Als Manfred Zobl anfang Oktober im Zürcher Edelhotel Widder an einem Podiumsgespräch zum Thema Fusionen teilnahm, haderte er zunächst mit der modernen Finanzwelt. Für organisches Wachstum interessiere sich niemand mehr, befand der Rentenanstalt-Chef. Die Finanzgemeinde fordere Wachsen, Übernehmen, Entlassen. Ein Besuchertourismus sei in seiner Branche ausgebrochen. Jeder Versicherungschef rede mit jedem. Und überhaupt: Die Fusionitis stehe erst am Anfang. Dann sagte er einen Satz, der unter den mehr als 150 Zuhörern im Saal staunendes Schweigen zur Folge hatte: «Vielleicht wird durch den E-Commerce alles aus den Fugen geraten, und es kommt eine Rückbesinnung auf ganz andere Fragen.»

Ein Rolf Hüppi, Chef der weltumspannenden Zurich Financial Services, würde in solchen Momenten das Internet - und seine Rolle darin - mit einem mehrminütigen visionären Exkurs würdigen. «Winterthur»-Chef Thomas Wellauer würde einen genauen Plan über die Internetexpansion seiner Versicherung vorlegen. Manfred Zobl dagegen kommuniziert sein Staunen. Zwar wird ihm kaum jemand in seiner Analyse widersprechen. Noch immer ist nicht abzusehen, in welcher Dimension das Internet gerade die Banken- und Versicherungswelt verändern wird. Doch diese Unkenntnis auch offen zuzugeben - das unterscheidet den Mann, den selbst Kritiker als aufrichtig und grundehrlich beschreiben, von den meisten anderen Unternehmenschefs.

Im Frühjahr nächsten Jahres will auch der grösste Schweizer Lebensversicherer erstmals einen Vertragsabschluss übers Internet anbieten. Die «Winterthur» offeriert dies - allerdings nur für die Sachversicherung - bereits seit Juli. Der Rückstand ist symbolisch für die gegenwärtige Situation der Rentenanstalt: Der Versicherer, der als Genossenschaft 140 Jahre lang Profitmaximierung nur aus der Zeitung kannte, hat seit der Umwandlung zu einer Aktiengesellschaft im Sommer 1997 ein enormes Tempo angeschlagen - aus eigener Sicht. Er hat sich erst die UBS als starken Partner für den Börsengang geholt, sich dann aber von der Grossbank abgenabelt und deren 25-Prozent-Beteiligung im Februar bei institutionellen Anlegern platziert. Er hat mit der Zürcher Kantonalbank (ZKB) einen neuen Bankpartner für die Schweiz gefunden. Er hat die Tessiner Vermögensverwaltungsbank Banca del Gottardo und den französischen Personenversicherer Lloyd Continental übernommen. Und er hat sich als feste Grösse im Swiss Market Index etabliert.

Trotzdem ist die Skepsis gross. Nicht nur bemängeln Analysten Qualität und Preis der Käufe. Vor allem ist ihnen die Rentenanstalt noch immer zu langsam in einer Finanzwelt, die sich in rasendem Tempo konsolidiert. «Sie müssten viel grössere Schritte machen», sagt der Pictet-Versicherungsanalyst Thomas della Putta. Die Aktie steht bei ihm auf Reduzieren. Auch Sal-Oppenheim-Analyst Heinrich Wiemer rät zum Verkauf: «Das operative Ergebnis ist enttäuschend.» Goldman Sachs führt die Aktie zwar als Market-Outperformer, doch das begründet die amerikanische Investmentbank vor allem mit dem geringeren Marktwert des Versicherers im Vergleich zu anderen europäischen Lebensversicherern. Drastisch urteilt ein hochrangiger früherer Topmanager des Rentenanstalt-Telefonverkaufskanals Profitline: «Herr Zobl und sein Management sind noch nicht in der modernen Finanzwelt angekommen.»

In seinem Büro im renovierten Hauptsitz am Mythenquai in Zürich lässt Zobl diese Kritik nicht gelten. «Ich bin ausserordentlich zufrieden über die Entwicklung der letzten zwei Jahre», betont er. Behutsam hat der 53-Jährige, seit sechs Jahren an der Spitze, seine Versicherung aus dem Genossenschaftsdasein an die Kapitalmärkte geführt. Doch er weiss: Jetzt muss das Tempo verschärft werden. Die härteste Phase der Umwandlung zu einer wahren Aktiengesellschaft steht ihm noch bevor. Die Warnsignale sind unübersehbar. Zwar wies seine Gesellschaft für das erste Halbjahr 1999 einen Gewinnzuwachs von 33 Prozent aus. Doch das gelang vor allem mit einer Buchhaltungsmassnahme - statt 6,9 Milliarden Franken wie im Vorjahr wurden dieses Jahr nur 2,7 Milliarden zurückgestellt. Das operative Geschäft enttäuschte: Die Prämieneinnahmen gingen um 8 Prozent zurück, während die Kosten um 28 Prozent stiegen. Zudem verspricht der Schweizer Lebensversicherungsmarkt, der noch immer mehr als 60 Prozent der Prämien bringt, kaum Wachstum. Schon heute ist die Schweiz das höchstversicherte Land Europas (siehe «Hochversicherte Schweizer»). Der Marktführer Rentenanstalt mit einem Lebensversicherungsanteil von 35 Prozent kann da eigentlich nur verlieren.

Ausgleich soll das Ausland bringen, das im ersten Halbjahr 40 Prozent der Prämien einfuhr. In Europa ist die Rentenanstalt heute nach Goldman-Sachs-Schätzungen der neuntgrösste Lebensversicherer (siehe «Rang neun» auf dieser Seite), doch das verdankt sie vor allem ihrer Marktführerschaft in der Schweiz. Selbst in Frankreich, ihrem grössten Auslandsmarkt, ist sie heute nur auf dem 16. Platz in der Rangliste aller Versicherer und auf dem dritten Platz bei den Krankenversicherern. Mit Ausnahme der Beneluxländer ist sie unter den Lebensversicherern in keinem europäischen Land unter den ersten zehn. «Ich glaube nicht, dass sie im Ausland eine Chance hat», sagt Sal-Oppenheim-Analyst Wiemer. Bei einem Eigenkapital von 7,7 Milliarden Franken sind grosse Sprünge nicht möglich. «Wir wollen im Ausland weiterwachsen, doch wir wollen mit unseren Mitteln haushälterisch umgehen», betont Zobl.

So muss er vor allem die Rentabilität des Schweizgeschäfts verbessern. Den starken Rückgang im ersten Halbjahr erklärt Zobl vor allem mit der Einführung der Stempelsteuer, die den Einmalprämienverkauf behindert habe. Doch dahinter steckt vor allem ein Fastzusammenbruch der bisherigen UBS Swiss Life, des Direktversicherers, den die Rentenanstalt mit der UBS gegründet hatte und nach dem Beenden der Zusammenarbeit im Februar voll übernommen hat. 1,2 Milliarden Franken nahm die Gesellschaft im vergangenen Jahr noch ein, vor allem mit Einmalprämien, in diesem Jahr dürften es kaum mehr als 200 Millionen werden. Mit dem Ende der Zusammenarbeit ist nicht nur der grösste Bankenvertriebskanal der Schweiz, das UBS-Filialnetz, weggefallen. Zwar setzt Zobl hier auf seinen neuen Partner: «Die ZKB wird wettmachen, was die UBS mit der UBS Swiss Life gebracht hat.» Doch die räumliche Beschränkung - die ZKB ist ausserhalb des Grossraums Zürich kaum präsent - lässt daran Zweifel aufkommen.

Allianzen mit anderen Kantonalbanken will Zobl dann auch nicht ausschliessen: «Auch in anderen Teilen der Schweiz können wir analoge Partnerschaften eingehen.» Vor allem galt die alte UBS Swiss Life um ihren Chef Urs Keller als Innovationszentrum der Gruppe, das mit neuen Produkten und Vertriebskanälen das Geschäft der Zu-kunft sichern sollte. Zwar konnten sich die fonds- und indexgebundenen Lebensversicherungen nie durchsetzen. Doch das Einmalprämiengeschäft war ein Riesenerfolg, die Kosten betrugen nur einen Bruchteil des Aussendiensts. Auch die neuen Vertriebskanäle setzten sich durch. Neben Bankschalter und Makler etablierte sich vor allem der Telefonverkauf über die so genannte Profitline als erfolgreichster der Schweiz. Mit der Kündigung Kellers im April, der nach dem Ende der UBS-Partnerschaft auf eine radikale Neuausrichtung der gesamten Gruppe gedrängt hatte, verliessen mehr als ein Drittel der Mitarbeiter die 80-köpfige Rentenanstalt-Tochter, die heute Swiss Life Direct heisst. Auch der erfolgreiche Chef der Profitline, Charles Oppenheim, ging im Oktober.

Die Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Belgier Roland Chlapowski, der bis September die Lausanner Rentenanstalt-Tochter La Suisse leitete und jetzt für das gesamte Schweizgeschäft zuständig ist. Als Erstes engagierte der 48-jährige ETH-Ingenieur, früher selbst bei McKinsey, ein Team der Unternehmensberatung unter der Leitung des Versicherungsspezialisten Roderick Kaps. Noch immer stellt die Rentenanstalt an drei Standorten - Rentenanstalt, La Suisse, Swiss Life Direct - Policen her, und das ist der Hauptgrund für die hohen Kosten. Jetzt soll das gesamte Schweizgeschäft unter Chlapowski integriert werden. Avanti heisst das Projekt, und die Umsetzung wird zeigen, inwieweit es Zobl wirklich ernst meint mit dem Anpassen an eine radikale Aktienkultur. Ende Dezember sollen die Ergebnisse vorliegen.

Doch Rentenanstaltkenner bezweifeln, ob Chlapowski der richtige Mann ist. Schon sein Leistungsausweis bei der La Suisse ist wenig beeindruckend: Als er 1995 begann, lagen die Prämien bei einer Milliarde Franken, im letzten Jahr waren es noch 900 Millionen, während die Gruppe in dieser Zeit von 10,6 Milliarden auf 16,7 Milliarden zulegte. Und auch bei der heikelsten Frage des Projekts, die Zukunft der La Suisse, ist Chlapowski vorbelastet. Schon in den ersten Sitzungen wurde das Dilemma deutlich: McKinsey-Projektleiter Kaps soll sich für einen Verkauf der La Suisse stark gemacht haben - ihr Sachversichungsgeschäft sei für die Rentenanstalt nicht brauchbar, und das Lebengeschäft mit seinen 700 Millionen an Prämienvolumen lohne nicht die Mühen der Integration. Doch da soll sich Chlapowski gesperrt haben. Als langjähriger Chef fühlt er sich den 1000 Mitarbeitern der Lausanner Tochter verpflichtet. «Wir haben Herrn Chlapowski keine Tabuvorgaben gemacht», betont Zobl. Sollte die La Suisse wirklich aus dem Avanti-Projekt ausgeklammert werden, hätte das genossenschaftliche Denken gesiegt - Harmonie statt harter, aber notwendiger Entscheide.

Eine harte Politik wird die Rentenanstalt-Spitze auch gegen eine bislang weitgehend geschützte Mitarbeitergruppe durchziehen müssen - die mehr als 1000 Aussendienstmitarbeiter. Wenn die Versicherung die Kosten nachhaltig senken will, muss sie die neuen Vertriebskanäle, Telefon, Makler und vor allem Internet, in dem Avanti-Projekt stark ausbauen und den überteuerten Aussendienst reduzieren. Der Aussendienstmitarbeiter wird ein ähnliches Schicksal erleben wie die Bankmitarbeiter, die durch Bankomaten ersetzt wurden. «Die verbleibenden Aussendienstmitarbeiter müssen immer besser werden», betont Zobl. Eine Prognose über die Zahl der Aussendienstmitarbeiter in drei Jahren will er nicht geben.

Doch kann - und will - Zobl wirklich eine härtere Gangart anschlagen? Noch immer herrscht selbst in der Konzernleitung eine ausgeprägte Konsenskultur. Vier der acht Konzernleitungsmitglieder sind bereits seit den Siebzigerjahren bei der Rentenanstalt, seit dem Börsengang ist lediglich der Finanzchef Dominique Morax hinzugestossen, der seit kurzem die neu geschaffene Abteilung Banken und Investment-Management leitet und die Zusammenarbeit mit der Akquisition Banca del Gottardo koordiniert. Morax baute für die «Zürich» das Schweizer Fondsgeschäft auf, verliess die Finanzgruppe aber, nachdem Konzernchef Hüppi ihn aus der erweiterten Konzernleitung entfernt hatte. Die Neubesetzung des Postens des Schweiz-Chefs, des wichtigsten im Konzern, vertraute Zobl seinem Weggefährten Roland Chlapowski an, statt auf Kräfte von aussen zu setzen. Der bisherige Inlandschef, der 59-jährige Markus Weisskopf, der Rückzugsgedanken signalisiert haben soll, wurde mit dem neu geschaffenen Chefposten Europa 2, vor allem Frankreich, Deutschland und Italien, belohnt. Der Engländer Christopher Ide, der bislang für ganz Europa zuständig war und der mit seiner Erfahrung in deregulierten Märkten im internationalen Geschäft Weisskopf überlegen ist, wurde zum Chef Europa 1 (England und Benelux) degradiert.

Wenn die Rentenanstalt-Spitze nicht härter durchgreift, könnte sogar ihr liebstes Gut, die Unabhängigkeit, auf dem Spiel stehen. Die Hälfte der Aktien halten institutionelle Anleger aus der Schweiz, je ein Viertel liegt bei ausländischen Institutionellen und beim Publikum. In gewisser Weise schützt ihre Marktstellung die Rentenanstalt vor einer ausländischen Übernahme: Das geringe Wachstumspotenzial in dem kleinen Schweizer Markt mag Ausländern nur wenig attraktiv erscheinen. Am ehesten konnte noch die französische Axa, die schon mehrmals ihre Kaufabsichten für die Schweiz kundgetan hat, Interesse zeigen. Doch vor allem wertmässig ist die Versicherung ein Juwel, und das könnte Financiers wie BZ-Bankier Martin Ebner interessieren. Sie ist noch immer der grösste Immobilienbesitzer der Schweiz. Insider schätzen allein die stillen Reserven auf acht Milliarden Franken, dazu kommt ein ausgewiesenes Eigenkapital von fast acht Milliarden, bei einer Börsenkapitalisierung von gerade elf Milliarden. Die «Winterthur», die auch immer auf ihre Eigenständigkeit pochte, hatte vor der Eingliederung in die CS eine Börsenkapitalisierung von zwölf Milliarden Franken.

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