57 Jahre hatte es kein amerikanisches Automobilunternehmen gewagt, an die Börse zu gehen. Detroit, einst stolze Motor City Amerikas, galt als Symbol des Niedergangs einer ganzen Industrie. Automobile kamen eher aus Japan, Deutschland oder Korea.

Doch das juckte Elon Musk reichlich wenig. Als er am 29. Juni 2010 an die Börse ging, hatte er eine grosse Vision vor Augen. Der 39-Jährige wollte die Autowelt revolutionieren, indem er sie elektrifizierte. Mit seinem Konzern Tesla.

Heute, genau zehn Jahre später, ist Musk ganz oben angekommen. Er ist Chef des grössten Autoherstellers der Welt. Notorischer Innovationsdrang, unbändiger Visionswille, hemdsärmeliger Pragmatismus, selbstzerstörerisches Durchhaltevermögen und grenzwertige Chuzpe haben sein Unternehmen zum weltweit wertvollsten der Branche gemacht.

Die fünf Eigenschaften sind ganz sicher hilfreich, um im Umfeld von Digitalisierung, ökonomischem und ökologischem Umbruch eine neue Nummer eins zu erschaffen. Wer die nächste Aktienerfolgsgeschichte dieser Art finden will, muss auf das Tesla-Gen achten.

Zu gerade einmal 17 Dollar pro Stück brachte Musk die Aktie des E-Autobauers an den Markt. Wer damals zeichnete und die Aktie, die aktuell über 1500 Dollar notiert, noch heute hält, konnte ein jährliches Plus von mehr als 50 Prozent machen. Insgesamt sind es nach zehn Jahren mehr als 7000 Prozent.

Management à la Musk

Bereits am ersten Handelstag schoss die Aktie auf knapp 24 Euro in die Höhe. Dennoch trauten die wenigsten Experten Musk einen Erfolg zu. Er wurde von Konkurrenten verspottet und immer wieder von Spekulanten attackiert. Zeitweise waren 70 Prozent aller verfügbaren Tesla-Aktien in den Händen von Hedgefonds.

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Doch Musk liess sich nicht beirren. Mal beschimpfte er die sogenannten Leerverkäufer, auf Englisch Shortseller, via Twitter, ein anderes Mal machte er sich über die Spekulanten lustig und schickte ihnen in Anspielung auf ihr Short-Selling kurze Hosen. Wenn er mit den Märkten kommunizierte, versprach er mehr, als er liefern konnte.

Anstieg Tesla-Aktien verblüffet Analysten

Aber irgendwann wurden die Versprechen dann doch eingelöst und das mit einer Mischung aus Beharrlichkeit und Pragmatismus. Als die Produktion stockte, baute er einfach ein Zelt neben die eigentliche Produktionshalle. Als das Geld auszugehen drohte, wurde kurzerhand an weniger zentralen Stellen drastisch gekürzt.

Der unerbittliche Anstieg der Tesla-Aktien hat viele Analysten verblüfft. Schliesslich wird von der Börse jedes produzierte Auto mit mehr als 400‘000 Dollar bewertet. Gerade im Vergleich zu Volumenherstellern wie Volkswagen oder Toyota erscheint das astronomisch.

Doch die angestammten Autobauer müssen viele Altlasten mit sich herumschleppen, die ein Management à la Musk nicht nötig machen. In der Corona-Krise liess er trotz Lockdown weiter produzieren und konnte im zweiten Quartal 90‘000 Fahrzeuge ausliefern.

Das Universum des Elon Musk

Der Internetmilliardär Elon Musk sieht sich als Vordenker und Tausendsassa - und er will nach ganz, ganz oben. Seine Projekte sind gewagt und visionär.

Nikola Tesla, Namensgeber von Elon Musks Autofirma, wurde bekannt als Erfinder eines Systems zur Übertragung von Energie. Mit solchen Detailfragen gibt sich Musk nicht ab - er sucht sich Grundlegendes aus, um sich daran abzuarbeiten. Am deutlichsten wird das in seiner 2002 gegründeten Raumfahrtfirma SpaceX, deren Idee die Kolonisierung des Mars sein sollte und vielleicht noch ist. In der Zwischenzeit betreibt sie kommerzielle Raumflüge und versorgt die Raumstation ISS.

Tesla gründete Musk 2003 mit Gleichgesinnten und der verkündeten Motivation, das E-Auto massentauglich zu machen und die Energiewirtschaft der Erde von fossilen Brennstoffen hin zu Solarenergie umzubauen. Die Firma startete 2008 mit einem offenen Sportwagen und will mit seinem Model 3 den Massenmarkt in Angriff nehmen.

Den Kreislauf schliessen

Die 2006 mit zwei Cousins gegründete Solar-City liefert und installiert Anlagen zur Gewinnung von Solarstrom für Haushalte, unterhält aber auch Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Tesla hat SolarCity übernommen, um einen Energiekreislauf abbilden zu können: Solar-City liefert die Mittel zur Erzeugung von Strom, die Tesla-Tochter Tesla Energy, 2015 gegründet, liefert Stromspeicher, also Batterien für Haushalte, Tesla selbst produziert mit ihren Autos wichtige Strombezüger.

Bereits 2013 trat Musk mit seinem Konzept Hyperloop an die Öffentlichkeit: In einer beinahe luftleeren Röhre sollen Passagier- oder Frachtkapseln fast mit Schallgeschwindigkeit reisen; konkret sprach Musk von einer Verbindung zwischen Los Angeles und San Francisco. Auf dieser Strecke ist eine klassische Hochgeschwindigkeits-Bahnlinie geplant. Hyperloop baut gegenwärtig eine Teststrecke Firmengelände in Toulouse.

OpenAI (AI steht für Artificial Intelligence) ist nicht gewinnorientiert und erforscht künstliche Intelligenz, die Organisation wurde Ende 2015 gegründet.

Reich wurde der heute 49-Jährige mit seinen ersten Gründungen: Zip2 von 1995 und X.com von 1999. Vor allem Letztere, die ein Online-Zahlungssystem entwickelte und durch eine Übernahme PayPal ins Portfolio bekam, wurde zur Goldgrube für Musk, als eBay 2002 PayPal kaufte.

Analysten hatten lediglich mit gut 70‘000 gerechnet. Ausserdem überraschte Musk am Donnerstag mit der Ankündigung, für die Biotech-Firma CureVac RNA-Minifabriken zu bauen. Auch hier blitzte wieder die Strahlkraft von Musk auf – das Tesla-Gen.

Nikola bringt Investoren zum Träumen

Auf einen Unternehmer lässt sich das Schema Tesla ganz besonders gut projizieren. Auf Trevor Milton, den Vorstandschef von Nikola. Denn er selbst ist es, der die Parallelen zu Musk und Tesla ständig unterstreicht, ja geradezu beschwört.

Sein Unternehmen schickt sich an, eine Art elektrische Lkw-Revolution anzuführen. Seine Firma Nikola will Trucks bauen, die mit dem Brennstoffzellenantrieb, also auf Wasserstoffbasis, unterwegs sind. Milton ist, genau wie Elon Musk, ein begnadeter Verkäufer seiner Idee, seiner Visionen.

Und er weiss natürlich, dass alternative Antriebe gerade der Stoff sind, aus dem Investorenträume bestehen. Und so hat er es fertiggebracht, beim Börsengang vor einigen Wochen eine so hohe Nachfrage nach Nikola-Aktien zu entfachen, dass das Unternehmen inzwischen stolze 25 Milliarden Dollar wert ist.

Elon Musk ohne Konkurrenz

Auch Musk gelang vor zehn Jahren ein erfolgreicher Börsengang vor allem deshalb, weil er seine Vision zu verkaufen wusste. Doch im Unterschied zu Tesla hat Nikola noch gar kein fertiges Produkt anzubieten. Bislang ist kein einziger Lkw gebaut, geschweige denn verkauft worden.

Teslas Geschäftsmodell war im Jahre 2010 schon konkreter. Es fuhren bereits die ersten Autos auf Amerikas Strassen. Man konnte also bereits sehen und erleben, wohin Elon Musk sein Unternehmen führen wollte.

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Und: Er war damals so früh dran mit seiner Idee vom elektrischen Automobil, dass nirgendwo ein echter Konkurrent auszumachen war, der die gleiche Idee verfolgt, der zeitnah das gleiche Produkt anbieten wird. Bei den wasserstoffbetriebenen Lkw von Nikola ist das anders. Es ist kein Geheimnis, dass letztlich alle grossen Hersteller der Branche das Thema Wasserstoff für sich entdeckt haben.

Nur ist es so, dass niemand anderes es mit einer solchen Chuzpe verfolgt, vorantreibt und präsentiert wie Milton. Der jedoch muss erst noch beweisen, wie innovativ sein Unternehmen tatsächlich ist und wie gross sein Durchhaltevermögen ist, wenn Branchengrössen wie Daimler, Volvo oder Dongfeng mit ihren H2-Plänen Ernst machen.

Keimzelle eines neuen Megatrends

Mehr noch als Trevor Milton besitzt Ethan Brown das Tesla-Gen. Dabei hat Brown nichts mit Autos zu tun. Doch der 48-Jährige beschäftigt sich mit etwas ähnlich grundsätzlichem Neuem, wie es die Elektromobilität vor zehn Jahren war. Mit Fleisch, das wie Fleisch schmeckt, aber kein Fleisch ist.

Tracy Brown küsst ihren Mann Ethan Brown, CEO von Beyond Meat, bei dessen Börsengang am 2. Mai 2019.in New York.

Unterfüttert Chuzpe mit Taten: Beyond Meat-Gründer Ethan Brown mit seiner Frau Tracy beim Börsengang seiner Firma im Frühling 2019.

Quelle: Keystone

Sein Unternehmen Beyond Meat ist sozusagen die Keimzelle eines neuen Megatrends. Die Firma stellt Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis her – ohne tierische Zutaten. Damit hat die US-Firma eine Art Veggie-Hype ausgelöst.

Wobei die Beyond-Meat-Produkte gar nicht auf Vegetarierer oder Veganer zielen. Sondern vielmehr Menschen, die gerne Fleisch essen – allerdings mit einem zunehmend schlechteren Gewissen.

Der Beyond-Burger etwa verspricht 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen, und seine Produktion soll deutlich weniger Wasser und Energie verbrauchen als ein 250-Gramm-Exemplar aus Originalfleisch.

Inzwischen ist zwar auch die Aktie von Beyond Meat kein Schnäppchen mehr. Das Unternehmen ist mit fast neun Milliarden Dollar stolz bewertet. Doch es hat bisher immer geliefert, also die hohen Erwartungen der Investoren erfüllt.

Gründer Ethan Brown ist zwar ebenfalls nicht gerade der zurückhaltende Typ. Aber seine Chuzpe wird mit Taten unterfüttert. Ähnlich wie Elon Musk, musste er sich häufig den Vorwurf gefallen lassen, die Aktien seines Unternehmens seien völlig überbewertet. Doch Brown antwortete mit guten Geschäftszahlen oder Nachrichten.

Neue Methoden im Kampf gegen Krebs

Auch in der Gesundheitsbranche gibt es Firmen mit dem Tesla-Gen. Immer wieder nennen Experten die deutsche Biotech-Firma Biontech.

Auch wenn Gründer und Vorstandschef Ugur Sahin nicht so laut wie Musk auftritt, hat auch Sahin grosse Visionen. Er hat den Kampf gegen die tödliche Krankheit Krebs zum Menschheitsprojekt gemacht.

Mithilfe von mononuklearen Antikörpern will er eine Krebsmedizin auf jeden Menschen zugeschnitten entwickeln. Die Tumorzellen sollen nicht mehr vernichtet werden, indem mit Chemotherapie der ganze Körper eines Menschen vergiftet wird, sondern nur noch die bösen Zellen sollen adressiert werden.

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Wie pragmatisch Sahib denkt, wurde deutlich, als das Coronavirus über die Welt kam. Da schwenkte Biontech kurzfristig um und setzt nun mRNA für einen Impfstoff ein.

Sollte das gelingen, könnte Biontech der neuen Technologie zum Durchbruch verhelfen und nicht nur die Impfstoffentwicklung neu konzipieren, sondern auch auf anderen Medizinfeldern. Die Aktie hat sich seit dem Börsengang im vergangenen Oktober vervierfacht, das Unternehmen ist 13 Milliarden Euro schwer.

Gemessen an den Umsätzen von gut 100 Millionen Euro ist das abenteuerlich hoch. Doch das spricht nicht gegen eine langfristige Erfolgsstory, wie das Vorbild Tesla zeigt.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel «Vorbild Tesla – Diese Aktien sind die neuen 7000-Prozent-Kandidaten».