BILANZ: Charlie Munger, der Kompagnon von Superinvestor Warren Buffett, hat Sie an der letzten Hauptversammlung von Berkshire Hathaway als «verrückt» bezeichnet. Was um Himmels willen hat er damit gemeint?

Jeremy Siegel (lacht): Ich weiss auch nicht, was da in ihn gefahren ist. Die Veranstaltungen dort in Omaha sind ja immer ein bisschen organisiert wie Gottesdienste – da lässt sich der eine oder andere auf dem Podium schon einmal zu einer flapsigen Bemerkung hinreissen.

Gemeint haben dürfte er Ihre These, dass Aktienanlagen historisch gesehen alle anderen Anlageformen übertreffen. Er wirft Ihnen vor, bei Ihrer Analyse «Äpfel mit Elefanten» zu vergleichen …

… was immer das auch heissen mag! Aber die Zahlen lügen nun mal nicht. Ich habe in meinem Buch «Stocks for the Long Run» nichts anderes gemacht, als anhand einer Fülle von historischen Daten und Berechnungen nachzuweisen, dass Aktienanlagen seit 1802 alle anderen Anlageformen übertroffen haben.

Das Buch wurde zu einem durchschlagenden Erfolg, weil es exakt mit dem Beginn des Börsenbooms der neunziger Jahre zusammenfiel. Viele Investoren haben sich auf Grund Ihrer Analysen damals zu einem ziemlich aggressiven…

Anzeige

… und in der Rückschau ziemlich unvernünftigen …

… Anlagestil hinreissen lassen. Haben Sie sich später mal wie Dr. Frankenstein gefühlt, der ein Monster geschaffen hat?

Gelegentlich schon. Es schien ja wirklich so zu sein, dass viele Anleger meine
Botschaft missverstanden hatten als Aufforderung, um jeden Preis Aktien zu kaufen. Heute wünschte ich mir, ich hätte in der zweiten Auflage meines Buches eindringlicher auf Exzesse hingewiesen – aber zu jenem Zeitpunkt waren die Dinge noch nicht so übergekocht wie später. Ab 1999 habe ich eindringlich vor der Internetblase und ihren Folgen gewarnt.

Vielleicht meinte Munger mit «verrückt» nicht Sie persönlich, sondern das, was Sie damals mit ausgelöst haben. Sie wurden immerhin als «Godfather of the Bull Market» bezeichnet. Und plötzlich ging der Stier bewusstlos in die Knie.

Das mag sein. Im Übrigen hat Charlie sich per Fax inzwischen bei mir für diese etwas brachiale Äusserung entschuldigt. Und mit meinem Freund Warren spiele ich nach wie vor Bridge – am Computer! Und natürlich bleibe ich bei der These, dass man, Spekulationsblasen hin oder her, mit Aktien die besten Renditen erzielen kann, historisch gesehen inflationsbereinigt rund sieben Prozent pro Jahr.

Kein «mea culpa» also?

Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer. Nur ein Beispiel: Mir wurde klar, dass man, wenn man seinen gesunden Menschenverstand benutzt und sich von den heissen Sektoren fernhält, auf lange Sicht pro Jahr eine um ein halbes Prozent höhere Rendite erzielen kann als der Index.

Langeweile ist also Trumpf?

Absolut! Die ewige Jagd nach den neusten Wachstumswerten, die fieberhafte Suche nach dem nächsten Big Thing verdammt Investoren zu mageren Renditen. Hätten Sie 1957 tausend Dollar in die 100 Werte aus dem S&P 500 mit dem höchsten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) investiert und jährlich angepasst, wäre Ihre Investition bis zum Jahre 2003 auf 56 700 Dollar angewachsen. Hätten Sie die gleiche Summe in die 100 Werte mit dem niedrigsten KGV investiert, hätten Sie 425 000 Dollar auf dem Konto gehabt.

Anzeige

Welche Aktien sind demnach interessanter?

Die bewährten und erprobten! Diejenigen, die regelmässig angemessene Dividenden ausschütten. Eine der Erkenntnisse in meinem neuen Buch, «The Future for Investors», ist, dass die 100 Werte im S&P 500 mit der höchsten Dividendenausschüttung in den vergangenen 50 Jahren besser abgeschnitten haben als der Index. Ich denke, wir brauchen mehr Indexfonds, die auf dividendenstarke Aktien gemünzt sind.

In «Stocks for the Long Run» schrieben Sie, dass Anleger selbst dann Geld verdienen konnten, wenn sie in den siebziger Jahren die damaligen Überflieger der Wall Street auf ihrem Peak gekauft haben. Heute sagen Sie, dass Investoren keine hoch bewerteten Aktien ins Portfolio legen sollten. Ein Widerspruch?

Nein, weil sich selbst unter den damals unter dem Label Nifty Fifty zusammengefassten Werten jene mit dem geringeren KGV besser entwickelt haben als die mit dem höheren. Unter den Nifty Fifty rechtfertigte in der Rückschau nur Johnson & Johnson ein KGV über 50. Die damals Teuersten – Technologieunternehmen wie Polaroid, Digital Equipment, Texas Instruments oder IBM – haben bei weitem nicht so gut abgeschnitten. In den allermeisten Fällen sollte man bei Aktien nie mehr als das 30fache des Gewinns bezahlen.

Anzeige

Kritiker werfen Ihnen vor, aus der Vergangenheit Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Eine Rendite von sieben Prozent pro Jahr halten die meisten für unwahrscheinlich.

Auch ich glaube nicht, dass die nominale Performance des amerikanischen
Aktienmarktes so hoch sein wird wie in der Vergangenheit. Das liegt an der Depression in den dreissiger Jahren, in denen der Aktienmarkt lange Zeit darniederlag. Ich denke aber schon, dass wir in Zukunft im Schnitt mit einer jährlichen Performance von fünf bis sieben Prozent rechnen können. Der Abstand zwischen Aktien und Anleihen dürfte dabei geringer sein als in den vergangenen 100 Jahren, aber immer noch etwa drei Prozent betragen.

Um im laufenden Jahrzehnt noch auf eine solche Performance zu kommen, müssen wir uns aber verdammt anstrengen.

Momentan ist nicht die beste Zeit für Wachstum. Selbst an der Spitze ist das
Niveau moderat, und auf der Profitspanne lastet Druck. Deshalb ist es schwierig, wirklich aussergewöhnliche Renditen zu erzielen. Wer in der Überzeugung lebt, dass ihm Aktien eine regelmässige Rendite von sieben bis zehn Prozent bescheren, der könnte eine Überraschung erleben.

Anzeige

Damit Aktien bis zum Ende des Jahrzehnts noch auf eine Durchschnittsrendite von sieben Prozent pro Jahr kämen, müssten sie ab sofort um jährlich 17 Prozent zulegen.

Gut möglich, dass es am Ende nur zwei bis drei Prozent sein werden. Betrachtet man alle Zehn-Jahres-Zeiträume seit 1928, und zwar jährlich fortlaufend, so stellt man fest, dass ein Viertel aller Dekaden weniger als sieben Prozent Rendite brachte. Solch eine schwache Phase ist historisch gesehen längst überfällig. Die Menschen vergessen dies leicht. Ich sage damit nicht, dass die Aussichten für die nächsten Jahre schlecht sind. Es könnte nur so sein, dass wir am Ende des Jahrzehnts insgesamt nicht auf die erhoffte Rendite zurückblicken.

Ihr Buch «The Future for Investors» beginnt mit dem elegischen Satz: «Unsere Welt steht an der Schwelle der grössten Erfindungen, Entdeckungen und des grössten ökonomischen Wachstums, das die Welt je gesehen hat.» Klingt ziemlich nach 1999!

Anzeige

Ich wollte allen Pessimisten sagen, dass ich grundsätzlich sehr hoffnungsfroh in die Zukunft schaue. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das Internet vielen Ländern und Regionen dieser Welt völlig neue Möglichkeiten beschert hat – was vielleicht ein bisschen ironisch klingen mag angesichts der Tatsache, dass ich 1999 so vehement gegen Internetaktien gewettert habe. Das ist eine Revolution, die nur mit der Erfindung des Buchdrucks zu
vergleichen ist. Die Auswirkungen können Sie heute schon in China oder Indien beobachten, wo die digitalen Technologien ungeheure Möglichkeiten geschaffen haben.

Warum haben chinesische Aktien in den letzten Jahren trotz rasantem Wirtschaftswachstum so schwach abgeschnitten?

Die Chinesen waren so begeistert von ihrer schnell wachsenden Wirtschaft, dass sie die Aktienpreise viel zu weit nach oben trieben.

Anzeige

Inzwischen sehen sich asiatische Unternehmer ja vermehrt im Ausland nach viel versprechenden Investitionen um.

Ja, wenn sie in Zukunft ein Unternehmen mit einem vernünftigen Preis und
einer guten Marke im Ausland sehen, werden sie kaufen. Die Eigentümer der meisten grossen Multis werden in Zukunft Inder, Chinesen, Südkoreaner oder Indonesier sein, nicht mehr Europäer oder Amerikaner. Schon im Jahr 2050 werden China und Indien weit grösser sein als die kombinierten Wirtschaften der USA, Europas und Japans.

Eine beängstigende Vorstellung?

Keineswegs! Was glauben Sie, was passiert, wenn die Babyboomer damit anfangen, ihre Aktienvermögen auf den Markt zu werfen? Irgendjemand muss denen doch ihre Vermögenswerte abkaufen – ansonsten wird eine ganze Generation von Anlegern mit einem gewaltigen Kater aufwachen.

Anzeige

Und wie stellt sich die Zukunft von Amerika und Europa dar? Überalterte Freizeitparks, deren Bewohner sich mehr schlecht als recht mit dem über die Runden bringen, was sie angespart haben?

Zweifellos werden wir überalterte Gesellschaften erleben, selbst hier in den USA, wo die Immigration noch eine gewisse Verjüngung mit sich bringt. Auch bei uns wird die Gruppe der 65- bis 85-Jährigen riesig sein.

Und viele von ihnen werden sich mit Hilfsjobs im Supermarkt über Wasser halten?

In den USA steigt das Rentenalter bereits jetzt langsam auf 67 an. Ich kann mir ohne weiteres vorstellen, dass dieses bis zum Jahre 2040 auf 73 Jahre angehoben werden muss. Dieser Anstieg übertrifft sogar die erwartete Zunahme der Lebenserwartung. Andererseits verwischen sich die Grenzen: Ein Unternehmen mag in Zukunft mehrheitlich im Besitz von indischen oder chinesischen Unternehmern sein, aber das Management könnte gut und gern aus der Schweiz stammen, die Forschungslabors könnten etwa in Brasilien beheimatet sein, und der Firmensitz würde zum Beispiel in den USA liegen. Die Wertschöpfung der Zukunft findet global statt – zum Vorteil aller Beteiligten.

Anzeige

Entwarnung an den Westen also?

Mir liegt schon daran, dass sich die Leute Sorgen machen. Ich stand vor einiger Zeit mal mit ein paar Politikern zusammen. Einer sagte, er sei besorgt über die Tatsache, dass Chinas Regierung so viele US-Staatsanleihen kauft. «Die können irgendwann unseren Markt zum Entgleisen bringen», rief er aufgebracht, «wir müssen sie daran hindern.» Einer der anwesenden Ökonomen erwiderte trocken: «Natürlich könnten wir das, dann würden die Zinsen bei uns allerdings um ein bis zwei Prozentpunkte steigen und die Börse um dreissig bis vierzig Prozent fallen.» Danach war Stille im Saal.