BILANZ: Kunstsammeln gehört nicht zu den Kernaktivitäten von Unternehmen. Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Corporate Collections und Kunstengagements aus?

Hans-Jörg Heusser: Das hängt sehr davon ab, wie sich die Finanzkrise weiterentwickelt. Wenn sie zu einer Rezession führt, dann wird sie zweifellos Auswirkungen haben. Man wird sich nun verstärkt fragen, inwiefern die Sammlungstätigkeit wirkliche Wettbewerbsvorteile bringt.

Kunst bringt Wettbewerbsvorteile?

Dies ist ganz offensichtlich der Fall. Die Roland-Berger-Studie zum Thema «Kulturengagement von Unternehmen», an der ich mitgewirkt habe, zeigt, dass Kulturaktivitäten – und damit auch die Kunstsammlungen – durchaus zur Gewinnung von Wettbewerbsvorteilen genutzt werden. 43 Prozent der befragten Unternehmen waren überzeugt davon, dass ihre Kulturaktivitäten zu Wettbewerbsvorteilen in Bezug auf Kundenpflege, Image, Good Coporate Citizenship, Medienauftritte, Arbeitgeberattraktivität, Marktauftritt und Investoreneinstellung führen.

Könnte diese positive Einstellung in angespannten Zeiten kippen?

Kunst ist, freiwillig oder nicht, ein Teil der Unternehmenskommunikation. Früher liessen sich Unternehmensführer vor alten Meistern abbilden. Sie signalisierten damit Traditionsverbundenheit und Solidität. Heute ist nur noch Gegenwartskunst gefragt. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass das immer so sein muss. Es kann durchaus der Fall eintreten, dass sich eine Bank heute ein weniger experimentelles Image zulegen will.

Dem Kunstboom zum Trotz: Kunst wird von der breiten Bevölkerung immer noch als schwer zugänglich betrachtet. Sind die Unternehmen avantgardistischer?

Die Branchen, in denen Unternehmenssammlungen anzutreffen sind, weisen durchschnittlich ein höheres Bildungsniveau auf. Heute beschäftigen die Banken zahlreiche Hochschulabgänger. Was die Unternehmen einem Uni-Absolventen an Firmenkultur servieren, muss sich unterscheiden von dem, was man den hemdsärmligeren Bankern von früher anbot. Aber die Bedeutung der visuellen Kultur hat auch gesamtgesellschaftlich stark zugenommen. In der Kunstwissenschaft nennt man das «The Iconic Turn», die Hinwendung zum Bild. Bilder sind grenzüberschreitend. Deshalb hat ihre Bedeutung für die Kommunikation in der globalisierten Gesellschaft zugenommen.

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Unternehmen sammeln Kunst aus verschiedenen Motiven: zur Wanddekoration, als Mitarbeiterstimulation, zur Kulturförderung oder explizit als Branding-Tool. Sind die einen Sammlungen geschützter vor den Verwerfungen des Marktes als andere?

Dass konkursite Unternehmen ihre Sammlungen auf den Markt bringen, haben wir schon öfter erlebt. Wenn ein Unternehmen in eine Schieflage gerät, wird das Kunstengagement, das zur Pflege der Corporate Culture und zur Freude der Mitarbeiter eingesetzt wird, sicherlich heruntergefahren oder vorübergehend eingestellt. Wenn Kunst aber explizit der Erzielung von Wettbewerbsvorteilen dienen soll, wie es bei der UBS teilweise der Fall ist, dann könnte das Programm fortgesetzt werden. Die UBS betreibt ja mit den Ausstellungen ihrer Sammlungen etwa in Shanghai oder Peking aktive Kundenakquisition. Kunstausstellungen eignen sich hervorragend, um Kontakte mit potenziellen Kunden und Opinion Leaders zu knüpfen und einen Markt aufzubauen.

Was kommuniziert denn Gegenwartskunst konkret?

Kunst kommuniziert Aktuell-Sein, Dynamik, Innovationsgeist, Flexibilität und Offenheit. In einer Kommunikationsgesellschaft sind das Leitwerte. In diese müssen Unternehmen einschwingen. Wer heute an einem Stahlhelmimage und Werten der Aktivdienstgeneration festhält, ist völlig out. Das Unternehmensimage kann man durch die Wahl der Kunst dramatisch verändern.

Was macht eine gute Firmensammlung aus?

Sie hat ein Konzept und ist von so hoher Qualität, dass sie mit einer Museumssammlung konkurrieren kann. Neben dem Konzept braucht es eine professionelle Betreuung, welche die Archivierung, die Inventarisierung, die Restaurierung und die Vermittlung umfasst. Ich bezweifle nicht, dass es Kunstfreunde in den Topetagen gibt, die etwas von Kunst verstehen. Aber sie haben keine Zeit, sich um die Sammlung zu kümmern. Es braucht deshalb einen professionellen Kurator. Eigenartigerweise geben zwar viele Unternehmen Geld aus, um Kunst anzukaufen, aber sie sparen dann bei dem relativ bescheidenen Betrag, den es braucht, um einen professionellen Kurator anzustellen. Es gibt natürlich löbliche Ausnahmen wie Swiss Re, Mobiliar und Nationale Suisse.

Michael Ringier sagte einmal, im Umgang mit Kunst sei es wichtig, sich auf Intuition und die eigene Urteilskraft zu verlassen – genau die Tugenden, die es im Unternehmen zu pflegen gelte. Schwingt da der Glaube mit, dass die Belegschaft ihre Intuition und Kreativität mittels Kunst trainieren kann?

Kunst ist ein Ausdruck von Kreativität. Aber fördert Kunst Kreativät? Ich glaube eher, dass kreative Leute gerne Kunst haben, weil sie verstehen, worum es geht. Natürlich bedingt der Umgang mit Kunst geistige Flexibilität. Sie schult die Wahrnehmung, weil Kunst voller unauflösbarer Ambivalenzen steckt. Kunst kann man nicht einfach mit einer einzigen Erklärung auflösen. Die Auseinandersetzung mit Kunst ist deshalb mentales Training für heutige Welt! Sie lehrt den Umgang mit nuancierten, differenzierten Sachverhalten. Das ist in unserer Welt, die von einer unglaublichen Komplexität geprägt ist, zentral.

Sie glauben, da färbt etwas von den Wänden auf die Mitarbeiter ab?

Dazu braucht es eine Vermittlung im Unternehmen. Wenn man das Hirn braucht, um Kunst zu verstehen, dann wird das Komplexitätsverständnis trainiert. Es bringt einen mit Dingen in Kontakt, die einem neu sind. Kunst erlaubt eine Horizonterweiterung.

Hans-Jörg Heusser Direktor des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA), studierte Wirtschaft, Jura und doktorierte in Kunstgeschichte. Er hat UBS, Zurich Financial Services und Zürcher Kantonalbank u.a. bei der systematischen Entwicklung ihrer Kunstsammlungen beraten.