Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Corona hat die makroökonomischen Bedingungen und das politische Handeln in aussergewöhnlicher Weise beeinflusst. Die geld- und fiskalpolitischen Interventionen waren in Umfang und Geschwindigkeit beispiellos und haben wesentlich zur raschen Erholung der Märkte beigetragen. Die Erholung verlief aber uneinheitlich, und je nach Anlageklasse, Marktsegment und Branche sendet sie unterschiedliche Signale für die Zukunft aus.

COVID-19-Fallzahlen, daraus resultierende Lockerungen oder Einschränkungen sowie Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung werden die Finanzmärkte sicherlich bis ins 2021 hinein beschäftigen. Die Folgen der massiven Interventionen werden uns hingegen weit darüber hinaus beeinflussen, insbesondere auf der Zinsseite. Corona wird für die laufende Dekade prägend sein.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die fiskal- und geldpolitischen Massnahmen sind unseres Erachtens mittlerweile in den Kursen reflektiert. Nun bedarf es realwirtschaftlicher Lichtblicke für weitere Kurssprünge. Ich orte derzeit ein ausgeglichenes Chancen- / Risikoverhältnis.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Dies ist abhängig von der epidemiologischen Entwicklung. Auf Titelebene ist vieles schon berücksichtigt: Krisengewinner wie Lonza blicken auf ein Jahresplus von über 50%, Verlierer wie Swatch oder Richemont stehen mit substanziell tieferen Kursen da. Market-Timinig erachte ich in diesem Umfeld als schwierig, womit es umso wichtiger ist, die richtige Anlagestrategie zu verfolgen.

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Christof Strässle

Christof Strässle ist Gründungs- und Managing Partner der Strässle Schumacher AG in Luzern. Strässle Schumacher ist spezialisiert auf unabhängige Vermögensberatung und strategische Finanzplanung.

Quelle: ZVG

Welche interessanten Alternativen zu börsennotierten Aktien bieten sich Anleger derzeit?
Kotierte Schweizer Immobilienfonds haben im Zuge der COVID-19-Entwicklung markant an Wert eingebüsst. Während sich Wohnimmobilienfonds zu einem grossen Teil erholt haben, liegen Fonds mit kommerziell genutzten Objekten noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau, und deren Agio hat sich teilweise vollständig abgebaut. Dieser Umstand lässt sich über COVID-19 bedingte Mietzinsausfälle erklären und über die Frage, wie nachhaltig „Homeoffice“ die Bürolandschaft verändert. Wer an eine rasche Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und die mittelfristige Rückkehr zum Vor-Corona-Status glaubt, kann hier günstig einkaufen.

Die Credit Suisse steht bereits unter neuer Führung, bei der UBS erfolgt der Chefwechsel Anfang November. Welche der beiden CEOs – Thomas Gottstein oder Ralph Hamers – steht unter grösserem Handlungsdruck?
Die Bankenlandschaft als Ganzes steht unter Handlungsdruck, nicht nur die Grossbanken. Im Zahlungsverkehr drängen Neobanken auf den Markt, im traditionellen Kreditgeschäft etablieren sich digitale Vertriebskanäle, und im Anlagegeschäft sind die Margen schon in den letzten Jahren deutlich zurückgekommen. Bleiben die Renditeerwartungen für die Anleger auf Jahre tief, wird es immer schwieriger, die Verwaltungskosten gegenüber den Kunden zu rechtfertigen.

Kosteneffizienz wird daher im Anlagegeschäft zum Schlüsselfaktor und führt bei vielen Anlagekunden zu Standardisierungen. Bei den vermögenden Kunden müssen sich die Banken folglich durch individuelle Beratungen und Lösungen profilieren, diese mit einem Preisschild versehen und auf die indirekte Finanzierung der Beratungsdienstleistungen über Courtagen oder Produktverkäufe verzichten. Mit diesem Weg tun sich aber viele Banken und auch deren Kunden noch schwer.

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Microsoft und Oracle interessieren sich für das US-Geschäft von TikTok. Was macht das chinesische Videoportal so attraktiv – und ergibt eine Übernahme für beide Konzerne Sinn?
TikTok trifft mit seinen kurzen Videobotschaften den Nerv der digitalen und sozial vernetzten «Generation Z» und weist phänomenale Wachstumsraten bei den Nutzerzahlen und dem Umsatz auf. Ein innovatives Coin-System und die Möglichkeit die App mittels Werbebotschaften weiter zu kommerzialisieren, bieten spannende Ertragsaussichten. Das Interesse von US-Konzernen an TikTok ist nicht nur vom Geschäftsmodell getrieben, sondern hat auch seinen Beweggrund im Kampf um die Technologieführerschaft zwischen den USA und China und die mittlerweile systematischen Schikanen für Unternehmen, die in beiden Welten erfolgreich sein wollen.  

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Eine grosse Mehrheit der Schweizer Konzerne hat in der Corona-Krise Umsatz eingebüsst – diese zeigt eine Auswertung von Halbjahreszahlen durch die Finanznachrichtenagentur AWP. Wie stehen die Chancen, dass das zweite Halbjahr besser ausfällt?
Dass im 1. Halbjahr 2020 breitflächig Umsätze fehlen, ist aufgrund der temporären Lockdowns nicht überraschend. Doch es gibt auch Gewinner der Krise. Solange die epidemiologische Situation täglich ändert, sind Unternehmer zurückhaltend mit Investitionen. Und Branchen wie beispielsweise der Tourismus werden noch längere Zeit negativ beeinträchtigt bleiben. Die Kurzarbeitsregelung hat die Arbeitslosenquote in der Schweiz vor einem Anstieg wie in den USA bewahrt. Je länger die Situation aber anhält, desto mehr werden wir Spuren am Arbeitsmarkt und beim privaten Konsum sehen. Ich gehe deshalb auch für das zweite Halbjahr von einer heterogenen Umsatzentwicklung aus.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.