Der Ölpreis hat seine Bedeutung als sensibler Gradmesser der Weltwirtschaft nicht eingebüsst. Bereits im Januar, als der Rest der Welt die Entwicklungen in der chinesischen Provinz Hubei rund um den Ausbruch des Coronavirus noch kaum wahrnahm, begann der Ölpreis seinen Preissturz.

Seither erlebt der Ölpreis einen massiven Kursverfall, den man in einer solchen Intensität nur selten miterlebt. Denn neben dem Coronavirus ist auch ein Machtkampf der Ölgiganten Saudi-Arabien und Russland entbrannt. Die Kombination aus beiden Elementen hat sich mittlerweile zu einer veritablen Ölkrise entwickelt.

Nachfrage leidet unter Shutdown

Die Ausbreitung des Coronavirus wurde von den Regierungen weltweit erst spät erkannt und noch viel später mit drastischen Massnahmen bekämpft. Mittlerweile befindet sich die halbe Welt in einem Zustand des Shutdown, der nicht nur die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv einschränkt. Er trifft auch die Weltwirtschaft hart.

Wie die OECD bereits Anfang März annahm, wird sich das globale Wirtschaftswachstum 2020 von 3 Prozent auf 1,5 Prozent halbieren. Trotz der Geldflut, welche die Regierungen als Wirtschaftshilfe bereitstellen wollen, wirkt sich der aktuelle Stillstand der Wirtschaft bereits stark auf die Nachfrage nach Öl aus.

Experten rechnen damit, dass die kurzfristige Nachfrage um bis zu 20 Millionen Fässer pro Tag (mb/d) fallen dürfte. Ein Niveau aus den Jahren der Finanzkrise, als die globale Wirtschaftsleistung pro Kopf noch 20 Prozent niedriger lag als 2019.

Machtkampf um Marktanteile belastet

Um den unkontrollierten Preisverfall im Öl damals zu stoppen, einigten sich die erdölexportierenden Länder auf Kürzungen der Fördermengen. In diesem Jahr kam es beim OPEC-Treffen in Wien jedoch zum Eklat zwischen Saudi-Arabien und Russland. Den Vorschlag Saudi-Arabiens die tägliche Fördermenge um bis zu 1,5 mb/d zu kürzen, wies Russland entschieden zurück.

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Nach den Plänen Saudi-Arabiens hätte nämlich Russland mit 0,5 mb/d den Löwenanteil der Kürzungen stemmen müssen. Nachdem Russland in den vergangenen Jahren, ausgelöst durch den Boom bei den Schieferölproduzenten in den USA, bereits deutlich Marktanteile im Ölgeschäft verloren hatte, war der Vorschlag Saudi-Arabiens für die Russen nicht tragbar.

Lag die US-Produktion 2008 nämlich noch bei 5 mb/d, schoss diese Anfang 2020 auf nahezu 13 mb/d hoch. Mit dieser Entwicklung stiegen die USA zum globalen Marktführer auf und verwiesen sowohl die Russen als auch Saudi-Arabien auf die Plätze.

Gefährliche Strategiespiele

Als Reaktion auf diesen Eklat änderte der saudische Kronprinz seine Strategie. Er kündigte eine massive Ausweitung der Fördermengen an, um mit dem dadurch ausgelösten Preisrutsch im Ölmarkt die Russen unter Druck zu setzen und wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen. Jedoch ist auch Mohammed Bin Salman derzeit angeschlagen.

Sein Land erwirtschaftet seit 2014 ein jährliches Haushaltsdefizit. Die Schätzungen besagen, dass Saudi-Arabien einen Ölpreis von etwa 80 US-Dollar benötigt, um das Haushaltsloch zu stopfen. Um in diese Preisregionen vordringen zu können, scheinen die Saudis also bereit zu sein, Marktanteile temporär zu verlieren, um die kurzfristigen Erträge zu maximieren.

Russland geht auf Risiko

Die Russen verfolgen jedoch eine andere Strategie. Durch einen tiefen Ölpreis sollen möglichst viele Schieferölproduzenten in den USA aus dem Markt gedrängt werden, um somit den eigenen Marktanteil zu stärken. Eine Strategie mit Risiko, denn der Machtkampf hat neben dem Ölpreis auch den russischen Rubel gegenüber dem US-Dollar verfallen lassen. Dieser ist aktuell ähnlich schwach wie Anfang 2016.

Darüber hinaus scheint auch Russland die Auswirkungen der Corona-Krise, angesichts steigender Fallzahlen im eigenen Land, nicht mehr verheimlichen zu können. Um die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen zu stemmen, ist Russland auf die Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen. Zunächst scheint die Strategie jedoch aufzugehen.

Ölkrise stellt Trump vor Probleme

Da die Schieferölproduzenten eher kostenintensiv zu etwa 45 US-Dollar pro Fass produzieren, haben die ersten Produzenten in den USA bereits die Stilllegung der ersten Bohrtürme angekündigt. Eine Situation, die auch für US-Präsident Trump im Wahlkampfjahr gefährlich werden könnte.

Würde die Stilllegungen eine ähnlich hohe Dynamik erreichen wie nach der Finanzkrise, dürften wohl mehr als die Hälfte der Beschäftigten in den betroffenen US-Bundesstaaten ihren Job verlieren. Neben seinem katastrophalen Krisenmanagement rund um die Covid-19 Pandemie könnten Jobverluste in der Ölindustrie seine Wiederwahl gefährden.

Machtkampf hat nur Verlierer

Für alle Beteiligten steht also viel auf dem Spiel. Um Analogien aus dem Trading zu nutzen, stehen den erwarteten Chancen deutlich höhere Risiken gegenüber. Die Eskalation beim OPEC-Treffen in Wien ist daher wohl eher als taktisches Manöver zu verstehen.

Da es allen Akteuren die Möglichkeit bot, das Gesicht zu wahren und das eigene Image als starker Machthaber zu schärfen. Angesichts der unvorhersehbaren Auswirkungen im Kampf gegen Covid-19 und den anderen erwähnten Risiken, ist jedoch mit einer Entspannung der Situation bis zum nächsten OPEC-Treffen zu rechnen.

Dies zeigt sich auch in der aktuellen Forwardkurve im Öl. Der Spread zwischen dem Kassakurs und den nahe liegenden Futures Preisen ist so hoch wie seit 2016 nicht mehr. Der im Verhältnis zu den Future-Preisen tiefe Kassakurs, im Fachjargon als Contango bezeichnet, deutet auf ein kurzfristiges, massives Überangebot von Öl hin.

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Appetit nach Öl wird steigen

Sollten die Massnahmen der Regierungen zur Bekämpfung der Corona-Krise Wirkung zeigen, und ähnlich wie in China, das Wirtschaftsleben kurzfristig wieder in Gang kommen, wird auch der Appetit nach Öl wieder steigen.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich Riad, Moskau und Washington im Hintergrund auf einen gesichtswahrenden Kompromiss einigen werden, um die Schäden so klein wie möglich zu halten. Die Volatilität im Ölpreis wird hoch bleiben. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ende des Jahres der heutige Ölpreis billig erscheint höher als umgekehrt.

Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.