Anlagenotstand! Bei den tiefen aktuellen Zinsniveaus finden Investoren kaum noch Rendite. Zehnjährige Schweizer Staatsanleihen werfen nicht einmal mehr 1,5 Prozent ab. Auf dem Sparkonto gibt es sogar noch weniger: gemäss dem Internetvergleichsdienst Comparis zwischen 0,1 (Zuger Kantonalbank) und 1,25 Prozent (Banque CIC und PostFinance). Immerhin sind diese Anlagen sehr sicher. Sparkonti sind bis 100 000 Franken über die Einlagensicherung versichert.

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Anleger, die höhere Renditen erwarten, müssen sich in gefährlichere Gefilde begeben und können beispielsweise in Aktien investieren. «Wer Aktien kauft und zehn Jahre hält, kann fast immer mit Gewinn rechnen, durchschnittlich mit sechs bis acht Prozent pro Jahr», so lautet der oft von Aktienexperten wiederholte Grundsatz. Anleger, die diesen in den vergangenen zehn Jahren beherzigten, wurden allerdings auf das Wort «fast» zurückgeschmettert. Für den Schweizer Aktienindex SMI resultierte nämlich ein deutliches Minus. Selbst wenn die Dividendenausschüttungen der Firmen hinzugerechnet werden, ergibt sich eine Rendite von ziemlich genau null Prozent. Da ist es kein Wunder, wenn sich die Anleger scharenweise von Aktienanlagen abgewendet haben.

Was bleibt Anlegern, die höhere Renditen erwarten, aber nicht mehr so gerne in Aktien investieren wollen? Für sie bieten einzelne Schweizer Firmenanleihen Erstaunliches. So rentieren die Obligationen der drei Schweizer Unternehmen Cytos, Thurella und Citron derzeit alle mit mehr als 15 Prozent pro Jahr (siehe Tabelle im Anhang).

Solche Renditen sind keine Hexerei, sondern offenbaren die damit verbundenen Risiken. Im Prinzip handelt es sich bei Firmenanleihen um ein einfaches Geschäft: Anleger leihen einer Firma Geld, und diese bezahlt dafür Zinsen (siehe «Börsenkotierte Anleihen»). Je tiefer die Kreditwürdigkeit der Firma, desto mehr Zinsen muss sie bezahlen, damit ihr Geld geliehen wird.

Die Kreditwürdigkeit der Biotechnologiefirma Cytos wird derzeit gering eingeschätzt, weshalb die Wandelanleihe mit fast 20 Prozent pro Jahr rentiert. Verschiedene Produkte der Firma zeigten in einer Testphase nicht die gewünschten Wirkungen, mehr als ein Drittel der Belegschaft musste entlassen werden.

Steigende Zuversicht. Auf die Frage, ob Cytos die ausstehende Wandelanleihe im Umfang von 41 Millionen Franken bei Fälligkeit im Februar 2012 zurückbezahlen könne, sagt Finanzchef Harry Welten: «Für die Rückzahlung in 15 Monaten benötigen wir zusätzlich rund 20 Millionen Franken.» Er zweifelt nicht daran, dass es rechtzeitig gelingt, diese Mittel zu beschaffen: «In den vergangenen 15 Jahren, seit Bestehen der Firma, haben wir über 370 Millionen Franken auf- und eingenommen.» 100 Millionen Franken davon habe die Firma mit dem Auslizenzieren von Produkten an Pharmapartner verdient. Zudem habe Cytos gute Produkte in der Entwicklung, so Welten. «Zu einem Asthmaimpfstoff konnten Ende Mai sehr gute Studienergebnisse verkündet werden.» Namhafte Investoren scheinen Vertrauen zu haben: Thomas Matter, Ex-Chef der Bank Swissfirst, hat über seine Matter Group im Juli eine Beteiligung von 3,4 Prozent an Cytos gemeldet. «Zudem haben das Management und der VR von Cytos eben erst eigene Aktien im Wert von einer Million Franken gekauft», so Cytos-Finanzchef Welten. «Das zeugt vom Vertrauen des Managements in die Firma.» Ein weiteres Indiz, dass die Firmenlenker wieder optimistischer in die Zukunft schauen, ist, dass das Unternehmen wieder Personal sucht, einen Ingenieur und eine Chemielaborantin. Die steigende Zuversicht, dass Cytos zahlungsfähig bleiben wird, zeigt sich auch im Kursverlauf der Wandelanleihe: Sie hat 2010 schon 60 Prozent zugelegt.

Auch die Thurgauer Getränkefirma Thurella hat ein Problem mit ihrer Kreditwürdigkeit, deshalb rentiert ihre Wandelanleihe mit über 17 Prozent. Der Anleihe im Umfang von 25 Millionen Franken steht ein Eigenkapital von nur 11,4 Millionen Franken gegenüber. Zudem erlitt die Firma 2008 und 2009 zweistellige Millionenverluste. Eine Abfüllanlage in Eglisau muss schliessen, weil ein Grosskunde abgesprungen ist.

Doch Thurella hat reagiert, Firmenteile verkauft und will den Fokus auf den Gemüsesaft Biotta und Grundstoffe für Obst- und Gemüsesäfte legen. Bei Biotta sollen im nächsten Jahr zusätzliche Produktlinien auf den Markt kommen. Erste Erfolge der Restrukturierung zeigten sich im dritten Quartal des laufenden Jahres, in dem wieder ein Konzerngewinn erwirtschaftet werden konnte.

Beim Abfallrecycler Citron liegt das Problem in Frankreich: bei 76 000 Tonnen Abfall, den das Unternehmen unerlaubterweise auf dem eigenen Werkgelände in Le Havre lagert. Die französischen Behörden verlangen, dass dieser auf einer kostenpflichtigen Deponie entsorgt wird. Citron muss dafür eine Garantiesumme von 3,4 Millionen Franken hinterlegen – viel Geld für die Firma. Schon Ende 2009 stand der Citron-Anleihe mit einem Volumen von 40 Millionen Franken ein Eigenkapital von nur 36 Millionen gegenüber. Kein Wunder, rentiert die Anleihe mit über 15 Prozent. Citron hat noch bis Ende 2016 Zeit, dann muss das Kapital für die Rückzahlung der Obligation da sein, sonst droht der Konkurs.

Dass eine Schweizer Firma eine Obligation nicht zurückzahlen kann, ist aber äusserst selten. Nach Recherchen der Kreditanalysefirma Standard & Poor’s gab es das von 2002 bis 2009 kein einziges Mal. Die Historie spricht also nicht nur für Citron, Thurella und Cytos, sondern auch für die hoch rentierenden Obligationen von Sunrise und Aryzta.

Stabile Sunrise. Allerdings spricht die Historie nicht unbedingt für die hoch rentierende Anleihe von Griechenland. Seit Einführung des Euro war das Land zwar auch nie zahlungsunfähig, davor kam es aber öfter vor. Jetzt ist Griechenland eigentlich wieder pleite, deshalb rentiert die in Schweizer Franken kotierte Staatsanleihe mit über zwölf Prozent. Einzig die Garantieversprechen der EU und des Weltwährungsfonds sichern die Zahlungsfähigkeit. Es ist wahrscheinlich, dass der Umfang dieser Garantien bis zur Fälligkeit der Obligation im Juli 2013 ausreichen wird. Allerdings muss Griechenland dabei seinen Sparkurs rigide durchziehen, sonst könnten EU und Weltwährungsfonds ihre Garantien streichen.

Etwas sicherer erscheinen die Obligationen von Sunrise. Die Telekomfirma hat eine relativ stabile Kundenbasis und stabile Erträge. Zudem hat die Schweizer Wettbewerbskommission (Weko) sich erst vor kurzem implizit dafür ausgesprochen, dass sie drei Telcos für den Erhalt des Wettbewerbs als wichtig erachtet. Das heisst natürlich nicht, dass Sunrise eine Staatsgarantie geniesst, aber es ist doch eine starke Aussage der Weko zu ihren Gunsten.

Im Rahmen der Übernahme durch den in Luxemburg domizilierten Investor CVC Capital Partners hat sich Sunrise jetzt hoch verschuldet. Darum rentiert ihre Obligation mit über sechs Prozent. Das Rendite-Risiko-Profil finden auch die Experten bei der CS attraktiv und haben die Anleihe vor kurzem zum Kauf empfohlen.

Ein Haken an der Sunrise-Anleihe ist die hohe Mindestanlagesumme von 150 000 Franken. Damit ist sie eigentlich nur etwas für Millionäre. Denn es ist nicht empfehlenswert, sein ganzes Vermögen auf eine Karte zu setzen. Zehn Prozent des Anlagevermögens in diese Anleihe zu investieren – oder eine andere der hier beschriebenen –, ist schon sehr risikofreudig. Denn hohe Verluste können nicht ausgeschlossen werden. Wegen dieses Risikos gibt es ja die hohen Renditen.

Eine hohe Rendite bietet auch der irisch-schweizerische Konzern Aryzta – früher Hiestand. Im Unterschied zu den beschriebenen Firmen steht der Backwarenkonzern finanziell aber auf relativ sicherem Boden. Die hohe Rendite ergibt sich aus der Nachrangigkeit des Anlageinstruments. Das heisst, dass andere Schulden von Aryzta im Konkursfall vorrangig bedient würden. «Zudem können die Couponzahlungen ausgesetzt werden, falls die Firma keine Dividenden an die Aktionäre zahlt», sagt Jürg Tanner, Anlagespezialist bei Julius Bär. Aryzta muss den ausgeliehenen Betrag nicht zwingend zurückzahlen, hat aber einen hohen Anreiz, dies auf den ersten Kündigungstermin Ende Oktober 2014 zu tun. Die jährlich fälligen Zinszahlungen würden sonst auf über neun Prozent ansteigen. «Der Titel ist eine Überlegung wert», sagt Tanner und ergänzt: «Allerdings sind solche Instrumente nur für Investoren mit einer höheren Risikotoleranz geeignet, welche die möglichen Konsequenzen erkennen und verkraften können.»

Euros und Dollars. Eine weitere Möglichkeit für hohe Renditen in Franken sieht Tanner darin, in Fremdwährungsanleihen zu investieren und das Währungsrisiko abzusichern. Die Kosten dafür hängen von der Zinsdifferenz ab. «Die sind derzeit sehr klein, darum kostet das für den Euro nur rund 0,12 Prozentpunkte pro Jahr», sagt Tanner. Falls sich die Zinsdifferenzen vergrössern, würde die Absicherung dementsprechend teurer.

Im Unterschied zu einigen anderen Banken führt Julius Bär Empfehlungslisten für hoch rentierende Firmenanleihen in Euros und US-Dollars – unter der Rubrik spekulative Anlagen. Darunter ist etwa die Euro-Anleihe von Levi Strauss & Co. (ISIN XS0520235218). Sie rentiert mit sieben Prozent, läuft bis maximal 2018.

Bei der Anleihe der Jeansfirma wie für alle anderen hier beschriebenen Anlagen gilt, dass Käufer bereit sein sollten, die News rund um die Unternehmen intensiv zu verfolgen. Sonst beteiligt man sich am Markt für hochverzinsliche Anleihen besser über einen Fonds. Auch wegen der Diversifikation. «In der Schweiz gibt es zu wenige hochverzinsliche Anleihen, um sich genügend zu diversifizieren», sagt Marco Engesser von der Bank Clariden Leu. Anleihen in Euros und in Dollars mit Renditen von über fünf Prozent sind häufiger zu finden. Zudem ist die Liquidität in den ausländischen Papieren meist höher.

Engesser rät zu einem Fonds, der in verschiedene hochverzinsliche US-Anleihen investiert ist. «Diese Anlagekategorie rentiert derzeit mit rund sieben Prozent, auch nach einer Währungsabsicherung sind es noch über fünf Prozent», sagt er. Solche Fonds mit Bestnoten von der Analysegesellschaft Morningstar gibt es etwa von Pimco (ISIN IE00B1D7YK27) und Axa (LU0276015533). Der Nachteil ist, dass die Fonds im Vergleich zur Direktanlage zusätzliche Kosten verursachen: der Fonds der Axa 0,84 Prozent und der von Pimco sogar 1,66 Prozent.