In den letzten fünf Jahren ist das Interesse der Aktiengesellschaften an Praktiken verantwortungsbewusster und auf nachhaltige Wertschöpfung ausgerichteter Unternehmensführung stark gestiegen. 

Auch in der Schweiz – denn individuelle und institutionelle Anleger möchten ihre langfristigen Ziele erfüllt und ihre Investitionen in Unternehmen gut verwaltet und wirksam überwacht wissen. Dennoch bleibt es für Unternehmen weltweit eine Herausforderung, die Anforderungen kurzfristig orientierter Investoren mit langfristiger Wertschöpfung in Einklang zu bringen.

Nötig sind langfristige Planungshorizonte

Expertenkommissionen und Aufsichtsbehörden in der Europäischen Union (EU), Grossbritannien und anderen europäischen Ländern suchen daher nach Wegen, langfristige Planungshorizonte sowohl in Unternehmen als auch bei ihren Aktionären zu etablieren.

So etwa die Strategie der EU-Kommission für eine nachhaltige Finanzwirtschaft, die die Integration von ESG-Faktoren (Umwelt, Gesellschaft, Governance) an den Finanzmärkten fördern soll. Auch der neue UK Stewardship Kodex guter Vermögensverwaltung für institutionelle Investoren und Finanzdienstleister thematisiert die Nachhaltigkeit.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem sogenannten Investment Stewardship, also der Art und Weise, wie die Stimmrechte der Investoren genutzt werden und wie der Dialog zu Führungs- und Aufsichtsratsgremien börsenkotierter Unternehmen gestaltet wird.

ESG-Fokus auf das Wesentliche

Langfristig orientierte Investoren legen Wert auf nachhaltige Wertschöpfung. Die ESG-Analyse sollte also dem Grundsatz der Wesentlichkeit folgen und dabei für die Performance massgebliche Schlüsselthemen identifizieren. 

Dabei unterstützt das unabhängige Sustainability Accounting Standards Board (SASB) Unternehmen und Investoren und stellt durch branchenspezifische Rechnungslegungsstandards Informationen zur Identifikation und zum Management von wesentlichen nachhaltigkeitsbezogenen Themen bereit, welche die finanzielle oder operative Unternehmenssituation beeinflussen.

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Der Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Rendite ist für Unternehmen wichtig, ebenso wie die Definition von ESG-Kriterien – doch wird gerade das Wesentlichkeitsprinzip unterschiedlich gedeutet. Anleger und Unternehmen laufen hier Gefahr, sich zu sehr mit Nebensächlichkeiten zu beschäftigen und die langfristige Wertschöpfung aus den Augen zu verlieren.

Wettbewerbskräfte geben den Ton an

Wesentliche Nachhaltigkeitsfaktoren unterscheiden sich nach Sektor und Region. Ausschlaggebend sind die Wettbewerbskräfte der jeweiligen Branche, Regulierung, politische Rahmenbedingungen, die Verbrauchernachfrage, sowie soziale und ökologische Aspekte.

In der Öl- und Gasindustrie spielen zum Beispiel Regulierung, Reputation und physische Risiken im Zusammenhang mit CO2-Emissionen eine entscheidende Rolle.

Bei Verbrauchsgütern sind dagegen meistens Lieferketten, Produktqualität und Sicherheit wichtiger. Damit Unternehmen ihren Wert langfristig steigern und Anleger ihre langfristigen Ziele erreichen können, müssen sie wesentliche Risiken bewusst und genau überwachen.

Gute Unternehmensführung heisst gute Kommunikation

Unternehmen sind zum Dialog und zu einer transparenten Darstellung ihrer ESG-Strategie bereit. Das gilt auch für Themen wie Klimarisiken, die grosse öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem kommunizieren viele Unternehmen zu Nachhaltigkeitsthemen aktiv mit zahlreichen Interessensgruppen wie Mitarbeitervertretungen, Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftlern und Weiteren.

Im Kern ist Nachhaltigkeit jedoch noch immer eine Frage guter Corporate Governance und vor allem eine Aufgabe für Aufsichtsgremien - Investoren erwarten, dass sich in diesen aktiv mit den Themen beschäftigt wird. Dazu gehören Cyber-Kriminalität, Datensicherheit, Klimarisiken und Personalmanagement.

Von Unternehmen fordern sie transparente Berichte und nutzbare Informationen zu wesentlichen Risiken, denn sie müssen die Einflussfaktoren in ihren Portfolien einschätzen und Unternehmen angemessen bewerten können. Kommunikation ist daher äusserst wichtig.

Passive Investoren, nicht passive Eigentümer

Dies gilt nicht nur für aktive Manager, sondern auch für indexorientierte Investoren. Man könnte Index-Anleger als strukturell dauerhafte Aktionäre bezeichnen. Schliesslich investieren sie in ein Unternehmen, solange es im zu verfolgenden Index enthalten ist.

Sie konzentrieren sich daher darauf, wie die Corporate Governance eines Unternehmens die nachhaltige Wertschöpfung über Jahre und Jahrzehnte hinweg unterstützt – nicht über Monate und Quartale.

In diesem Kontext sollten sich die Unternehmen bei der Berichterstattung an den Prinzipien des SASB (für allgemeine Risiken) oder denen der Expertenkommission namens Task Force on Climate-related Financial Disclosures, kurz TFCD, zu orientieren.

Klimabezogene Finanzrisiken müssen offengelegt werden

Die TFCD wird von privatwirtschaftlichen Unternehmen getragen und wurde vom Finanzstabilitätsrat der G20-Staaten ins Leben gerufen, um die Entwicklung von einheitlichen Standards zur Offenlegung von klimabezogenen Finanzrisiken von Unternehmen voranzutreiben. Vereinzelt sind zwar höhere Standards bei Risikoberichten zu beobachten, weltweit ist das Niveau jedoch uneinheitlich.

Global hat das TCFD mehr als 500 Unterstützer, die eine Marktkapitalisierung von insgesamt 7,8 Billionen US-Dollar auf sich vereinen, darunter 457 Unternehmen und 56 andere Organisationen wie Brancheverbände und Regierungen (Quelle: TCFD; Stand: September 2018).

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Ein Erfolg ist zu spüren

Zwar wurden die SASB-Standards erst im November 2018 veröffentlicht, doch die Zahl der Unternehmen, die diese übernehmen, wächst rasant. Nach Aussagen der Organisation veröffentlichen aktuell 69 Unternehmen SASB-konforme Berichte.

Viele weitere beziehen sich bei der Feststellung relevanter Risiken auf das SASB.Weltweit setzen sich Brancheninitiativen mit ähnlich langfristigem Horizont für bessere Corporate Governance und Investor Stewardship ein.

Dazu gehören Governance- und Stewardship-Kodizes, wie der oben benannte UK Stewardship Code, die US Investor Stewardship Group und die Global Principles for Responsible Investment, als auch Kampagnen für höhere Berichtsstandards (u.a. durch SASB und TCFD). Langfristige Überlegungen spielen in der Investment-Wertschöpfungskette eine immer grössere Rolle.

Andreas Zingg ist Head of Switzerland & Liechtenstein bei Vanguard Investments Switzerland GmbH