BILANZ: Wissen Sie, wem Sie Ihren Job zu verdanken haben?

Thomas Held: Ich hätte diesen Job nicht bekommen, wenn ich nicht einen wissenschaftlichen Background hätte – das verdanke ich einigen akademischen Lehrern und dem Nationalfonds – und wenn ich nicht so erfolgreich gewesen wäre in Luzern – das verdanke ich vor allem dem ehemaligen Stadtpräsidenten Franz Kurzmeyer und den Donatoren.

Wir glauben, dass Christoph Blocher schuld war. Er wollte zusammen mit Martin Ebner einen Think-Tank gründen und äusserte diese Absicht während eines Abendessens mit Rainer E. Gut und Ulrich Bremi. Gut machte danach vorwärts, um den beiden zuvorzukommen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Das ist mir nicht bekannt.

Nun holt Sie die SVP wieder ein. Sie besetzt im Bundesrat eine gewichtige Rolle.

Die Veränderungen in der Schweiz beeinflussen unsere Arbeit bei Avenir Suisse, hingegen nicht die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates.

Beeinflusst der politische Umschwung im Land Ihre Arbeit nicht?

In unserer Arbeit und Informationstätigkeit verfolgen wir zwar liberale Ziele, und wir pflegen regelmässige Kontakte mit den bürgerlichen Parteien, auch mit Vertretern der SVP. Aber auf unsere längerfristigen Themen und unsere grundsätzliche Ausrichtung hat die Zusammensetzung des Bundesrates keinen Einfluss. Schwieriger ist für uns, dass derzeit eine Tendenz vorherrscht, indem man sagt: Der Analyse haben wir genug, wir wissen, was zu tun ist; es muss jetzt einfach getan und umgesetzt werden. Action.

Zur Person
Thomas Held


Der Soziologe Thomas Held (57) leitet seit Ende 1999 den von 14 Schweizer Grossfirmen gegründeten Think-Tank Avenir Suisse. Die im Zürcher Trendquartier Zürich West domizilierte Denkfabrik widmet sich wirtschafts- und sozialpolitischen Zukunftsfragen und ist vorerst auf rund sieben Jahre hinaus mit einem Budget von 55 Millionen Franken ausgestattet. Derzeit lässt der Stiftungsrat den Think-Tank, die Trägerschaft, die Ausgestaltung und die Ziele extern überprüfen. Vor seiner Zeit bei Avenir Suisse war Held selbstständiger Projektleiter, unter anderem beim Bau des Kultur- und Kongresszentrums in Luzern.

Was bedeutet das für Avenir Suisse?

Wir beschäftigen uns jetzt gerade in einem gemeinsamen Buch mit Thomas Straubhaar mit den Fragen des Wie, also mit der Umsetzung von Reformen. Wir untersuchen die systemischen, aber auch die personellen Voraussetzungen für eine effektive Umsetzung der bekannten Wachstumsrezepte und des Abbaus im Staatssektor.

Halten Sie den Vorwurf für berechtigt, dass Sie zwar sehr gute Analysen fertigten, aber nicht vorwärts gerichtet arbeiteten?

Nein, weil es offensichtlich nicht stimmt. Wenn man beispielsweise unser im letzten Jahr veröffentlichtes Stadt-Land-Buch anschaut, dann findet man nichts anderes als Zukunftsbilder, Zukunftsprojektionen. Unsere demografischen Simulationen, die Ideen im Bereich der Sozialversicherungen: alles zukunftsgerichtet. Oder wenn Sie zum Beispiel unsere Vorschläge zur Stärkung der Primarschulen und gleichzeitig zu mehr Wettbewerb unter den Lehrern nehmen, ist das total zukunftsorientiert. Diese Ideen sind von einigen Bildungspolitikern auch übernommen worden. Auch unsere Vorschläge im Bereich der Ausländergesetzgebung (Einbürgerungen) werden sehr aufmerksam gehört.

Keine Selbstkritik?

Nicht, was die Wahl und das Timing der Themen betrifft. Die Problematik, mit der wir kämpfen, betrifft die Abgrenzung zwischen Analysen oder Ideen auf der einen und Aktion oder Umsetzung auf der anderen Seite. Diese Positionierung steht immer wieder zur Debatte.

Können Sie uns das genauer erklären?

Wir bewegen uns als Think-Tank in der Welt der Ideen, der Themensetzungen, nicht zuletzt der Begriffsdefinition. Nehmen Sie die Zero-Tolerance-Politik: Was beispielsweise Rudolph Giuliani in New York gemacht hat, das hat man zehn Jahre vorher in Think-Tanks durchgedacht, gerechnet, in Modellen vorgefertigt. Oder das Beispiel unserer föderalistischen Strukturen: Noch vor zwei, drei Jahren hat man in der Schweiz gesagt, die Kantonsstruktur sei vollständig in Stein gemeisselt, Gemeindefusionen hätten in der Schweiz keine Chance. Heute sieht das ganz anders aus. Heute kann man sich plötzlich vieles vorstellen, diskutieren. Aber am Anfang stehen die Ideen.

Sie sehen sich demnach als einer, der mit einem Think-Tank Anstösse geben will?

Ja klar, das ist unsere erklärte Aufgabe. Aber sprechen wir einen Augenblick über die Wirkung.

Genau. Ideen sind gut, aber sie sollten umsetzbar sein.

Wir sind von den Statuten und vom ganzen Aufbau der Stiftung her nicht eine Wirkungsmaschine. Wir bringen Vorschläge und Ideen, die von politischen Akteuren, in der Regel auf der Ebene des Parlamentes, aber auch in der Verwaltung oder bei Regierungsräten, Direktorenkonferenzen und anderen Entscheidungsgremien, aufgenommen werden können.

Können Sie uns da ein Beispiel geben?

Heute Nachmittag kommt hier eine wichtige Gruppe von Polizeidirektoren und Polizeikommandanten zusammen. Sie diskutiert die Frage einer noch intensiveren Zusammenarbeit der Kantone im Sicherheitsbereich, über grössere Einheiten, über ein Polizeikorps Zentralschweiz zum Beispiel. Das sind jene Leute, die am Ende auch agieren müssen. Sie sind in einer vollkommen anderen Position als wir.

Kann der Think-Tank nicht zu einem wirkungsvollen Ganzen werden, das agiert und nicht nur Ideen entwirft?

Nein, hier gibt es eben einen kategorialen Unterschied! Man kann nicht glaubwürdig langfristige, zum heutigen Zeitpunkt vielleicht so genannt «unrealistische» Vorschläge entwerfen und gleichzeitig selbst im politischen Tagesgeschäft mitwirken. Wenn man in Kommissionen sitzt, Vernehmlassungsantworten schreibt, Referenden plant, muss man sich taktisch verhalten, verhandeln, Kompromisse eingehen, sonst erreicht man nichts. Bei den Think-Tanks ist es gerade umgekehrt: Dort erreicht man nichts, wenn die Ideen nicht konsistent sind und nicht weiter gehen als die Realpolitik.

Warum wollen Sie nicht mehr Wirkung entwickeln?

Da stellt sich die Frage, was mehr Wirkung heisst. Wir müssten uns in Richtung einer Lobby bewegen. Dann würde sich sofort die Frage der Legitimation stellen. Lobbying kann man nur betreiben, wenn die Interessen, die es zu vertreten gilt, relativ eng definiert sind. Der Verband Chocosuisse kann als Lobby tätig sein, weil eine gewisse Homogenität der Verbandsmitglieder besteht. Bei Economiesuisse ist es auf Grund der Heterogenität des Verbandes schon schwieriger. Avenir Suisse ist für eine solche Lobbytätigkeit überhaupt nicht legitimiert. Wir haben ja auch kein Mandat, Volksinitiativen zu lancieren oder Referenden zu ergreifen.

Sie haben im letzten Jahr eine Studie zum Verbandsbeschwerderecht lanciert und Stellung gegen dieses bezogen. Das ist Lobbying.

Das Verbandsbeschwerderecht blockiert ein grosses Investitionsvolumen und schadet dem Wachstum und dem Standort Schweiz. Und wenn wir von der Wirkung sprechen: Es gab im Nationalrat noch nie eine so knappe Abstimmung zur Verbandsbeschwerde wie im letzten Dezember. Die parlamentarische Initiative von Nationalrat Freund zur Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts wurde nur noch mit 96 zu 80 abgelehnt. Wenn man sieht, dass vorher jeder Versuch abgeschmettert worden ist, dann ist dies zumindest schon ein partieller Erfolg. Ich glaube auch, dass die Initiative Hoffmann, die nicht eine Abschaffung, sondern eine Einschränkung der Beschwerdemöglichkeiten vorsieht, eine sehr gute Chance hat durchzukommen.

Es fällt auf, dass Ihre Argumentation immer politisch ist. Ihre Geldgeber jedoch sind Konzerne, die nach wirtschaftlichen Regeln ticken. Entfernen Sie sich von Ihren Brotgebern?

Ich muss korrigieren: Die Argumentation ist immer wirtschaftspolitisch. Die Stossrichtung deckt sich, wie unsere vielen Vorträge bei Stifterfirmen zeigen, ziemlich gut mit dem, was dort über die Rahmenbedingungen der Schweiz gedacht wird.

Bundesratswechsel, Ende der Zauberformel, neue Mehrheiten: Hat sich nicht die Stimmung für das, was Sie machen, verändert?

Ja, das stimmt. Es gibt Leute, die denken, dass jetzt die Voraussetzungen geschaffen sind, damit man in der Schweiz endlich eine neue Dynamik entwickeln kann, um aus der Wachstumsschwäche herauszukommen. Dass nur schon mit den neuen Bundesräten die politischen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Somit steht nun plötzlich die Frage der Analyse nicht mehr so im Vordergrund.

Ist dies die Stimmung, oder entspricht dies auch den Tatsachen?

Das ist die allgemeine Stimmung, die es als Tendenz in der Wirtschaft tatsächlich gibt. Das hat aber mit der Aufgabe von Avenir Suisse nur bedingt zu tun. Es hätte dann einen Einfluss, wenn Analyse nicht mehr gefragt wäre.

Bleibt Analyse auch in der neuen Zeit des Anpackens gefragt?

Selbstverständlich. Um in der Schweiz die nach wie vor notwendigen Mehrheiten zu finden, ist mehr denn je wirtschaftspolitische Aufklärung nötig. Ich sehe einen grossen Teil unserer Tätigkeit unter diesem Titel. Im letzten Quartal 2003 haben wir zum Beispiel 50 Vorträge gehalten. Im Durchschnitt haben jeweils zwischen 50 und 100 Personen zugehört. Interessant ist jetzt, dass gerade die mit Herkulesaufgaben beauftragten Bundesräte Christoph Blocher und Hans-Rudolf Merz am meisten auch an neuen Konzepten und Ideen interessiert sind. Herr Blocher hat sich immer sehr für unsere Arbeit interessiert. Und wenn ich Herrn Merz zuhöre in Bezug auf die Fragen der Finanzierung der langfristigen Sozialversicherungen, um ein Beispiel herauszugreifen, dann ist dort die Erkenntnis da, dass man ganz neue Formen finden muss. Das betrachte ich als grosse Opportunity für uns. Ich sehe auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel beim Thema Unternehmenssteuer. Hier eröffnen die internationale Entwicklung und auch die Enttäuschung über die laufende Revision in der Schweiz plötzlich eine grosse Chance. Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, ein Projekt «Abschaffung der Unternehmenssteuer» intern anzudenken, hiess es, der spinnt, das hat politisch keine Chance.

Weshalb haben Sie denn ein politisch chancenloses Thema dennoch angedacht?

Aber das ist ja der Witz der Sache, dass man Vorschläge durchspielen muss, die politisch angeblich keine Chance haben. Ich sage «angeblich», weil sich diese Einschätzung rasch ändern kann. Das ist bei diesem Projekt geschehen. Die Administration Bush hat massive Steuersenkungen für die Unternehmen durchgesetzt. Die USA erwarten heute ein Jahrzehnt mit nachhaltigen Wachstumsraten von vier, wenn nicht fünf Prozent. Jetzt folgen die Oststaaten mit tiefen Flat-Taxes. In Österreich finden derzeit Tagungen mit Vertretern des Finanzministeriums statt, in denen diskutiert wird, wie man Steuerreformen machen könnte. Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht? In einem Monat sind wir mit einer Studie auf dem Markt, die zeigt, welche Wachstumseffekte mit einer radikalen Reform der Unternehmenssteuer erzielt werden könnten.

Nochmals: Am 10. Dezember haben die rechtsliberalen Kräfte übernommen. Jetzt herrscht die Stimmung vor, dass längst definierte und existierende Ideen endlich umgesetzt werden können, sodass die Schweiz wieder Wachstum schafft. Muss jetzt Avenir Suisse nicht die Ausrichtung ändern?

So ist die Stimmung. Aber ist das wirklich so? Durch die politische Gewichtsverschiebung sind die Lösungen für die Sozialwerke, für die Zukunft der Hochschulen noch nicht gefunden. Zudem wissen wir alle, dass innere Widersprüche vorhanden sind, dass es bezüglich Öffnung und Liberalisierung bei diesen Gruppierungen, die nun an Bedeutung gewonnen haben, grosse Widerstände gibt. Wenn ich das EMG als eines der Schlüsselbeispiele nehme, dann ist es nicht nur wegen des linken oder fundamentalistischen Widerstandes abgelehnt worden, sondern auch von den Strukturbewahrern auf der anderen Seite.

Sie stellen den politischen Wandel in der Schweiz in Frage?

Der wirkliche Test kommt im Mai mit den Abstimmungen über die AHV-Revision und das Steuerpaket. Da wird sich zeigen, ob ein Richtungswechsel weg von der hohen Staatsquote und der Fortschreibung des Wohlfahrtsstaates möglich ist oder ob man sich in eine Art Reformblockadesituation begibt, wie dies in Deutschland zu beobachten war. Es ist in der Schweiz ja relativ einfach, etwas zu verhindern.

Kann man denn in unserem System überhaupt grundsätzliche Reformen durchführen?

Das ist die Frage. Es stehen ja zum Teil schmerzhafte Einschnitte an, denken Sie nur an die Stabilisierung der AHV oder den weiteren Umbau der Landwirtschaftspolitik. Je mehr Leute von solchen Transferzahlungen profitieren, desto schwieriger wird es, Mehrheiten für Reformen zu finden.

Die grosse Figur war Ende der Neunzigerjahre Mario Corti, der zu den Initianten von Avenir Suisse gehört. Er ist eher der philosophische Denker oder der erkenntnisorientierte Bildungsbürger als der knallharte Unternehmer. Inzwischen ist Corti abgetreten, und Christoph Blocher strahlt. Er ist bekannt als Sucher der schnellen Lösung. Verändert dieser Wechsel Ihre Arbeit?

Ich will zu Ihrer Qualifikation dieser Personen keine Stellung nehmen. Fakt ist, dass die Gründer der Stiftung wie Ulrich Bremi, Alex Krauer, Mario Corti oder Fritz Gerber eine patriotische Motivation hatten. Ihnen ging es um den Standort Schweiz, um dessen Bewahrung – um das, was de Pury damals in den Neunzigerjahren formuliert hatte.

Aus der Stiftung sind jetzt diese Patrioten aber verschwunden?

Die Firmen sind an ihren Spitzen teil-weise internationaler geworden, haben Chefs, die nicht einen schweizerischen Background, die keine Verbindung zu dieser schweizerischen Reformdiskussion haben. Man kann unterstellen, dass das Gewicht einer solchen Institution in einer Firma, die international ausgerichtet ist, nicht gleich ist, wie das in den Köpfen der Gründer gewesen ist. Das ist für uns die eigentliche Herausforderung.

Avenir Suisse ist am Ende das Opfer der forcierten Globalisierung auf der Managementebene?

Das ist eine gute Formulierung. Aber sie stimmt nicht wirklich, ganz abgesehen davon, dass man mit dem pejorativen Begriff «forcierte Globalisierung» vorsichtig sein sollte. Interessanterweise gibt es deutliche Anzeichen, dass die Schweizer Niederlassungen grosser Konzerne bei Avenir Suisse mitmachen möchten.

Wie stehen Sie zur Mutterschaftsversicherung, welcher der Arbeitgeberverband plötzlich zustimmt?

Zur Mutterschaftsversicherung als solcher haben wir noch nie etwas gemacht, ich kenne mich deshalb in dieser Materie nicht aus. Hingegen haben wir im Zusammenhang mit den demografischen Prognosen und den Bildungsstudien immer wieder betont, dass die bestmögliche Massnahme für die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft die Tagesschulen sind.

Es geht ja nur um die Frage, wer die Mutterschaftsversicherung letztlich bezahlt. Der Staat oder das Unternehmen. Was ist richtig?

In der Schweiz muss man die grössten Fragezeichen zu flächendeckenden staatlichen Lösungen anbringen, weil ein immer grösserer Aufwand für Umverteilung betrieben wird. Das Weissbuch von Markus Schneider zeigt diese bürokratische Umverteilung innerhalb der Mittelschicht auf, die dann dazu führt, dass die Schlauen besser wegkommen und den wirklich Bedürftigen nicht wirklich geholfen wird.

Sie haben von Tests für die Politik und die Wirtschaft gesprochen. Der Fall Swissair war einer. Avenir Suisse hat damals ein Manifest gegen das Engagement des Bundes veröffentlicht. Welche Meinung haben Sie heute, wenn Sie die von Swisscom angeführten Sammelaktionen für die Swiss betrachten?

Um präzise zu sein: Wir haben damals eine Stellungnahme von 17 Wissenschaftlern herausgebracht, die eine Begrenzung des Engagements des Bundes verlangten und insbesondere die marktfremden Formeln wie 26/26 kritisierten. Fast alles, was vorausgesagt wurde, ist seither leider eingetreten. Deshalb ist unsere Position dieselbe wie vorher.

Sie lehnen also weitere Unterstützungen auf jeden Fall ab?

Der Fall Swissair ist ein sehr gutes Beispiel für die unterschiedlichen Rollen von Think-Tanks und Politik. Man kann nicht plötzlich die Codes vermischen. Entweder bewegt man sich auf der Ebene, auf der man Vorschläge bringt oder auch Vorgänge aus einer bestimmten Sicht kritisiert, oder man bewegt sich auf der Ebene der politischen Durchsetzung, die auch Kompromisse fordert. Beides ist total legitim, aber man soll die Dinge nicht vermischen. Wenn Regierungsrat Jeker erklärt, dass für die vom Flughafen abhängigen Zürcher KMUs eine suventionierte Anpassungsfrist nötig war, so kann ich das aus seiner Sicht als früherer Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Zürich nachvollziehen. Das ändert nichts an der marktpolitischen Problematik, und es ändert auch nichts daran, dass die Hilfsaktion für die Swiss für freiheitliche Positionen der Wirtschaft extrem viel Legitimation zerstört hat.

Wären Sie Jeker, würden Sie bezahlen? Wären Sie Held, so würden Sie dagegen protestieren?

Wahrscheinlich ja, aber zum Glück bin ich Held. Dieser Widerspruch zwischen einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung und dem einzelnen Wirtschaftssubjekt ist immer da. Die Wirtschaftswissenschaft setzt sich für ordnungspolitische Prinzi-pien ein. Wirtschaftssubjekte hingegen müssen unter bestimmten Gegebenheiten ihren Nutzen maximieren, egal woher das Geld kommt, ob es eine Subvention ist oder nicht. Deswegen kann Avenir Suisse nur völlig unabhängig von Parti-kularinteressen funktionieren.

Eine hohe Anforderung.

Gerade unsere Stellungnahme zum Sündenfall der Staatsbeteiligung bei der Swiss hat bewiesen, dass wir sie erfüllen. Man kann nicht sagen, wir sind liberale Denker, wir setzen uns für Markt und Wettbewerb ein, und dann einfach schweigen, wenn so etwas passiert. Die Aktion wurde vom Stiftungsrat auch völlig akzeptiert, auch wenn sie gerade Mario Corti, der für die Rettung der Swissair gekämpft hatte, keine Freude bereitet hat. Aber gleichzeitig muss ich auch betonen, dass solche Fälle nicht unser tägliches Brot sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, als selbst ernannter Papst oder als Moralapostel überall, wo einer von der ordnungspolitischen Linie abweicht, ein Manifest oder eine Bulle zu erlassen.

Sie haben von Ihrer Linie gesprochen. Was ist die grösste Gefahr für diese Linie?

Wir dürfen selbst in unseren Studien und Vorträgen nie in die Gefahr kommen, in eine Art etatistische Richtung einzuschwenken. Wir sollten nicht in die Falle geraten, dass man dem Staat diese und jene zusätzliche Aufgabe zuschreibt. Das ist eine inhärente Gefahr von Reform-politik. Zum Schluss ruft immer einer nach der staatlichen Lösung.

Sie müssen sich heute einem Bundesrat mit Christoph Blocher im Anti-Etatismus näher fühlen, als das vielleicht im alten Bundesrat der Fall gewesen ist. Ihr Befinden in der neuen politischen Grosswetterlage hat sich eher verbessert.

Dass sich die politische Grosswetterlage eher verbessert hat, kann man sagen. Ich bin aber ein skeptischer Mensch. Man muss nun ein wenig Abstand nehmen und überlegen. Die wirklichen Tests werden noch kommen. Der Liberalisierungs- und Reform-Record der Schweiz ist noch nicht um sehr viel besser. Zudem verläuft die historische Bewegung komplex und ist nicht einfach durch das Auswechseln von zwei Personen zu verändern. Das Interessanteste ist, dass zum ersten Mal eine ernsthafte Diskussion über die Konkordanz geführt wird. Zwar erweisen alle der Konkordanz fast vor jedem Satz die Reverenz. Aber wenn man eine Sache andauernd preisen muss, ist sie schon in grosser Gefahr. Ich glaube, dass Marina Masoni Recht hat und sich eben doch mit der Zeit eine andere Regierungsform herausbilden wird, die stärker ein Wettbewerbs- und Austauschelement enthält.

Das Heil kommt durch das Wachstum, sagen alle: Verstehen alle dasselbe darunter?

Das sagt sogar die Linke. Und will dann Windrädchen auf dem Jura aufstellen. Deswegen sind manche Wachstumsrezepte doch etwas problematisch.

Sie waren auch ein Linker. Viele Leute bringen das heute nicht mehr zusammen: Sie als ehemaliger Studentenführer heute in dieser Position.

Das ist nun wirklich kalter Kaffee. Sie sollten das Alter ehren.

Sind Sie heute klüger oder nur älter?

Ich denke, dass ich vor allem anders bin. Man hat mich gefragt: Werden Sie sich nicht mehr verändern? Und ich habe gesagt: Ich hoffe schon sehr, dass ich mich ändere. Das ist das Leben. Aber gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich mich je wieder in eine etatistische Richtung bewegen könnte.

Wir hören, dass Ihr Think-Tank sich neue Geldquellen erschliessen will. Stimmt das?

Die von den Stiftern zugesagten Mittel reichen nochmals für gut drei bis vier Jahre. Aber es besteht Konsens, dass die Stiftung langfristig breiter abgestützt sein sollte. Eine der Möglichkeiten wäre es, den Kreis der Stifter zu erweitern. Wie ich schon sagte, gibt es Interessenten.

Der Staat könnte helfen.

Dass Avenir Suisse mit Aufträgen von Bundesämtern finanziert werden könnte, halte ich in der Schweiz für wenig wahrscheinlich. Der Markt ist zu klein, und man verlöre sofort die Unabhängigkeit. Und wenn man viele kleinere Unternehmen beteiligen würde, käme meines Erachtens nicht genug Geld zusammen.

Sie haben erwähnt, dass die von den Stiftern zugesagten Mittel beim derzeitigen Budget bis etwa 2007 reichen würden. Letztes Jahr wurde Ihr Vertrag bis Ende 2004 erneuert. Wieso die Diskrepanz?

Es war von Anfang an geplant, nach drei Jahren operativer Tätigkeit eine Evaluation durchzuführen. Dies geschieht zurzeit unter der Leitung von Professor Fels vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Mein Vertrag lief aber Ende 2003 aus. Mit Walter Kielholz habe ich mich dann im letzten Sommer geeinigt, den Vertrag um ein Jahr zu verlängern. So hat die Stiftung nach der Auswertung der Evaluation durch den Stiftungsrat im Frühling und wahrscheinlich Sommer 2004 volle Dispositionsfreiheit und vor allem genügend Zeit, auch die personellen Weichen für die Zukunft zu stellen.

Ist die Evaluation für Sie eine unangenehme Prüflingssituation?

Bei der Evaluation geht es um zwei Fragen. Erstens die Frage nach unserer und damit auch meiner Leistung: Wie wurde der Auftrag erfüllt? Konkret: Ist Avenir Suisse nach drei – in Wirklichkeit sind es ja nur zweieinhalb – Jahren in der wirtschaftspolitischen Diskussion zu einer relevanten Stimme geworden? Für die Beantwortung dieser Frage sind wir bestens dokumentiert. Wir machen ja ein ausführliches vierteljährliches Reporting für die Stifter und werten auch laufend die Medienresonanz aus. Dabei werden auch quantitative Indikatoren betrachtet. Wenn man zum Beispiel unter Google den String «Avenir Suisse» eingibt, dann gibt es etwa 2500 Nennungen, und wenn man das Gleiche mit dem Begriff «Economiesuisse» macht, dann sind es ein wenig mehr als 5000 Nennungen. Ich finde dieses Verhältnis von 1:2 ziemlich gut.

Und die zweite Evaluationsfrage?

Zweitens geht es um die Grundsatzfrage nach den Möglichkeiten, Aufgaben und Positionierung einer Institution wie Avenir Suisse im aktuellen schweizerischen Umfeld. Dies betrifft nicht unsere Leistungen, sondern die ursprünglichen und heutigen Intentionen der Stifter. Dafür hat Professor Fels Interviews durchgeführt bei den Stiftern, bei einzelnen Politikern, bei Verbänden und auch im wissenschaftlichen Umfeld.

Wenn nun aus dieser Evaluation heraus die bisherigen oder neue Geldgeber verlangten, dass Avenir Suisse seiner bestehenden Ideenwerkstatt eine Lobby-Abteilung hinzufügen müsste, würden Sie dann bleiben wollen?

Die Frage ist zu hypothetisch, um beantwortet zu werden.

Aber eine Arbeitsteilung zwischen Avenir Suisse und dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse als Lobby-Arm wäre doch denkbar?

Eine Zusammenarbeit in dieser Richtung gibt es schon. Das ist ja auch sozusagen die ureigenste Aufgabe von Economiesuisse. Und wir stellen gerne unsere Studien, Abklärungen, Ideen zur Verfügung.

Wie stünden Sie zu einer Fusion von Avenir Suisse und Economiesuisse?

Bitte vergessen Sie nicht, dass wir etwas weniger als zehn Mitarbeiter sind und seit rund drei Jahren existieren. Das Wort «Fusion» ist vor diesem Hintergrund ein bisschen absurd. Aber abgesehen davon, würde eine Integration von uns in Economiesuisse keinen Sinn machen. Avenir Suisse verlöre dann Unabhängigkeit wie Glaubwürdigkeit als Think-Tank. Und billiger würde es bei unserer bescheidenen Infrastruktur auch nicht – was ins Gewicht fällt, sind ja die Personalkosten und die Projektaufträge.