Der Aufmarsch Ende Juni in Bern war beeindruckend. Alle Spitzenvertreter der Branchenverbände des Finanzsektors waren da – und ganz vorne sass Finanzminister Ueli Maurer. Flankiert zu seiner Rechten von Mark Branson von der Finanzmarktaufsicht (Finma), zu seiner Linken Andréa Maechler von der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Alle drei in aufrechter Sitz position, in dunkle Anzüge geschalt, mit den Händen auf dem Tisch zusammengefaltet. Sie präsentierten den Bericht des Bundesrates zur Nachhaltigkeit des Finanzsektors und bekräftigten: Ein nachhaltiger Finanzplatz ist uns sehr wichtig.

Dann stellte jemand die Frage, ob die Anlagen der Finanzplatzakteure jetzt konform würden mit einer auf unter zwei Grad begrenzten Klimaerwärmung, wie die Schweiz es mit dem Pariser Abkommen der Vereinten Nationen anstrebt. Die Antwort lautete (verkürzt wiedergegeben): Vielleicht. Nach der Lektüre des Berichts des Bundesrates ist klar: Er enthält keinen einzigen konkreten Beschluss.

Der Bundesrat lässt die Finanzplatz akteure weiter selber entscheiden, was sie tun und lassen. Es gibt keine Regulierung – das hat ja beim freiwilligen Masken tragen auch sehr gut funktioniert.

Verkehrte Welt: Aktienindizes weisen aus, wenn sie klimafreundlich, nicht, wenn sie klimaschädlich sind. Das sollte sich dringend ändern. Ein Kommentar

Im Bericht des Bundes zum Nachhaltigkeitsthema wird zuerst der Punkt genannt, dass damit die «Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes kontinuierlich verbessert wird». Erst als zweiter Punkt wird aufgelistet, dass gleichzeitig «der Schweizer Finanzplatz einen effektiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten kann».

Da ist es kein Wunder, dass selbst die staatlichen Institutionen den nachhaltigen Finanzplatz nicht wirklich ernst nehmen. Dazu ein Blick in den Tresor der SNB. Dort lagert SNB-Chef Thomas Jordan sogar Aktien von Waffenkonzernen. Aus Neutralitätsgründen (sic!) lässt er sich das nicht nehmen, ausser sie produzieren wirklich international geächtete Waffen.

Nationalbank investiert in Klimasünder

Klimasünder werden natürlich auch nicht von einer Investition ausgeschlossen. Weit über 1 Milliarde Franken hat die SNB in die grossen Ölkonzerne Chevron, Exxon Mobile und Konsorten investiert. «Es ist nicht Teil des Auftrags der SNB, mit ihrer Anlagebewirtschaftung Struktur- oder Sek toren politik zu betreiben und damit wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Wandel zu befördern oder zu behindern», so argumentiert die SNB auf Anfrage. Also werden die mehreren hundert Milliarden der SNB so investiert, dass diese keinen Beitrag dazu leisten, dass sich das Klima um weniger als vier bis sechs Grad erhöht.

Gemäss der Weltbank wird das dazu führen, dass einige Atolle verschwinden. Um darauf aufmerksam zu machen, sprang der Malediven-Präsident Mohamed Nasheed im Taucheranzug ins türkisblaue Meer, gefolgt von seinen elf Ministern. Am Meeresgrund hielt das Kabinett eine Klimakonferenz ab. Die Botschaft an die Welt: Rettet die Malediven vor der Zerstörung! Auch die Bewohner der Inselkette Tuvalu versuchen, sich bereits auf den Untergang vorzubereiten, und baten Australien um Klima-Asyl (bekamen es aber nicht).

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Gemäss Weltbank bleibt es aber nicht bei ersaufenden Inselreichen, sondern es könnten auch Hitzewellen, Unterernährung und durch eindringendes Salzwasser zunehmend ungeniessbares Trinkwasser drohen. Das dürfte die Gesundheitssysteme so stark strapazieren, dass Anpassung unmöglich wird und Zwangsumsiedlungen notwendig werden.

Investoren können dazu beitragen, dies zu verhindern, indem sie mit einem Klimaziel von weniger als zwei Grad Erwärmung investieren. Zumal es wirklich einfach wäre: «Oft reicht es schon aus, Energieproduzenten mit Kohlekraftwerken von einer Investition auszuschliessen, um ein Portfolio zu schaffen, welches das Unter-zwei-Grad-Ziel erfüllt», sagt Alexander Zanker, Experte für nachhaltiges Anlegen beim Vermögensverwalter LGT Capital Partners. Wer noch weniger Kohlendioxidausstoss will, schliesst am besten auch Öl- und Stahlproduzenten, Zementproduktion und Airlines sowie Kreuzfahrtschiffunternehmen aus.

Viel weniger CO₂

Was bringt es, 1 Million Franken nicht in den Weltaktienindex MSCI All Country World zu investieren, sondern in den vergleichbaren Weltaktienindex von MSCI mit tiefem Kohlendioxidausstoss? Es senkt den Klimafussabdruck von 182 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr auf 43 Tonnen. Die gesparten Tonnen Kohlendioxid entsprechen einer Autofahrt (mit einem Benzinmotor mit durchschnittlichem Verbrauch) über eine Strecke von mehr als einer halben Million Kilometer.

Es gibt zudem Indizes, die den Weltaktienmarkt abdecken, die dem Klimaziel des Pariser Abkommens entsprechen. «Diese weichen vom generellen Aktien-Weltmarkt nur um 0,3 Prozent ab. Experten reden vom Tracking Error, der vereinfacht erklärt besagt, dass die Rendite der klimaneutralen Anlage mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr als um 0,3 Prozent von der marktneutralen Anlage abweichen wird – nach oben oder unten.

Derzeit schneiden die klimaneutralen Fonds besser ab, denn viele klimaneutrale Aktienindizes und Fonds schliessen nicht nur Kohlekraftwerke, sondern auch Öl gesellschaften aus – und sie halten teilweise auch weniger Aktien von Fluggesellschaften, Autoherstellern und Kreuzfahrtschiffunternehmen. Alle diese Aktien haben dieses Jahr deutlich an Wert verloren, was den klimaneutralen Fonds erspart blieb.

Das bereitet Anlegern Freude, die bereits in Klimafonds investiert sind.

Viele Stimmen gegen das Klima

Die Banken rufen immer lauter, dass sie sich dem nachhaltigen Investieren verpflichten. Ganz vorne dabei ist der weltgrösste Vermögensverwalter Blackrock. Deren Chef Larry Fink rief die Unternehmen dazu auf, sich nachhaltiger zu verhalten, sonst würde Blackrock als Investor handeln. In der Schweiz hat Blackrock schon gehandelt und mit Mirjam Staub-Bisang eine Expertin für nachhaltiges Investieren zur Länderchefin ernannt, die das Thema Nachhaltigkeit auch global betreuen soll.

Doch auch hier tut sich ein Abgrund zwischen Vermarktung nach aussen und tatsächlichem Handeln auf. So hat die US-Non-Profit-Organisation Ceres jedes Jahr das Abstimmungsverhalten der grossen US-Vermögensverwalter an Generalversammlungen von Unternehmen untersucht. Ein Ergebnis: Blackrock hat im Jahr 2019 fast immer gegen klimarelevante Massnahmen der Unternehmen gestimmt. Blackrock sagt, dass die Nachhaltigkeitsinitiative erst begonnen habe und dass sie sich verbessern würden. Tatsächlich hat Blackrock gemäss internen Analysen dieses Jahr (2020) weltweit schon oft für die Abwahl von «Klima-unfreundlichen» Verwaltungsräten gestimmt.

Auch andere grosse Vermögensverwalter stimmen oft gegen klimarelevante Massnahmen. Dazu gehört die UBS (siehe Grafik). Es bleibt also noch einiges zu tun, bis der Rauch über dem nachhaltigen Schweizer Finanzplatz verschwindet.

 

So geht Anlegen mit Klimaziel

Auch der Papst hat die Katholiken bereits dazu aufgerufen, die Schöpfung des Herrn zu schützen und klimafreundlich zu investieren. Auch in Waffen sollen sie deswegen nicht anlegen. Neben der Vatikanbank sind dem Aufruf bereits viele weitere katholische Organisationen gefolgt.

Der Kirchenführer will zudem nicht, dass in Firmen investiert wird, die irgendetwas mit Abtreibungen zu tun haben – dieser Ausschluss ist wohl umstrittener als jener von Waffen und Klimasündern. Anleger müssen sich beim nachhaltigen Anlegen im Klaren sein, was sie eigentlich wollen, was ihnen am Herzen liegt. Denn die Auswahl an nachhaltigen Fonds und Indizes ist sehr vielfältig. Aber daran soll eine nachhaltige Investition nicht scheitern.

Die Ausschlusskriterien der gängigsten nachhaltigen Indizes sind in der Darstellung auf der linken Seite unten zusammengefasst. Zudem finden Sie in der Tabelle einige Vorschläge für kostengünstige nachhaltige ETF, die mindestens das Klimaziel von einer Erwärmung unter zwei Grad verfolgen.

Obwohl das Vorgehen mit Ausschlusskriterien auf den ersten Blick sehr einfach aussieht, liegt der Teufel in der konkreten Auswahl der einzelnen Aktien. Soll etwa ein veganes Catering-Unternehmen ausgeschlossen werden, das Aufträge eines Rüstungskonzerns annimmt? Oder ein Schraubenhersteller, der viele Bestellungen von Kohlekraftwerkbetreibern annimmt? Natürlich sind diese Beispiele vereinfachend, aber leicht ist die Einzelaktienauswahl dennoch nicht.

Deswegen muss man sich jedoch nicht in den Details verlieren. Denn: Je weniger in Klimasünder investiert wird, desto schwieriger und teurer wird es für diese, Kapital für neue Projekte aufzutreiben. Und je teurer die Kapitalbeschaffung für sie, desto teurer werden auch ihre Produkte, und je teurer ihre Produkte, desto weniger werden diese nachgefragt. Das ist der Mechanismus, der beim nachhaltigen Investieren wirkt. Es lohnt sich also für Anleger, darüber nachzudenken, welche Werte wirklich wichtig für sie sind.