekommen ist, um nach Investoren Ausschau zu halten, und nun ob so viel Zynismus gar nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht. Er sei sich nicht mehr sicher, ob er nun Opfer oder Nutzniesser der Banken sei, schüttet er einer jungen CSFB-Assistentin sein Herz aus. «Allein die Tatsache, dass ich Deutscher bin, ist hier schon schlecht», meint der Unternehmer verbittert.

Neue Töne auch beim Dinner. Durften sich die Banker im letzten Jahr noch am Anblick «halb nackter, mit Goldfarbe bepinselter Frauen, die einen Feentanz zur Schau stellten» («Financial Times»), laben, legt diesmal eine gemischte Tanzgruppe in züchtiger Landestracht einen Flamenco aufs Parkett. Gerade so, als wollte sie die letzten bösen Geister der New Economy vertreiben. Auf dem Nachhauseweg sind sich die Teilnehmer dann einig. Nächstes Jahr werden sie wiederkommen, denn Techno lebt weiter, mit oder ohne Hype.
* Die CSFB bat die Presse, sämtliche Gespräche am Rande der Konferenz «off-the-record» zu behandeln. Mit Rücksicht auf die betroffenen Teilnehmer drucken wir hier nur die Vornamen ab.
Partner-Inhalte