Im Keller der Seidengasse 12 ist das für tot erklärte Schweizer Bankgeheimnis noch quicklebendig. In ihrer Zürcher Innenstadtfiliale hat die Migros Bank in einem zehn Quadratmeter grossen Raum knapp 500 Schliessfächer untergebracht. Die meisten klein wie eine ­Packung Druckerpapier, zwei so gross wie Büroschränke. Alle zusammen umschliessen sie den Raum wie Wände aus mattem Gold. Die Klimaanlage surrt und sorgt für konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Eine 40 Zentimeter dicke Panzertür ist nachts verriegelt. Erschütterungssensoren warnen dann vor ungebetenen Gästen.

Der Aufwand für Sicherheit ist gross. Dabei weiss die Bank nicht einmal, welche Schätze sich in den Fächern verbergen. «Ein Schliessfach kann nur gemietet werden. Es handelt sich um ein Mietverhältnis. Banken haben keine Kenntnis über den Inhalt der Schliessfächer», heisst es bei der Berner Kantonalbank (BEKB) stellvertretend für alle Anbieter.

Kein Einblick fürs Schweizer Finanzamt

Der Kunde wird in den Schliessfachraum gesperrt, der Mitarbeiter wartet draussen. Nicht nur der Bank, sondern auch dem Schweizer Finanzamt bleibt der Einblick ins Schliessfach verwehrt. Selbst der in wenigen Monaten für ausländische Kunden wirksame automatische Informationsaustausch wird ausgebremst. «Schliessfächer oder Tresore gelten grundsätzlich nicht als Finanzkonten. Somit werden auch keine Daten zu den im Schliessfach gelagerten Wertgegenständen gemeldet», informiert die Valiant.

Die Banken geben vor, was sich in den Fächern befinden darf: In der Regel sind das Wertpapiere, Geld, Edelmetalle, Schmuck sowie Dokumente.

Millionen auf kleinem Raum

Theoretisch finden selbst in den kleinsten Fächern Werte in Millionenhöhe Platz. Dank der SNB gibt es den Tausenderschein, die wertvollste Banknote der Welt. Ein Bündel aus 100 Tausendern ist nur einen Zentimeter hoch. Rund 42 Millionen Tausender mit einem Wert von 42 Milliarden Franken sind im Umlauf, ein neuer Rekord. Laut SNB deute der Boom darauf hin, dass Noten «in erheblichem Umfang als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden».

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Die Schliessfächer in der ­Migros Bank schimmern in Gold. Das lässt auf den Inhalt schliessen. Besonders bei ängstlichen Gemütern ist Gold hoch im Kurs. Als Schutz vor Inflation und sonstigen Katastrophen nehmen sie ausbleibende Zinsen und Ausschüttungen in Kauf.

Grosse Nachfrage, aber auch grosses Angebot

Wer seine Schätze in den Schliessfächern im Keller der Mi­gros Bank in der Seidengasse deponieren will, muss warten. «Die Nachfrage nach unseren Fächern ist extrem gross, wir haben eine Warteliste», sagt ein Mitarbeiter der Filiale. Er verweist Kunden auch auf private Anbieter. Einer davon ist Sincona Trading. Am Limmatquai 112 bunkert das Unternehmen Werte. Doch wer auf einen Boom bei Banktresoren schliesst, liegt falsch.

Die grosse Nachfrage in der 
Zürcher Innenstadt ist die Ausnahme. Insgesamt berichten die meisten Banken von gleich bleibender (CS, Bank Coop oder Berner Kantonalbank), teilweise gar von leicht sinkender Nachfrage (UBS und St. Galler KB). Bei der St. Galler KB sind nur 40 Prozent der Fächer belegt, bei der Bank Coop 47 Prozent. Die Migros Bank sticht als kleiner Anbieter mit einer Auslastung von 70 Prozent hervor.

Insgesamt ist das Angebot an Schliessfächern gross. UBS und Credit Suisse bieten in fast allen Filialen Schliessfächer an. Ein gros­ser Vermieter, den man nicht auf den ersten Blick im Fokus hat, ist Valiant. Die Bank stellt mehr als 30'000 Fächer zur Verfügung. Auch die St. Galler KB ist mit 24'400 Fächern gross im Geschäft.

Keine Expansion geplant

Keine der befragten Banken plant eine Ausweitung des Angebotes. Bei der Berner KB ging die Zahl der Fächer wegen der Schlies­sung von kleineren Filialen sogar um rund 200 zurück. Explosionsartig dürfte die Nachfrage nach Schliessfächern steigen, falls die Banken die Negativzinsen nicht nur an Firmen und Grosskunden, sondern auch an einfache Sparer weitergäben. Sobald der Negativzins die Kosten der Bargeldhaltung übertrifft, rechnet es sich, den Aufwand zu betreiben.

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Experten glauben, dass Negativzinsen von bis zu 1,25 Prozent für Banken tragbar sind. Übersteigen sie dieses Niveau, müssten sie den Sparern den Strafzins verrechnen. Laut Ökonomen könnten die Zentralbanken den Negativzins theoretisch auf zwei Prozent erhöhen – doch dürfte es bei der Theorie bleiben. «Noch weiter fallende Zinsen sind sehr unwahrscheinlich, sie sind die Ultima Ratio. Die SNB wird extrem zögerlich sein», sagt Thomas Heller, CIO der Schwyzer Kantonalbank. Solange das aktuelle Zinsgefüge unverändert bleibt, ist die Bargeldhortung ökonomisch nicht sinnvoll.

Lagerung kostet

Ähnlich sieht das Rolf Biland, CIO beim VZ VermögensZentrum: «Die Lagerung von Bargeld verursacht nur Kosten und bringt Sparern keine Vorteile. Die Gebühren werden zu einer Art Negativzins.» Wer etwa 100'000 Franken im kleinsten Fach der Migros Bank 
lagert, bekommt dafür inklusive Steuern 86.40 Franken in Rechnung gestellt. Das entspricht einem Strafzins von 0,086 Prozent.

Wer dennoch ein Schliessfach mieten will, wird sich meist an seine Hausbank wenden. Das macht auch Sinn, denn ein Konto bei der jeweiligen Bank wird für den Mietvertrag vorausgesetzt. Ausnahmen bilden Sincona Trading oder Degussa, da diese Anbieter keine Banken sind.

Erhebliche Kostenunterschiede

Bei den Kosten gibt es erhebliche Unterschiede. Gemessen am Literpreis der kleinsten Fächer, gehören Goldhändler Degussa, Sincona Trading, die UBS und die ZKB unter den Befragten zu den teuersten Anbietern. Degussa rechtfertigt die Preise mit dem neuesten Sicherheitsstandard. Laut Sincona-Trading-CEO Michael Hardmeier seien die Fächer der Banken zudem querfinanziert. Am günstigsten darf man sich bei der Berner KB, Valiant und der Schwyzer KB für 55 bis 60 Franken einmieten. Auch die Nidwaldner KB und die Migros Bank bieten preiswerte Alternativen.

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Teuer kommt der Verlust des Schlüssels. «Da eine Nachbestellung ausgeschlossen ist, muss das Tresorfach aufgebrochen und der Zylinder ausgewechselt werden», heisst es bei der Nidwaldner KB. Die Kosten hierfür betragen je nach Grösse des Fachs und Aufwand bei dieser Bank 500 bis 1000 Franken. Mit 302 Franken für einen verlorenen Schlüssel kommt man bei der Berner KB unter den von «Bilanz» befragten Banken noch am günstigsten davon.

24-Stunden-Zugang hat seinen Preis

Das Schlüsselproblem lässt sich mit einem Schlüsseldepot in der Bank lösen. Allerdings wird das nicht von allen Instituten angeboten und bringt zusätzliche Kosten. Bei der Bank Coop sind das beachtliche 375 Franken im Jahr.

Auch wer den Schlüssel hat, muss sich in der Regel an die Öffnungszeiten der ­Filialen halten. Eine Ausnahme bildet die ZKB mit ihren sogenannten «Autosafes»: Der 24-Stunden-Zugang ist an 21 Standorten verfügbar. Die Preise sind gegenüber normalen Schliessfächern jedoch höher. Dem Bedürfnis nach ständigem Zugriff trägt auch die Sincona Trading Rechnung. Das hat jedoch seinen Preis: Für eine halbe Stunde «Besuchszeit» ausserhalb der Öffnungszeiten werden pauschal 220 Franken verrechnet.

Werte sind nicht versichert

Wer seine Schätze bei den Banken in absoluter Sicherheit wähnt, liegt falsch. Bei der UBS lautet der Passus in den Verträgen so: «Der Versicherungsschutz ist Sache des Mieters. Für allfällige Schäden, welche auf Raub, Einbruch, Diebstahl, Explosion, Feuer oder Wasser zurückzuführen sind, haftet UBS nur bei Verletzung der geschäftsüblichen Sorgfalt.»

Haben Banken früher noch Versicherungen angeboten, verweisen sie heute auf Hausratsversicherungen. Bei der Mobiliar sind Wertgegenstände in Bankschliessfächern im Rahmen der sogenannten Aussenversicherung während 24 Monaten versichert. Auf Wunsch kann im Vertrag ein zweiter Standort (die Bankadresse) erfasst werden. Grundsätzlich gilt für Geldwerte (Bargeld, Münzen, Edelmetalle) eine Limite von 50'000 Franken. In Ausnahmefällen wird die Versicherung einer höheren Summe geprüft. In vielen Fällen dürfte das nötig sein. Doch das wissen nur die Mieter.

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