Makellos. Kein Kratzer, keine Beule. So liegt sie da in ihrem Bett aus weissem Satin. Seidig glänzendes Rotgold, das geradezu einlädt zum sanften Darüberstreichen. Vorsichtig, als fürchte er, sie könne, allzu fest angefasst, zerspringen, nimmt Klaus Appel die IWC aus dem Futteral, legt sie auf die offene Innenfläche seiner rechten Hand und lässt den Deckel aufspringen. Ein weisses, emailliertes Blatt mit arabischen Ziffern kommt zum Vorschein und eine in den Gehäusedeckel eingravierte Nummer: 658 461.

Die edle Taschenuhr wurde von der International Watch Company in Schaffhausen, heute besser unter dem Kürzel IWC bekannt, im Jahre 1914 für 226 Franken an den Berliner Schmuck- und Uhrenhändler Ette & Mischke verkauft. Sammlerwert heute: ein paar Tausend Franken, schätzt IWC-Experte Jürgen King. Doch für Klaus Appel ist diese Uhr mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Der gebürtige Berliner, der seit den Fünfzigerjahren in Biel lebt, hält mit dieser Uhr das Einzige in Händen, «was von meiner Familie übrig geblieben ist».

Er sitzt auf der Couch seines Wohnzimmers in Biel, im Bücherregal stehen eingerahmte Fotos seiner Familie. Neben den bunten der Kinder und Enkelkinder auch einige vergilbte, offensichtlich sehr alte. «Das war meine Mutti, das mein Vater», sagt er und deutet auf eine junge, hübsche Frau mit altmodischem Spitzenkragen und einen fröhlich lachenden Mann.

Es war im Jahr 1981, kurz vor Weihnachten, als die Uhr in sein Leben trat. Im Briefkasten von Myriam und Klaus Appel liegt Post aus Deutschland, die Anschrift in einer unbekannten Handschrift geschrieben. Klaus Appel öffnet den Brief, findet darin ein anderthalbseitiges Schreiben, in dem ein Ludwig Schmidt-Elsner aus Berlin Grunewald mitteilt, er wolle eine goldene Uhr zurückgeben: «Als einzigen Gegenstand aus dem Besitz der Familie Appel hatten meine Eltern eine goldene Uhr Ihres Grossvaters gerettet», stand da in einer korrekten, älteren Handschrift.

Eine Uhr. Die Uhr des Grossvaters. Eine IWC Savonette. Die Appels sind fassungslos. Bis zu diesem Tag hat niemand von der Existenz dieser Uhr gewusst. Eine Fügung des Schicksals, «ein Wunder», sagt der Mann mit der John-Lennon-Nickelbrille leise. Die IWC ist in der Tat alles, was von der Zahnarztfamilie Appel aus Berlin zurückgeblieben ist. Vater, Bruder, Grossmutter, Tanten und Onkel wurden von den Nazis in Auschwitz vergast. Klaus überlebte in England als jüdisches Waisenkind. Seine ganze Habe war ein kleiner Koffer mit ein paar Fotos und etwas Kleidung. Und nun plötzlich die Aussicht, die IWC des Grossvaters zurückzubekommen. Er kann es kaum erwarten.

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Uhrenschmuggel
IWC für die UdSSR


Wie die britischen Spione zu Rubel kamen.


Der Mann nannte sich Grigorowitsch, er kam aus Polen, kaufte viel und zahlte bar. Grigorowitsch, der richtig Frommer hiess, sprach 1948 immer wieder bei IWC vor und kaufte mit Vorliebe Uhren des Kalibers 89. Was Otto Heller, damals Finanzchef bei IWC, nicht wissen konnte: Grigorowitsch agierte im Auftrag des britischen Geheimdienstes.
Die Agenten Ihrer Majestät hatten im Kalten Krieg ein Problem: Sie brauchten für ihre Aktivitäten russisches Geld. Aber der Rubel war eine Binnenwährung und die Grenze hermetisch abgeriegelt. Bis der Agent Tony Divall die Schwäche der Russen für IWC-Uhren erkannte.


17 Millionen Rubel organisierte er mit Uhrenschmuggel nach Russland.


Tony Divall hatte den Schwarzmarkt in Berlin an der Ecke Kurfürstendamm / Brandenburgische Strasse gut beobachtet und etwas festgestellt: «Die Russen waren idiotisch scharf auf IWC-Uhren.» So erzählte er es dem Branchenblatt «International Watch».


Nach Russland kamen die über Mittelsmänner gekauften Uhren mit der Eisenbahn – und mit Hilfe der Eisenbahner. Die Reichsbahn stand unter russischer Verwaltung, die Eisenbahner kamen aus Ostberlin, sie bedienten auch den ins Eisenbahnnetz integrierten Westteil Berlins und fuhren bis nach Brest-Litowsk, wo die Züge auf die russische Breitspur umgestellt wurden.


Wegen der nötigen Umstellung von der Normal- auf die Breitspur hatten die Züge einen breiten und einen normalen Rädersatz – geeignete Hohlräume inklusive. Später wurden auch mal Briketts ausgehöhlt, in denen 50 goldene Uhren geschmuggelt wurden. Diese Methode gefiel Tony Divall wenig. Er hatte Angst, dass ein Heizer die Lok mit Briketts
voller Golduhren befeuern könnte. PAS

Ein paar Wochen später dann ein Paket aus Berlin. Darin, in Papier eingewickelt, die goldene Uhr. Schwarz verfärbt und verbeult, ein unbekanntes Utensil für den Empfänger. Dass sie wirklich aus dem Besitz des Vaters stammen muss, wird erst klar, als Klaus und seine Frau Myriam, verflochten in die groben Glieder der Uhrenkette, ein Armkettchen finden, an dem ein kleiner Elefant hängt.

Klaus erkennt einen Talisman, wie ihn sein Vater für Familie und Freunde anzufertigen pflegte. Der Zahnarzt verwendete dazu den in seiner Praxis angesammelten Goldstaub, ein Abfallprodukt bei der Anfertigung von Kronen, schmolz ihn zusammen und goss ihn in Formen. In Klaus werden Kindheitserinnerungen wach.

Doch wie gelangte dieser Schatz der Familie Appel in die Hände der Berliner Familie Schmidt-Elsner? Die Grossmutter von Klaus, Jenny Appel, die während der Judenpogrome mit ihrer Tochter Edith in einen Berliner Hinterhof ziehen musste, vertraute sie 1943, vor ihrer Deportation nach Auschwitz, der besten Freundin von Edith an: Antonie Schmidt-Elsner, einer Christin.

Was dann geschah, entzieht sich jeglicher Kenntnis. Der Zustand der Uhr lässt mehrere Interpretationen zu. Denkbar wäre, dass sie unter schweren Gegenständen versteckt wurde, vielleicht sogar vergraben. «Ich rechne es meiner Schwiegermutter hoch an», sagt Lisa Schmidt-Elsner, die Schwiegertochter von Antonie, die noch heute in Berlin Grunewald lebt, «dass sie die ihr zu treuen Händen gegebene Uhr selbst in Zeiten allergrösster Not nicht verkaufte.»

Dennoch erinnert sich Antonie erst viele Jahre später, auf dem Sterbebett, wieder an die IWC der Appels. Obwohl schon etwas verwirrt, bittet sie 1969 kurz vor ihrem Tod ihren ältesten Sohn Ludwig, die Uhr den rechtmässigen Besitzern samt einem Brief zurückzugeben. «Sucht die Appels», soll sie gesagt haben. Mehr als das weiss auch Ludwig nicht, der von der Existenz der Uhr bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis hatte.

Wieder vergehen mehr als zehn Jahre. 1981 macht sich Ludwig Schmidt auf die Suche nach den Appels. Fragt unter anderem auch bei der jüdischen Gemeinde in Berlin an. Eine glückliche Fügung: Klaus Appel hat sich schon vor Jahren dort gemeldet, in der Hoffnung, etwas über den Verbleib seiner Familie zu erfahren. Der Rest ist bekannt, Ludwig schreibt den besagten Brief, der Kontakt kommt zu Stande, und die Uhr wird dem rechtmässigen Besitzer zurückgegeben.

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Doch gehörte die Uhr dem Vater oder dem Grossvater? Die Appels versuchen bei den wenigen noch lebenden Verwandten in Israel Informationen zu sammeln. Ohne Glück. Niemand weiss etwas von einer IWC. Sie wenden sich an die Uhrenfabrik in Schaffhausen. Dank der Gehäusenummer kann zwar eruiert werden, dass IWC die Savonette am 28. Juni 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, nach Berlin verkauft hat. Wie lange sie aber beim Berliner Uhrenhändler im Laden lag, weiss niemand.

In den wirtschaftlich prosperierenden Jahren vor dem Weltbrand war es Brauch in den jüdischen Familien, dass der Schwiegervater dem Schwiegersohn zur Hochzeit eine IWC schenkte. Je nach finanzieller Möglichkeit in Silber oder Gold. Wahrscheinlich ist, dass Klaus Appels Vater Paul die Uhr von seinem Schwiegervater im Jahr 1921 zur Hochzeit geschenkt bekommen hat. Ebenso denkbar wäre, dass sie seinem Vater Moritz Appel gehörte.

Wie sie in den Kriegsjahren in die Hände von Grossmutter Jenny gelangte, ist unbekannt. Für ihren Enkel Klaus ist klar, dass die goldene IWC und der Talisman «das Wertvollste gewesen sein muss, was Grossmutter noch hatte». Und dass ihre Ahnung, auch sie werde die Nazi-Diktatur nicht überleben, leider Wahrheit werden sollte.

Dass gerade Klaus die appelsche Uhr zurückerhält, ist Schicksal wohl im doppelten Sinne. Der gelernte Elektroingenieur hat die Tochter eines Bieler Uhrenfabrikanten geheiratet und zusammen mit seiner Frau die Uhrenfabrik Antima geführt, die heute noch existiert. Als er schliesslich die von den Spuren zweier Weltkriege ziemlich mitgenommene IWC in Händen hält, macht er sich sofort daran, den Originalzustand des guten Stücks wiederherzustellen.

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«Das Gehäuse habe ich selbst auseinander genommen», sagt er stolz. Kontakt zu einem Goldgehäuseproduzenten besteht ebenfalls. Doch das reparierte, neu zusammengesetzte und auf Hochglanz polierte Erinnerungsstück fällt, noch bevor es verpackt wird, zu Boden, das emaillierte Zifferblatt zerbricht. Und wieder sucht Appel einen Spezialisten, der ihm ein originalgetreues Zifferblatt brennt.

Heute gehört die Uhr Sohn Ron.

Myriam und Klaus Appel haben sie ihm, der Tradition folgend, zur Hochzeit geschenkt. Sie ruht sicher im Tresor verwahrt, in ihrer Schatulle auf weisses Satin gebettet, äusserlich unversehrt. Ihre Geheimnisse aber, die guten wie die schlechten, verrät sie nicht.