BILANZ: Sir Richard Branson, Sie haben in Ihrem Leben immer wieder Neues ­angefangen und Unternehmen in Branchen gegründet, die nichts miteinander zu tun hatten. Das Spektrum reicht von einer Plattenfirma über eine Fluglinie bis hin zu Hochzeitskleidern und jetzt dem Bankgeschäft. Eine Sucht, eine Manie, eine Form von Hyperaktivität?
Richard Branson*: Als kleiner Junge haben mir meine Eltern immer gesagt, ich müsste versuchen, die Welt zu verändern, und dabei zwar verantwortungs­bewusst sein, aber auch Abenteuerlust zeigen. Meine frühe Kindheit hat mich in dieser Hinsicht stark geprägt und meine Entschlossenheit gestärkt, immer etwas Neues auszuprobieren. Alles fing mit einem Studentenmagazin an, das ich als Teenager startete, um jungen Leuten eine Stimme zu geben. So etwas war damals ungewöhnlich. Als es ein Erfolg wurde, machte ich mich auf die Suche nach weiteren Projekten, von denen ich annahm, dass ich dort besser sein würde als ­andere. Das hat so viel Spass gemacht, und es war so ein wunderbares Gefühl zu erleben, wie Ideen und Geschäfte wachsen – das macht richtig süchtig!

Wieso mussten das immer wieder ­unbekannte Gebiete sein, von denen Sie keine Ahnung hatten?
Ein neues Unternehmen zu gründen, ist immer ein Risiko, egal ob man Fachwissen mitbringt oder nicht. Entscheidend ist es, sich positiv vom Bestehenden ­abzuheben und an die eigene Sache zu glauben. Heutzutage habe ich natürlich ein gutes Team, das mich bei der Umsetzung meiner Ideen unterstützt. Die Chefs der Unternehmen in meiner Gruppe verfügen über das nötige Spezialwissen. Sie sind mit Leidenschaft dabei, und meist kennen sie die Produkte und Dienstleistungen viel besser als ich. Genau so muss es auch sein.

Das würden viele andere Unternehmer auch von sich sagen. Worin unterscheiden Sie sich von diesen?
Ich bin ein Mensch, der ständig neue ­Herausforderungen sucht und es liebt, etwas Unbekanntes zu erlernen. Das finde ich faszinierend. Mir ist es gleichgültig, ob es darum geht, wie eine Fluggesellschaft funktioniert, wie sich die Musikindustrie verändert oder wie man ein kommerziell operierendes Raumschiff bauen muss. Als ich die Fluglinie Virgin Atlantic startete, haben uns viele Experten unterschätzt und gedacht, jemand, der Schallplatten verkauft, könne keine echte Konkurrenz sein. Aber es war unsere frische Perspektive, der unkonventionelle Zugang zum Reisegeschäft, der unseren Erfolg ausgemacht hat.

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Was können heutige Unternehmens­gründer davon lernen?
Neugierig sein, Fragen stellen, Entschlossenheit und Zielstrebigkeit zeigen, das sind Charaktereigenschaften, die einen Entrepreneur ausmachen. Sie haben ­absolut nichts mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation zu tun. Wenn überhaupt, gibt es heutzutage sogar noch mehr Möglichkeiten für ­Menschen, die ein Unternehmen gründen wollen, ohne den üblichen Karrierepfad beschritten zu haben. Ganz entscheidend dabei ist: Man darf kein Risiko scheuen und sollte immer den eigenen Instinkten folgen.

Schön und gut, doch in der Realität wird heutzutage immer mehr reguliert. Ist das gegenwärtige wirtschaftliche und politische Klima in vielen westlichen Ländern nicht eher hinderlich für Gründer?
Leider ist die Jugendarbeitslosigkeit in Grossbritannien mit rund 20 Prozent sehr hoch. Deshalb müssen wir unbedingt in Start-ups investieren. Dafür sind nur kleine Geldbeträge und vor allem gute Ratschläge erforderlich. Wir haben uns mit anderen zusammengetan, um Virgin StartUp zu starten. Das ist ein ­gemeinnütziges Projekt, das Tausenden junger Menschen finanzielle Hilfe, Beratung und Mentor-Programme anbieten wird. Wir folgen dabei dem Vorbild eines staatlichen Förderprogramms. Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklungen, die sich daraus ergeben werden.

Was muss von gesellschaftlicher Seite getan werden, um Innovation und eine stärker von unterneh-merischem Gedankengut geprägte Kultur zu fördern?
Es gibt sie doch bereits, die Unternehmer mit viel Potenzial. Die derzeitige Start-up-Szene ist aufregend. Es mangelt also nicht an zündenden Ideen, und die ­Menschen sind heute sogar offener für Unternehmensgründungen. Aber wir müssen diese Talente unbedingt fördern und ­Investitionsmittel bereitstellen, damit die Sachen nicht im Sand verlaufen.

Muss ein Gründer gelegentlich auch ­kulturelle, moralische und rechtliche ­Normen brechen, um ein erfolgreicher Unternehmer zu sein?
Ich will nicht so weit gehen, Regel- und Gesetzesverstösse zu propagieren. Aber ich wäre heute mit Sicherheit nicht da, wo ich bin, wenn ich nicht bereit gewesen wäre, Risiken einzugehen. Wenn mir ­jemand sagt: «Das geht nicht» oder «So gehts nicht», dann werde ich alles daransetzen, diese Meinung zu widerlegen. Schliesslich basiert meine Geschäfts­philosophie schon lange auf dem Motto «Ist doch ganz egal, tun wirs einfach!».

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Wo würden Sie persönlich die Grenze ­ziehen?
Ein Unternehmen zu gründen, ist eine grosse Herausforderung, das testet die ­eigenen Grenzen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass man sich selbst keine Einschränkungen auferlegen sollte. Denn man lernt schliesslich aus den eigenen Fehlern. Ich war früher viel naiver als heute, habe aber daraus Lehren gezogen. So habe ich mir geschworen, dass ich niemals etwas tun würde, was mich ins Gefängnis bringen könnte. Ich würde heute auch kein Geschäft ab­schliessen, das mir oder meiner Familie Peinlichkeiten bereiten könnte.

*Richard Branson (63), zum Ritter geschlagener Schulabbrecher, hat ein Imperium mit mehr als 400 Unternehmen aufgebaut, dessen Jahresumsatz auf 17,7 Milliarden Euro geschätzt wird. Er startete mit einem Studentenmagazin, später kamen das Plattenlabel Virgin und die Airline Virgin Atlantic hinzu. Sein Vermögen beziffert «Forbes» auf 3,3 Milliarden Euro. Branson hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, lebt auf seiner privaten Jungferninsel Necker Island und setzt sich für erneuerbare Energien und die Legalisierung von Drogen ein. Branson ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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