Einen Kredit über 15'000 Franken, um sich ein neues Auto zu kaufen: Das wünscht sich ein lediger Restaurantmanager auf der Plattform Lend.ch. Er ist 32 Jahre alt, Schweizer und hat ein Nettoeinkommen von 4558 Franken.

Interessierte Investoren erfahren, dass keine Betreibungen gegen den Mann laufen, dass er von der Plattform den Risiko-Score B erhalten hat und der Zinssatz 4,95 Prozent beträgt. Investoren können nun Angebote unterbreiten, auch für Teilkredite.

Bei einem anderen Kreditgesuch geht es um einen verheirateten Informatiker, der für eine Investition in sein Eigenheim 20'000 Franken benötigt und den Risiko-­Score A+ bekommen hat. Entsprechend ist der vorge­sehene Zinssatz mit 3,08 Prozent relativ tief.

Deutlich mehr Zins, nämlich 6,05 Prozent, gibt es, wer einem verheirateten ­Leiter Innendienst und Verkauf mit einem Risiko-Score B Geld leiht. Hier geht es um die Refinanzierung einer Schuld über 44'000 Franken. Lend.ch hat auch die Bonität dieses Kreditanträgers geprüft und für einwandfrei befunden.

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Digitalisierung als Erfolgsfaktor

Die Idee beim Crowdlending ist, dass viele kleine Tranchen von Anlegergeldern zu grösseren Kreditbeträgen zusammengefasst werden. Ein Kreditnehmer trifft so in der Regel auf mehrere Kreditgeber.

Es braucht keine Bank mehr, um Kredite zu vergeben, sondern lediglich eine vermittelnde elektronische Plattform, auf der sich Angebot und Nachfrage treffen können. Die Digitalisierung macht Crowd­lending effizient und erfolgreich.

Wer Geld anlegen will, macht oft Erfahrung mit dem Anlagenotstand: Auf Sparbüchern gibt es keinen Zins mehr. Auch die Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen sind im Keller. Aktien und Immobilien scheinen oft überteuert und darum riskant.

Fakten zum Thema

87 Prozent Marktanteil am Crowdlending-Geschäft in der Schweiz haben die fünf grössten Plattformen.

2781 Kredite wurden letztes Jahr über Crowdlending-Plattformen vergeben, an Private und an KMU.

418 Millionen Franken Diese Kreditsumme wurde 2019 über Crowdlending vergeben – 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

32000 Franken So gross war letztes Jahr die durchschnittliche Grösse eines Konsumkredits über Crowdlending.

Crowdlending kann eine Alternative für Investoren sein, die ihr Geld zu einem fairen Zins und mit überschaubarem Risiko anlegen wollen. Je nach Plattform sind schon Investitionen ab 100 Franken möglich.

Alle Gebühren ausgewiesen

«Beim Crowdlending kann man selber bestimmen, wem man Geld ausleiht und wem nicht», sagt Florian Kübler, Mitgründer von Lend.ch. Die Plattform vermittelt Kredite an Privatpersonen und KMU-­Betriebe. Zudem werden hypothekarisch besicherte Kredite vergeben.

Die Zins­sätze betragen, je nach Kreditform, Rating und Laufzeit, zwischen 2,3 und 7 Prozent. Alle Gebühren, die Kreditnehmer und Kreditgeber an die Plattform bezahlen, sind bei Lend.ch ausgewiesen. Sie betragen für die Kreditnehmer je nach Kreditart zwischen 0,2 und 1,3 Prozent, für die Kreditgeber 1 Prozent pro Jahr. «Wir sind günstiger als Banken», versichert Kübler.

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Lend.ch ist vor fünf Jahren entstanden. Mittlerweile hat die Plattform Kredite in der Höhe von total 120 Millionen Franken vergeben. Die Ausfallrate liegt bei weniger als 1 Prozent.

Ende 2019 waren in der Schweiz elf Crowdlending-Plattformen aktiv. Das ist dem «Crowdfunding Monitor Schweiz 2020» des Instituts für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern zu ent­nehmen. 2019 wurden über die Crowd­lending-Plattformen total 2781 Kredite vergeben.

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Auch institutionelle Anleger sind interessiert

Sie summierten sich auf 418 Millionen Franken – 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon entfielen 68 Millionen auf Kredite an Private, 160 Millionen auf Kredite an KMU und 191 Millionen auf den Bereich Hypotheken (der Bereich, der am schnellsten wächst).

Die durchschnittliche Grösse der Kredite, die an Private gingen, betrug 32'000 Franken. Im Bereich KMU-Kredite waren es 350'000 Franken und bei den Hypotheken sogar 1 Million Franken. Als Investoren treten nebst Privatleuten immer stärker auch institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Fonds oder Stiftungen auf.

Private verwenden die Kredite laut dem «Crowdfunding Monitor» für Ausbildungen, Reisen, Autos, Hochzeiten oder auch für Umschuldungen. KMU brauchen das Geld ebenfalls für Umschuldungen, aber auch für die Finanzierung von Projekten und zum Beheben von kurzfristigen Liquiditätsengpässen.

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In der Schweiz noch Wachstumspotenzial 

Das Geschäft mit dem Crowdlending steigt zwar von Jahr zu Jahr mit stattlichen Zuwachsraten. Dennoch fristet es im Vergleich zum gesamten Kreditwesen in der Schweiz noch immer ein Mauerblüm­chen­dasein.

So machten die 2019 an Private vergebenen Kredite in der Höhe von 68 Millionen Franken gerade mal 1,5 Prozent aller Konsumkredite in der Schweiz aus. Die Anteile bei denjenigen Krediten, die an KMU gingen, und bei den hypothekarisch besicherten Krediten bewegten sich sogar nur im Promillebereich.

Das sagt der Experte zu Crowdlending

Andreas Dietrich leitet das Institut für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Luzern. Er sagt: «Das Ausfallrisiko beim Crowdlending ist gering.» Trotzdem solle man nicht alle Eier in einen Korb legen. Hier gehts zum Interview.

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Die Firma Cashare vermittelt seit 2008 Kredite im Crowdlending und ist damit die älteste solche Plattform. «Wir dachten 2008, dass Crowdlending bald ein Riesenboom wird», erinnert sich Michael Borter, CEO von Cashare.

Allerdings sei der «Aufklärungsaufwand» grösser als ursprünglich erwartet, sodass sich das Geschäft nicht ganz so steil entwickelt habe. Trotzdem ist Borter überzeugt, dass Crowd­lending eine rosige Zukunft hat. Denn Banken interessierten sich kaum für die Vergabe von kleineren Krediten.

«Disruption auf Zeit»

Als «Disruption auf Zeit» bezeichnet Andreas Oehninger, Chef der Plattform Crowd4Cash.ch, das Crowdlen­ding-Wesen. «Die Bevölkerung ist sich im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern noch wenig gewohnt, Kreditgeschäfte vollständig über digitale Kanäle zu erledigen.»

Oehninger ist aber optimistisch, dass sich diese Form der Kreditvergabe durchsetzen wird. Die Vorteile des Crowdlending seien Transparenz und Geschwindigkeit. «Als Kreditsteller hat man in der Regel innerhalb von 24 Stunden ­einen Entscheid, ob der Kredit finanziert werden kann.»

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Das weitere Wachstum des Crowdlending ist derzeit aber stark beeinträchtigt. Denn die Plattformen spüren die Auswirkungen der Corona-Krise. Betroffen sind vor allem diejenigen Plattformen, die Kredite an KMU vergeben.

Denn wegen der Corona-Kredite des Bundes, die Unternehmen zu null Zins in Anspruch nehmen können, ist die Kreditnachfrage über Crowdlending stark eingebrochen. «Die letzten paar Monate waren vergleichsweise schlecht», sagt Stephan Zimmermann, General Counsel der Plattform Credit­gate24.ch.

Indirekte Folgen der Coronakrise

Auch das Interesse von institutionellen Investoren habe vorübergehend nachgelassen. Inzwischen ziehe das Geschäft aber wieder an, so Zimmermann – insbesondere auch, weil viele KMU rea­lisierten, dass mit den Covid-19-Krediten zahlreiche Restriktionen wie das Verbot von Dividenden oder das Verbot von Neuinvestitionen verbunden sind.

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Die Wirtschaftskrise, die durch Corona ausgelöst wurde, könnte aber auch indirekte Folgen auf das Crowdlending haben. Es wird in nächster Zeit nämlich mit einer erhöhten Zahl an Entlassungen und Firmenkonkursen gerechnet.

Da stellt sich die Frage, wie stark das Risiko gestiegen ist, dass Kredite wegen Arbeitslosigkeit und Unternehmenspleiten nicht mehr ­bedient werden können. Andreas Oehninger von Crowd4Cash glaubt allerdings nicht an eine signifikant höhere Ausfallquote wegen Corona. «Denn situationsbedingt sind wir derzeit etwas zurückhaltender bei der Kreditvergabe. Zudem wurde ein guter Anteil der ausstehenden Kredite mit einer Ausfallversicherung abgeschlossen.»

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Andere Crowdlending-Vermittler weisen darauf hin, dass die wegen Corona ­gestiegenen Ausfallgefahren in den Risiko-­Scores berücksichtigt würden. «Wir wissen, in welchen Branchen unsere Kreditanträger arbeiten», betont Michael Borter von Cashare.ch.

«Auch den Geschäftsverlauf der KMU kennen wir.» Es sei möglich, dass im Zuge von Corona manche Kreditanträge ein schlechteres Rating erhalten, sodass das Risiko für potenzielle Investoren erkennbar sei.

Versicherung übernimmt Ratenzahlung

Im Weiteren, so Borter, könnten sich Kreditnehmer freiwillig gegen (unverschuldete) Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit versichern. Cashare.ch arbeite diesbezüglich mit dem Versicherungs­konzern Axa zusammen. «Der Abschluss einer Ratenausfallversicherung wird ausgewiesen und im Rating berücksichtigt.»

Auch bei anderen Plattformen können sich Kreditnehmer gegen Arbeitslosigkeit absichern. Creditgate24.ch etwa ist eine Partnerschaft mit Generali eingegangen, Lend.ch eine solche mit Helvetia. «Wenn der Kreditnehmer den Job verliert, übernimmt die Versicherung die Ratenzahlungen», erklärt Florian Kübler von Lend.ch.

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Insgesamt ist Crowdlending wie erwähnt eine Nischenerscheinung. In anderen Ländern handelt es sich aber bereits um ein Milliardengeschäft. Gemäss dem «Crowdlending Survey 2019» der Hochschule Luzern wurden 2017 in China Kredite in der Höhe von umgerechnet 345 Milliarden Franken über entsprechende Plattformen gesprochen, 68 Prozent davon an Private.

Auch in den USA wurden 2017 rund 39 Milliarden Franken über Crowdlending vergeben, während es in Grossbritannien 5,9 Milliarden Franken waren. In der Schweiz besteht also noch Potenzial nach oben.