Herr Wuffli, als ehemaliger UBS-Chef standen Sie für das klassische Banking. Nun engagieren Sie sich bei der Kryptobank Sygnum. ­Werden Sie von Ihren Kollegen dafür ­belächelt?


Peter Wuffli: Überhaupt nicht. Ich habe schon bei Partners Group gezeigt, dass ich mich gerne weiterentwickle. Eine Betei­ligung an einer neuen Bank fehlte in meinem Lebenslauf.


Was fanden Sie spannend daran, eine Kryptobank zu bauen?


Wuffli: Das Ganze in einem komplett regulierten Vollbanking-Umfeld zu starten. Um diesen neuen Zweig Krypto und Blockchain aus dieser grauen Zone zu hieven, in der sich die Branche in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer befindet. Kurz: alles in einen seriösen Rahmen zu stellen und zu zeigen, was das Potenzial ist.



Also, was ist das Potenzial?


Wuffli: Es ist eine fundamental neue Technologie im Finanzbereich, basierend auf dezentralen Buchhaltungssystemen. Wie im Banking geht es also im Kern um Buchhaltung. Die neue Technologie wird es ­erlauben, Geschäfte ohne Zeitverzug, grenzüberschreitend und zuverlässiger als heute zu machen. Es ist ein Quantensprung in Sachen Effizienz.


Die Interviewpartner

Mathias Imbach, 36, ist Mitgründer und CEO von Sygnum in SingapurPeter Wuffli61, ist Verwaltungsrat von Sygnum.

Sygnum wurde 2017 in Zürich gegründet, konzipiert als Brückenkopf zwischen den klassischen Banken und der neuen Kryptobranche. Als wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Welten gilt allgemein, ob die Daten zentral oder dezentral verwaltet und verarbeitet werden. Das ist wichtig, weil damit auch festgelegt wird, wer die Kontrolle über Transaktionsvorgänge hat.

Sygnum wählt einen hybriden Ansatz. Das zeigt sich bei Unternehmensaktien, die Sygnum auf die Blockchain bringen will. Das finale Niederschreiben in ein Aktienregister geschieht auf einer privaten Blockchain (Hyperledger fabric), die Sygnum kontrolliert. «Aber wir werden die handelbaren Aktien-Token quasi auf eine öffentliche Blockchain aufspielen, diese synchronisieren», sagt CEO Imbach. Damit würden dann Transaktionen, Dividendenzahlungen und vieles mehr deutlich effizienter.

Vor kurzem erhielt Sygnum von der Finma die Banklizenz. Auch der Konkurrent Seba bekam den Seagen der Aufsichtsbehörde. Weitere Institute aus der Krypto-Branche bemühen sich darum.

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Was bringt Sygnum wirklich Neues?


Wuffli: Die Kombination von Techno­logie und Talent. Es ist ähnlich wie vor zwanzig Jahren im Banking, als die Hedgefonds aufkamen. Damals wanderten auch die besten Aktienhändler in kleine Hedgefonds ab.



Und was heisst das für die Kunden?


Wuffli: Sygnum ist ein One-Stop-Shop für digitale Vermögenswerte. Da gehören zum Beispiel Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum dazu, aber auch ein digitaler Franken-Token sowie bald Asset-Tokens. Darüber hinaus bieten wir Kredite auf Basis digitaler Vermögens­werte sowie Lösungen fürs Asset-Mana­gement an. Ausserdem werden wir über White-Label-Lösungen mit anderen Banken zusammenarbeiten.



Stehen Sygnums Dienstleistungen auch kleinen Privatkunden offen?


Wuffli: Nein. Sygnum ist eine Bank für qualifizierte Investoren und für institutionelle Anleger, Family Offices und Banken. Sygnum ist keine Retailbank.


Wann startet Sygnum?


Wuffli: Das Onboarding der ersten Kunden sowie Assets haben wir bereits er­folgreich abgeschlossen. Bis Ende Jahr können wir in Absprache mit der Finma eine dreistellige Zahl weiterer Kunden aufnehmen. Ab Anfang 2020, nach einem weiteren Audit, dürfen wir dann unbeschränkt Kundenbeziehungen eingehen.



Warum sind Sie eigentlich eine Partnerschaft mit Swisscom und der Deutschen Börse eingegangen?


Mathias ImbachWir wollen ein Ökosystem für digitale Vermögenswerte aufbauen. Dabei ist es wichtig, die neue Technologie mit einem vertrauenswürdigen Brand wie Swisscom zusammenzubringen. Und für die Umsetzung brauchten wir als Start­up einfach einen IT-Experten, der Erfahrung im Ausrollen von komplexen Systemen hat.



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«Wir hätten signifikant mehr Geld aufnehmen können, wenn wir gewollt hätten.»

Thomas Imbach

Sie geben damit aber auch ein Stück ­Unabhängigkeit auf.


Imbach: Weder die Deutsche Börse noch Swisscom sind bei uns investiert. Wir bleiben unabhängig. Aber es ist angedacht, dass zwei Joint Ventures allen Parteien ­gemeinsam gehören.



Sie verbrennen im Monat rund eine halbe Million Franken.

Imbach: Es ist sogar etwas mehr. Das ist normal. Wir sind in der Investitionsphase. Die Einnahmen sollten ab Oktober, ab nächstem Jahr stärker zunehmen.

Wuffli: Profitabilitäts- und Wachstumsziele werden 2020 im Verwaltungsrat sicher zum Thema. Es braucht beides, das ist klar. Bis jetzt haben wir 60 Millionen Franken Kapital aufgenommen.

Die Kapitalerhöhung kürzlich bewertet das Unternehmen mit über 200 Millionen Franken. Das ist ein stolzer Betrag. Offenbar wollten nicht alle Investoren aus der ersten Finanzierungsrunde erneut mitmachen.

Imbach: Die letzte Runde war eine interne Runde und deutlich überzeichnet. Wir hätten signifikant mehr Geld aufnehmen können, wenn wir gewollt hätten.

Peter Wuffli Sygnum

«Die Finma hat mich wirklich beeindruckt»: Peter Wuffli, Neo-Krypto-Banker, Ex-Grossbanker.

Quelle: Salvatore Vinci / 13 Photo
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Sie sind auch bei Sygnum beteiligt, Herr Wuffli?

Wuffli: Ja, aber nicht im grossen Umfang.

Werden die etablierten Banken gegen Sygnum vorgehen, wenn die Firma Erfolg haben sollte?

Wuffli: Sie werden sicher nach den Gründen fragen. Schon jetzt sehen wir viel Interesse und haben Anfragen von Grossbanken und mittelgrossen Instituten. Dass wir die Banklizenz erhielten, brachte einiges in Bewegung. Für uns sind andere Banken vor allem Partner für die Zusammenarbeit, ein Vertriebskanal für unsere Produkte.

Welche Bedeutung hat Krypto für den Finanzplatz Schweiz?

Wuffli: Ich finde es wichtig, dass die Schweiz bei einem Thema wieder einmal ganz vorne dabei ist. Die Aufsicht Finma hat mich wirklich beeindruckt. Der Einsatz und das Interesse der Behörde im letzten Jahr waren enorm. Wir sollten in der Schweiz stärker nach vorne schauen und stärker versuchen, Chancen zu nutzen, anstatt wie so oft in den letzten Jahren vor allem defensiv zu denken.

Wird Krypto auf dem Finanzplatz mehr sein als die Kirsche auf der Torte?

Wuffli: Absolut. Mir kommt es vor wie im Jahr 2000, als sich parallel zur Spekulationsblase im E-Commerce und Internetbusiness langsam Spreu und Weizen zu trennen begannen.

Wo stehen die Banken in zehn Jahren?

Wuffli: Vieles wird so sein wie heute. Privatkunden werden noch immer ein Beratungsbedürfnis haben. Neu wird ein Segment entstehen von Vermögenswerten, die aus dem Standort Schweiz heraus digitalisiert werden. Das gibt es heute noch nicht.

Was ist das grösste Risiko aus der Kryptobranche für den Finanzplatz Schweiz?

Wuffli: Geldwäscherei. Deshalb haben wir auch den 100-Prozent-regulierten Weg gewählt. Mit Blockchain-Technologie kann die Bekämpfung der Geldwäscherei letztlich sogar besser gelingen, da alle Transaktionen nachvollziehbar und irreversibel sind.

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Wie stellen Sie sicher, dass Assets, die Sie herausgeben, nicht wild verschoben werden, zum Beispiel für illegale Zwecke?

Imbach: Das geschieht durch das sogenannte Whitelisting, also eine Liste, auf der steht, wer zum Halten dieser Assets berechtigt ist. Auf die Liste kommt nur, wer sich beispielsweise identifiziert hat. Ein Asset, das ausserhalb dieser «weissen Liste» transferiert wird, ist nicht mehr bankable, wird von den Banken nicht mehr angenommen und verliert somit seinen Wert.

Dann ist das Whitelisting die Zukunft?

Imbach: Regulatorische Vorgaben werden weiterhin eingehalten werden müssen. Whitelisting ist ein Mittel dazu.

«Ich bin liberal, aber nicht libertär. Es gehört zu den Aufgaben des Staates, eine Währung zu unterhalten und zu bewirtschaften.»

Peter Wuffli

Die Ankündigung von Facebook, mit Libra ein eigenes Zahlungssystem auf die Beine zu stellen, schlug ein wie eine Bombe. Warum?

Wuffli: Wenn ein Konzern so etwas fördert, dann weckt das Interesse. Wir finden es gut, dass Facebook die Schweiz als Standort für die Libra Association gewählt hat.

Deutschland und Frankreich wollen nun aber Libra verhindern.

Wuffli: Im Fall von Libra wissen wir ja noch nicht genau, was da eigentlich entsteht. Aber wenn ein Privater die Ambition hätte, eine staatliche Währung zu verdrängen, dann könnte der Staat das nicht akzeptieren.

Finden Sie die Haltung von Deutschland und Frankreich also gut?

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Wuffli: Ich bin liberal, aber nicht libertär. Es gehört zu den Aufgaben des Staates, eine Währung zu unterhalten und zu bewirtschaften. Wenn Libra nur eine Hinterlegung eines neuen Zertifikats ist, dann ist das kein neues Geld. Genauso wie der Krypto-Franken ja auch mit Geld der Nationalbank hinterlegt ist.

Imbach: Es ist gut für die Schweiz, wenn sich hier in der Schweiz ein Hub bildet und der Regulator neutral die Entwicklung begleitet.

Sollte man dann nicht auch Bitcoin verbieten?

Wuffli: Nein. Bitcoin ist nicht als allgemeingültiges Zahlungssystem akzeptiert.

Imbach: Wir glauben auch nicht, dass Bitcoin diesen Status erlangt. Eher als Mittel zur Wertaufbewahrung. Bitcoin ist eine Vertrauens- und Sicherheitsmaschine. Über zehn Jahre hat Bitcoin nun bewiesen, dass die Technologie funktioniert.

Und wenn Bitcoin doch plötzlich breit akzeptiert würde?

Wuffli: Dann müsste der Staat letztlich Nein sagen. Sonst ginge eine wesentliche Ordnungsfunktion verloren.

Halten Sie selber Bitcoins?

Wuffli: Ich halte einen Korb von verschiedenen Kryptowährungen und digitalen Assets, aber nicht substanziell.

Beobachten Sie die UBS noch, als ehemaliger Chef?

Wuffli: Ich bin Kunde und Aktionär. Mit viel Sympathie.

Aktionär in zunehmendem oder abnehmendem Mass?

Wuffli: Im stabilen Mass.