Gold wurde lange Zeit als Fluchthafen angesehen. Doch heute ist es nicht mehr möglich, Gold nur als sichere Anlage zu bezeichnen. Tatsächlich läuft man schnell Gefahr, einer Täuschung anheimzufallen. Die jüngsten Schwankungen des Goldpreises strafen inzwischen jegliche Schematisierung Lügen.

Fabrizio Quirighetti ist Chief Investment Officer bei Decalia.

Es gab eine Zeit, da schossen die Goldkurse durch die Decke, als nämlich die Anleger in einem Anfall von Panik die Wände hochkletterten. Das ist jetzt allerdings nicht mehr der Fall, denn die Marktdynamik und die Marktakteure sind nicht mehr dieselben.

Gold kein sicherer Hafen mehr

Dies wird klar, wenn man sich die Kursentwicklung der Feinunze seit Jahresbeginn ansieht: Nach einer langen Rallye knackte der Kurs im August die 2000-US-Dollar-Marke. Bis Ende Oktober reduzierte sich der Preis jedoch wieder auf etwa 1.850 US-Dollar.

Dies alles trotz des Beginns der zweiten Covid-Welle und der Befürchtungen über eine erneute Konjunkturabschwächung. Als Lehman Brothers 2008 mitten in der Subprime-Krise in Konkurs ging, hatte sich der Goldpreis ähnlich verteuert, die 1900-US-Dollar-Marke jedoch nicht genommen. Dieser Höchststand wurde erst später 2011 erreicht.

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Auftrieb erhielt der Goldpreis seinerzeit durch die expansive Geldpolitik der Zentralbanken. Erstklassige Staatsanleihen oder Finanzierungswährungen wie der Yen oder der Schweizer Franken können den begehrten Status eines sicheren Hafens bei Panikverkäufen an den Aktienmärkten viel eher für sich beanspruchen.

US-Notenbank bestimmt Goldpreis

Die Mechanismen, die dem Goldpreis zugrunde liegen, sind erheblich komplexer geworden. Die heftigen Reaktionen der Anleger liefern nur einen Teil der Erklärung. Aus technischer Sicht wird der in US-Dollar notierte Goldkurs vor allem durch die Entwicklung der Realzinsen getaktet.

Diese entsprechen den Nominalzinsen der 10-jährigen US-Schatzanweisungen– abzüglich der in den USA erwarteten Inflation, die für die Treasury Inflation Protected Securities (TIPS, inflationsindexierte US-Staatsanleihen) berücksichtigt wird.

Die Korrelation zwischen Goldpreis und US-Realzinsen wird überdeutlich, wann man die sich überlappenden Kurvenverläufe seit 15 Jahren betrachtet: Sie entwickeln sich im Gleichschritt. Die Tiefst- und Höchstkurse von Gold fallen mit dem Beginn und dem Ende der Lockerungszyklen der US-Notenbank zusammen.

Je stärker die Realzinsen steigen, umso unattraktiver wird Gold als Wertreserve. Die derzeitige Konstellation mit Zinsen von 0,8 Prozent für 10-jährige US-Staatspapiere und einer in den kommenden zehn Jahren erwarteten durchschnittlichen Inflation von etwa 1,8 Prozent, führt zu finanzieller Repression mit gewaltigen Nachteilen für Sparer. Je stärker die Realzinsen in den negativen Bereich sinken, umso stärker zieht der Goldpreis an.

Neue Rekordpreise bis 2022

Das sind die groben Züge. Kurz-, mittel- und langfristig sind die Aussichten für den Goldpreis folglich eng an die Inflationserwartungen und die Entwicklung der Nominalzinsen geknüpft. Die beiden letzteren Elemente hängen selbst wiederum von der Wachstumsentwicklung und der Geldpolitik sowie von zahlreichen anderen Faktoren wie Staatsverschuldung und Wechselkurse ab.

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Kurzfristig, d.h. In den nächsten 3 bis 4 Monaten, ist eher mit einem anhaltenden Abwärtstrend des Goldpreises zu rechnen: Die Zinsen steigen schneller als die Inflationserwartungen. Dieses Szenario entspricht dem Marktkonsens nach der US-Präsidentschaftswahl.

Die von Joe Biden versprochenen, massiven Infrastrukturinvestitionen werden nicht nur die Inflationserwartungen anheizen, sondern auch die Wachstumsperspektiven verbessern. Die Folge wird letztendlich ein Anstieg der Realzinsen sein. Auf mittlere Sicht, bis 2022 und 2023, sind jedoch neue Rekordpreise für Gold zu erwarten, das bereits ab dem nächsten Jahr erneut die 2000-US-Dollar-Marke nehmen könne.

Die Federal Reserve bleibt bei ihrer sehr entgegenkommenden Geldpolitik und könnte zur Kontrolle der langfristigen Zinsen selbst dann die Zinskurve steuern, wenn sich das nominale Wachstum erholt. Wie in den Jahren 2009 und 2013 wird die Reflation Realzinsen drücken, während die Nominalzinsen gedeckelt werden.

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Franken als «Gold der Mittellosen»

Langfristig nach 2024 sind unterschiedliche Szenarien denkbar: In Szenario Nummer ein würde der Goldpreis unter 2000 US-Dollar je Feinunze sinken. Es käme zu einer deflationären Konstellation wie in Japan, in der die US-Wirtschaft nicht genügend Fahrt aufnehmen kann, um sich aus Schuldenfalle herauszuarbeiten.

In einem diametral entgegengesetzten Szenario setzt die US-Notenbank auf «Helikoptergeld», um die Inflation künstlich anzuheizen und so die Schuldenlast zu senken. Der Goldpreis könnte dann problemlos über 3000 US-Dollar je Feinunze steigen.

Unter diesen Rahmenbedingungen müssen US-Dollar- oder Pfund Sterling-Anleger einen höheren Teil ihrer Anlagen in Gold investieren als Investoren, deren Referenzwährung der Schweizer Franken oder der Euro ist. Mit anderen Worten und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Der Schweizer Franken könnte dann zum «Gold der Mittellosen» avancieren.

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