Der Euro ist gegenüber dem Franken so stark wie schon lange nicht mehr. Ist die Gefahr der Frankenstärke in nächster Zeit gebannt?
Die Risikobereitschaft bei den Anlegern ist gestiegen. In diesem Umfeld sind sogenannte sichere Häfen weniger gefragt. Wir sehen in der derzeitigen Frankenschwäche nur eine Konsolidierung und eine Annäherung an ein faires Kursniveau.

Langfristig gehen wir davon aus, dass der Schweizer Franken kontinuierlich gegenüber dem Euro und US-Dollar an Wert gewinnen wird. Die Schweizer Volkswirtschaft hielt sich in Krisenjahren meist besser als die globale Wirtschaft. Auch die Staatsverschuldung und Inflation sind tiefer. So ist anzunehmen, dass die Frankenstärke uns auch zukünftig weiter beschäftigen wird.

Christian Odermatt Forma Futura Börseninterview

Christian Odermatt leitet das Portfoliomanagement beim auf nachhaltige Anlagen spezialisierten Zürcher Vermögensverwalter Forma Futura.

Quelle: ZVG
Anzeige

Immer mehr Stimmen in der Wirtschaft warnen vor Inflation. Für wie wahrscheinlich halten Sie ein starker Anstieg der Preise in nächster Zeit – und wie können sich Anleger dagegen wappnen?Aufgrund der kurzfristig stark angestiegenen Erdöl- und Energiepreise wurden die Inflationserwartungen entsprechend angeheizt.

Dennoch rechnen wir nicht mit einem anhaltend starken Anstieg der Konsumentenpreise. Nach einer sehr langen Zeit der ultraexpansiven Geldpolitik der Notenbanken ist eine leichte Erhöhung der Inflation sogar wünschenswert.

Eine geringe Inflation hilft, die stark angestiegenen Staatsschulden zu reduzieren. Dies ist jedoch nur dann der Fall, solange die Wachstumsrate des BIPs über der Inflationsrate liegt.

Ein zu starker und rascher Anstieg ist zu vermeiden – die Notenbanken werden die Entwicklung mit Argusaugen verfolgen. In Zeiten von Inflation sind Aktien gegenüber Obligationen zu bevorzugen. Weiteren Schutz bieten Anlagen in Gold – als nachhaltige Vermögensverwalterin raten wir aus ökologischen und sozialen Gründen davon ab.

Ex-Notenbanker Mario Draghi soll als neuer Regierungschef Italien aus der Krise führen. Wird das Krisenland unter Führung des bekannten Ökonomen wieder für Investitionen interessant?
Als langjähriger EZB-Chef bringt Mario Draghi aus wirtschaftlicher Sicht auf jeden Fall den passenden Rucksack mit. Allein die grosse Akzeptanz und Erfahrungswerte, die guten Kontakte zur EU und Brüssel, scheinen in Italien für den Ökonomen zu sprechen.

Im Jahre 2020 verzeichnete der italienische Aktienindex FTSE MIB eine negative Total Return Performance von -3.3%. Nur gerade der spanische Index IBEX 35 war mit -12.4% noch deutlich schlechter.

Das durch die Corona-Krise stark gebeutelte Land ist auf eine starke Regierung angewiesen – die Hoffnungen sind folglich gross. So gesehen hat Italien weiteres Potenzial nach oben.

Anzeige

Auch dieses Jahr werden verschiedene Unternehmen an die Schweizer Börse gehen. Welche IPO-Kandidaten halten Sie für besonders attraktiv?
Für das laufende Jahr kündigen sich einige Schweizer IPOs an, nachdem im Jahr 2020 die Corona-Krise keinen ordentlichen Börsengang zuliess.

Sophia Genetics, ein Westschweizer Genanalyseunternehmen, soll kurz vor der Ankündigung eines IPOs stehen. Der schwedische Pharmazulieferer Polypeptide, der grosse Konkurrent von Bachem, plane ebenfalls mit einem IPO an die Börse zu gelangen.

Ein weiterer Kandidat ist das Softwareunternehmen Trifork mit Wurzeln in Dänemark und Hauptsitz in Schindellegi. Ein anderer möglicher Börsenneuling ist die Turbolader Division von ABB. Gerüchten zufolge könnte die Post ihre Tochter Swiss Post Solutions im zweiten Quartal an den Markt bringen.

Anzeige

Unternehmen, die stark unter der Pandemie leiden, dürften ihre Börsenpläne verschieben. Dazu gehört der Visadienstleister VFS Global oder der Automatenbetreiber Selecta. Der prominenteste IPO-Kandidat ist der Schuhhersteller On. Das Unternehmen soll aber in den USA an die Börse gebracht werden.

In den meisten Fällen weisen die Börsenneulinge beim IPO keinen Nachhaltigkeitsbericht aus. Allein der Börsengang erfordert sehr viele Ressourcen. Aus diesem Grund schaffen es nur wenige Unternehmen in das Nachhaltigkeitsuniversum von Forma Futura.

«Unternehmen, die stark unter der Pandemie leiden, dürften ihre Börsenpläne verschieben. Dazu gehört der Visadienstleister VFS Global oder der Automatenbetreiber Selecta.»

Welche fünf Schweizer Aktien können Sie zum Kauf empfehlen?
Die Produkte von Logitech wie Webcams, Tastaturen, Computermäuse und Headsets, haben in Zeiten der Corona-Pandemie Hochkonjunktur. Dezentrales Arbeiten wird nach der Corona-Krise zur Normalität gehören.

Anzeige

Der Bereich Gaming und deren internationale Wettkämpfe gewinnt bei den Spielern und Zuschauern an Bedeutung, wovon der Marktführer in Peripheriegeräten ebenfalls stark profitieren wird. Die Bilanz ist gesund, Aktionäre werden vom erfolgreichen Geschäftsgang mit hohen Dividenden und Aktienrückkäufen verwöhnt.

In Sachen Nachhaltigkeit ist Logitech ein Vorreiter. Neben dem Fussabdruck analysiert das Unternehmen auch den Handabdruck ihrer Produkte, d.h. die Eigenschaften, welche einen positiven Beitrag für die Umwelt und die Gesellschaft leisten.

Die SGS ist ein internationaler Warenprüfkonzern. Das Unternehmen bietet Dienstleistungen in den Bereichen Prüfen, Verifizieren, physikalisches Testen und Zertifizieren an.

Mit der zunehmenden Beschleunigung des Welthandels werden die Warenprüfungen weiter zunehmen. Neben dem organischen Wachstum überzeugt das Unternehmen des Weiteren mit geschickten Übernahmen.

Anzeige

SGS weist eine starke Bilanz auf, überzeugt mit gutem Kostenmanagement und bietet mit einer Dividendenrendite von aktuell 3% ein attraktives Investment. 

Der Bauchemiehersteller Sika sieht dank den Megatrends Urbanisierung und nachhaltige Bauindustrie auf Jahre hinaus grosses Wachstumspotenzial. Die Firma tätigt viele Arrondierungskäufe, baut regionale Produktionsstätten auf und ist dezentral organisiert.

So kann Sika stetig den Marktanteil ausweiten. Dank einem robusten freien Cashflow wurde die hohe Verschuldung trotz Zukäufen und Investitionen gesenkt.

Sika verstärkte in der Corona-Pandemie den Kundenfokus und investierte kräftig in die Digitalisierung sowie in E-Commerce. Wachstum versprechen die zunehmende Bedeutung in Wärmedämmung, ressourcen-schonendes Recycling von Zement, die Leichtbauweise für E-Automobile sowie die riesigen angekündigten staatlichen Infrastrukturprogramme.

Anzeige

Der Zahnimplantat-Hersteller Straumann ist klarer Markt- und Innovationsführer. Das Unternehmen wurde zwar von der Corona-Krise hart getroffen, der Geschäftsgang hat sich aber rasch erholt. Straumann bleibt das Mass aller Dinge und kommt gestärkt aus der Krise.

Hohes Wachstum sieht Straumann vor allem im Value-Bereich. Dank hohen Sicherheits- und Effizienzvorteilen bei den digitalen Geräten von Straumann soll weiteres Umsatzwachstum generiert werden und Eintritte in neue Nischen-Märkte ermöglichen.

Nicht zuletzt überzeugt das Produkt mit ihren transparenten Zahnschienen. Qualität hat seinen Preis, was auch weiterhin ihre stolze Bewertung rechtfertigt.

VAT ist ein weltweit führendes Unternehmen in der Entwicklung und Herstellung von Vakuumventilen, Mehrventilmodulen und Metallbälgen. Die Produkte werden vorwiegend in der Halbleiterindustrie, in der Herstellung von Flachbildschirmen sowie Fotovoltaikpanels verwendet.

Anzeige

Das Unternehmen überzeugt über die nächsten 5 Jahre mit einer spannenden Wachstumsstrategie. Zum einen sollen weitere Marktanteile anhand neuer Spezifikationen dazugewonnen werden. Dabei ist zu erwähnen, dass die Firma weltweit bereits einen Marktanteil von über 50% innehat.

Des Weiteren nimmt die Nachfrage nach Chips in jeglicher Form zu. Die äusserst komplexen Vakuumtechnologien werden in jedem Chip benötigt. Beflügelt wird dieser Megatrend durch künstliche Intelligenz, Robotik, Internet der Dinge, Big Data, Cloud-Computing und -speicherung sowie 5G. Auch aus nachhaltiger Sicht überzeugt VAT.

Dank dem Ausbau des Servicegeschäfts wird die Lebensdauer der bestehenden Produkte durch Reparaturzentren verlängert. Darüber hinaus gewinnt das Unternehmen zunehmend neue Kunden durch ausgeklügelte Produktoptimierungen sowie das Aufrüsten von Konkurrenzprodukten.

Anzeige

«In Sachen Nachhaltigkeit ist Logitech ein Vorreiter.»

Kommen wir zum allgemeinen Börsengeschehen. Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Der Ausbruch der Corona-Pandemie hatte anfangs grosse Verwerfungen zur Folge. Aktienindizes brachen um bis zu 40% ein, und auch Unternehmensobligationen büssten stark ein.

Sogar krisensichere Werte wie Gold legten den Rückwärtsgang ein. Unterdessen haben sich die meisten Indizes wieder erholt und teils gar neue Rekordstände erklommen.

Gründe für die starke Erholung sind die raschen und massiven Interventionen der Staaten mit ihren gigantischen fiskalpolitischen Stimuli sowie die Notenbanken, welche die Geldschleusen weit offen lassen.

Anzeige

Auf Sektor- oder Titelebene sind jedoch grosse Unterschiede erkennbar. Die Digitalisierung wurde stark befeuert, wodurch der IT-Sektor zum Höhenflug ansetzte. Auf der anderen Seite werden Aktien von Tourismus- oder Fluggesellschaften weiterhin weit unter ihrem Höchst gehandelt.

Jüngst wechselt sich das Bild allmählich und IT-Aktien kamen von ihren Rekordständen zurück, stark gebeutelte Titel bekamen Aufwind.

Kurzum: Die Pandemie beschäftigt die Märkte stark. Doch am Ende haben sie sowohl im Jahr 2020 als auch im laufenden Jahr an Wert zugelegt.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nach dem starken Zinsanstieg am langen Ende – die Rendite der 10-jährigen Eidgenossen stieg seit Jahresbeginn von -0.55% auf -0.25% – kamen an der Schweizer Börse die dividendenstarken Titel tendenziell unter Druck.

Anzeige

Die Schwergewichte Nestlé (-4%), Novartis (-7%) und Roche (-2%) haben seit Anfang Jahr für einmal das Nachsehen. Auf der anderen Seite profitieren die klein- und mittelgrossen Firmen.

Vor allem zyklische Werte aus der Industrie und Bankaktien sind Profiteure. Wir erwarten jedoch, dass der Zinsanstieg nicht in diesem Tempo weitergeht und die Schweizer Börse gegenüber den europäischen Märkten kurzfristig etwas aufholen wird.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Dank den zunehmenden Impfungen werden voraussichtlich die Pandemie-Massnahmen schrittweise aufgehoben. Zudem rechnen wir mit einer Beruhigung an der Zinsfront.

Den SMI sehen wir deshalb in 12 Monaten leicht höher. Es fehlen nach wie vor Alternativen zu Aktien – Anleihen rentieren mehrheitlich negativ und Immobilien weisen hohe Bewertungen auf.

Anzeige

TINA (There Is No Alternative) und FOMO (Fear Of Missing Out) bestimmen nach wie vor das Geschehen. Auf den aktuellen Bewertungsniveaus sind jedoch kurzfristige Rückschläge nicht auszuschliessen.

Die Volatilität dürfte im laufenden Jahr weiter zunehmen. Häufig suchen Anleger in diesem Marktumfeld den Schutz im Schweizer Franken als sicherer Hafen sowie in defensiven Substanzwerten.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Anzeige