Elon Musk war dieser Tage in Deutschland. Unter anderem reiste er nach Tübingen zur Biotech-Firma Curevac. Diese entwickelt gerade einen vielversprechenden Impfstoff gegen Covid-19, sie ist daher in aller Munde, und Musk präsentierte bei dieser Gelegenheit eine Maschine, die so ein Vakzin vollautomatisch massenproduzieren kann.

Jetzt macht er also auch in Biotechnologie.

Wenige Tage zuvor, am Freitag, hatte Elon Musk bei einem Videoauftritt ein Schwein präsentiert, dem ein Chip ins Gehirn eingebaut worden war: Das Neuralink genannte Ding soll die Aktivitäten des Tiers erstens wahrnehmen und zweitens später steuern. Kurz: Musk lässt an einem Verbindungsstück zwischen Gehirn und Computer tüfteln.

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Noch etwas früher, im Mai 2020, führte eine weitere Firma des Milliardärs – SpaceX – erstmals einen privaten Weltraumflug mit Menschen durch. Nicht zu vergessen ein anderes Projekt des wahrlich Umtriebigen: der Hyperloop. Dabei wird ein Zug in Höchsttempo – nahe Schallgeschwindigkeit – durch eine Vakuumröhre geschossen. Soweit die Idee, an deren Umsetzung Musk derzeit in Texas arbeiten lässt.

Im Hauptberuf leitet der südafrikanisch-kanadisch-amerikanische Unternehmer aber bekanntlich Tesla, eine Automobilfirma, die bald auch Lastwagen herstellen will. Dies nachdem Musk seine erste Million mit einer Internet-Content-Firma (Zip2) und seine erste Multimillion mit einem Online-Zahlungsanbieter (PayPal) gemacht hatte. 

Der Mann ist also zweifelsfrei ein unternehmerisches Multi- und Megatalent. Aber gerade im Fall von Tesla spürt man, was er speziell gut verkaufen kann: Firmen. Respektive Firmenanteile, also Aktien.

Der Börsenkurs des E-Auto-Herstellers ähnelte in den letzten Wochen der Flugbahn einer SpaceX-Rakete, so steil ging es nach oben (zumindest bis zur Bremsung am Donnerstag). Seit Jahresbeginn hat sich der Tesla-Titel fast verfünffacht.

367'000 zu 10'740'000

Der Firmenwert liegt nun über 400 Milliarden Dollar, das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 1'100, und wenn sich dieser Aktienpreis je wieder verzinsen soll, muss Tesla massiv mehr «disrupten» als nur den Markt für Privatautos (eine Berechnung dazu finden Sie hier). Zur Einschätzung: Letztes Jahr setzten Teslas «Gigafactories» (Firmenbezeichnung) 367'000 Autos ab; Toyota verkaufte mit all seinen Marken gut 11 Millionen Stück.

Und so zeigt sich, was Elon Musk wirklich im ganz grossen Stil verkauft: Fantasie.

Raumfahrt, E-Mobilität, Raketen-Eisenbahnen, Mensch-Maschinen-Chips und jetzt sogar Covid19-Impfung: Er präsentiert Produkte, die eine grosse Zukunft andeuten. Eine Zukunft, die unseren Science-Fiction-Vorstellungen viel mehr ähnelt als das, was Apple, Amazon oder Alphabet im Angebot haben.

Das ist auch völlig in Ordnung: Der Aktienmarkt lebt davon, dass er Zukunftshoffnungen einpreist. Also bemühen sich alle, die auf diesem Markt etwas zu verkaufen haben, die entsprechenden Hoffnungen anzuheizen.

Dass dies in einen fatalen Teufelskreis führen kann, zeigt eine völlig andere Firma: Wirecard. Das deutsche Unternehmen hatte ganz zu Beginn ein valables und konkretes Service-Angebot – Acquiring. Dann kam es in immer höhere Sphären: Es wurde zum vielversprechendsten Fintech Deutschlands, also zum Hoffnungsträger. Und damit auch zum Börsen-Highflyer. Worauf das Management offenbar in Versuchung geriet, die zunehmend überzogenen Erwartungen aktiv zu erfüllen; zum Beispiel, indem es die Bewertung von Tochterfirmen aufblähte. Auch wurden steigendem Tempo neue Produkterfolge heraustrompetet.

Was wiederum die Fantasie weiterer hoffnungsvoller Anleger anregte, von denen wohl die wenigsten wussten, wie Wirecard Geld verdient und was Acquiring ist. Irgendwas mit Online-Payments. 

Was blieb, war Papier

Am Schluss hatten die vorhandenen Werte überhaupt nichts mehr mit den Börsenträumen zu tun. Als die Blase im Frühsommer 2020 platzte, wurde klar, dass die Tochterfirmen, die Kunden und die Geldströme zumeist nur auf dem Papier existiert hatten. Das Versprechen war zum Verbrechen geworden.

Damit eines klar ist: Mit Betrug und Illegalitäten hat Elon Musk nichts zu tun. Es schweben nicht einmal Verdächtigungen über ihm (keine Selbstverständlichkeit für Unternehmer dieser Grössenordnung). Und er schafft in seinen Gigafabriken reale Werte.

Doch die Kursentwicklung der letzten Wochen lässt wieder einmal den schönsten wie gefährlichsten Faktor der Aktienmärkte spüren: nämlich dass das, was an Substanz vorhanden ist, massiv überdeckt sein kann vom Schaum der Fantasie.

Es ist klar, dass jeder Börsenkonzern diese Fantasie anregen will. Elon Musk macht vor, wie man das mit einer Mischung aus Kreativität und viel Optimismus auf die Spitze treibt.

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