BILANZ: Kürzlich sagte ein Bilderproduzent, er liefere den ­«visuellen Puls der Welt», er kreiere ein Gedächtnis der Welt. Wissen Sie, wer das sein könnte?
Wim Wenders: Ich wars sicher nicht. Ich würde auch sagen: Das ist Wishful Thinking.

Es war der CEO von Instagram, Kevin Systrom. Er ist ein ­Bildernarr – wie Sie.
Ein Narr ist der gewiss nicht. Und ich mache eher das Gegenteil von dem, was Instagram macht. Das ist ein rasches Informationsmedium und hat mit meiner Idee von Fotografie wenig zu tun. Ich will die Menschen mit meinen Bildern zum Einhalt bringen. Sie sind nicht für den raschen Konsum gedacht. ­Insofern bin vielleicht ich der Narr.

Haben Sie ein Instagram-Feed?
Ich machte das eine Weile, hörte dann aber auf, weil ich merkte, wie einen das vereinnahmen kann. Im Grunde habe ich gegenüber den sozialen Medien ein prinzipielles Misstrauen. Ich kann meinen – echten – Freunden Bilder schicken und tue das auch fleissig, ohne gleich von einer Bilderlawine mitgerissen zu werden und ohne ein Netz im Netz zu benötigen.

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Sie fotografieren analog. Nutzen Sie Ihr Handy nicht auch zum Fotografieren?
Klar, schauen Sie, ich habe 3270 Bilder da drauf, nur von diesem Jahr. Ich habe heute etwa 20 Bilder rausgejagt. Darunter war der Gletscher dahinten, für meine Frau, damit sie weiss, worauf ich jeden Morgen hier in Saas-Fee schaue (Er gab dort an der European Graduate School einen Kurs, die Red.). Man kann mit dem Ding Bilder machen, aber nicht wirklich «Fotos». Foto­grafie ist etwas vollkommen anderes. Das ist ein Medium, auf das ich mich auf eine andere Art einlassen will, als ich es mit meinem Handy oder meinem iPad tun kann. Da wird alles ­eingeebnet.

Trotzdem sind alle fasziniert davon, Bilder zu machen und zu versenden. Wie erklären Sie sich das?
Es ist teils Narzissmus, wenn man überall drauf sein will, teils auch eine Form der Verarbeitung. Die Leute machen Fotos, um etwas zu verarbeiten. Genauer gesagt: Das Handy oder das iPad nehmen ihnen die Verarbeitung ab.

Ist das eine Konkurrenz für Sie? Man könnte in derselben Zeit ja Kinofilme und Fotoausstellungen von Ihnen ­besuchen.
Einst wurde Fernsehen als Konkurrenz zum Radio betrachtet, dann Internet als Konkurrenz zum Fernsehen oder Video zum Kino. Doch alle leben inzwischen friedlich nebeneinander …

… und versuchen, einander den Rang abzulaufen. Vor genau 40 Jahren machten Sie den Film «Im Lauf der Zeit», einen ­Abgesang aufs Kino. Sie dachten damals, das Kino werde es nicht bis ins nächste Jahrhundert schaffen.
Ich freue mich, dass ich mich getäuscht habe. Das Kino, überhaupt unsere ganze Bilderwelt, hat sich mit der digitalen Revolution komplett neu erfunden. Wir leben in einer Zukunft, die sich damals kein Mensch hätte ausmalen können.

Das Kino gilt nicht mehr als Leitmedium. Was ist an seine Stelle getreten?
Heute sind eher Werbung oder Fernsehserien die Leitmedien. In den US-Serien arbeiten die besten Regisseure und Schauspieler, weil sie dort mehr Entfaltungsmöglichkeiten finden als im Blockbuster-Kino, das sich mit formelhaftem Kino und endlosen Wiederholungen begnügt. Wirklich originelle Filme gibt es nur noch selten. Dass Serien so erfolgreich sind, hat auch damit zu tun, dass sie das Bedürfnis des Publikums befriedigen, tiefer und länger in Geschichten einzutauchen, als sie es im Kino tun können. Ein Zeichen dafür, dass das Erzählen immer noch ­gefragt ist und dass die Leute doch nicht so eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben, wie gemeinhin angenommen wird.

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Sie, der Meister des elegischen Films, setzen neuerdings auf 3-D-Technologie. Gehört diese nicht eher ins Actionfach?
Das ist ein tragischer Irrtum. Ich sehe mir diese Filme zwar auch an, weil ich an der Technologie interessiert bin, aber laufe dann oft enttäuscht hinaus, weil das Medium mal wieder ver­gewaltigt wurde. Es ist eine Katastrophe, dass der Actionfilm diese wunderbare Technologie immer weiter verhunzt. 3-D wird viel zu wenig als das wahrgenommen, was es sein sollte: ein neues zeitgenössisches Medium.

Sie haben den Dokumentarfilm «Pina» und den Erzählfilm «Every Thing Will Be Fine» damit gedreht. Worin liegt für Sie der Reiz?
Menschen haben in 3-D eine ganz andere Präsenz als im herkömmlichen Kino. Sie werden von unserem Gehirn auch anders wahrgenommen. Das Kino ist eigentlich nach wie vor eine Verlängerung der Höhlenmalerei, man projiziert Bilder auf eine Leinwand. Erst 3-D lässt diese Leinwand verschwinden und macht daraus ein Fenster in die Welt.

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Eine zweite erstaunliche Entwicklung ist, dass sich ausgerechnet der grosse Geschichtenerzähler des deutschen Kinos mit Dokumentarfilmen wie «Das Salz der Erde», Ihrer Hommage an den Fotografen Sebastião Salgado, der Wirk­lichkeit zuwendet.
Die Wirklichkeit fasziniert mich immer mehr, vielleicht gerade weil sie vom Kino und von der Kunst zurzeit so vernachlässigt wird. Je mehr das Mainstream-Kino in die Fantasy abrutscht, desto dringlicher kommen mir Filme vor, die sich der Wirklichkeit widmen. Ein Dokumentarfilm kann heute ein gewaltiges Abenteuer sein, und kreative Arbeiten können die letzten weis­sen Flächen auf der Landkarte unseres Planeten sein. Mein Film «Pina» über die Choreografin Pina Bausch war für mich eine Reise in ein Land der Schönheit, das zuvor viel zu wenig Leute gekannt hatten. Für «Buena Vista Social Club» nach Kuba zu diesen vergessenen alten Männern zu fahren und mitzuerleben, wie sie nochmals zu Beatles wurden, das war ebenfalls grandios.

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Sie werben für Eiscrème und Sonnenbrillen, insgesamt machten Sie gegen 80 TV-Commercials. Sie machen den Spagat.
Sehen Sie, das hält beweglich. Ich bin bekennender Workaholic. In vieler Hinsicht ist der Werbefilm zu dem geworden, was der künstlerische Kurzfilm und in den achtziger Jahren das Musikvideo mal waren: ein Experimentierfeld. Beim Werbefilm kann ich neue Techniken erproben und bekomme Geräte zur Ver­fügung gestellt, die ich mir für einen Spielfilm gar nicht ­leisten könnte: avancierte Kamerasysteme und neueste Bildbearbeitungstools. Ausserdem hat der Werbefilm den ­Vorteil, dass man in einer Minute den ganzen Kreislauf eines Films durchmacht: vom Schreiben über das Casting, den Dreh, den Schnitt zur Musik, Bildbearbeitung, Lichtbestimmung und Postproduktion. Man bewegt sich in zwei Wochen in einem Universum, in dem man sich sonst zwei Jahre lang aufhält. ­Abgesehen davon ist es heute der Werbefilm, der zu einem ­grossen Teil den visuellen Geschmack prägt, und nicht mehr so sehr das Kino.

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Und das sagt der Mann, der in den achtziger Jahren mit «Der Himmel über Berlin» und «Paris, Texas» Dutzende von Werbe­filmen beeinflusste. Betrübt Sie die Entwicklung nicht?
Warum? Das ist einfach eine Tatsache. Ich bin froh um diese Spielwiese, und ich habe meine besten Mitarbeiter bei Werbefilmen entdeckt. Aber ich mache keine Werbung für Produkte, für die ich mich schämen müsste, und liefere handwerklich und ästhetisch gute Arbeit. Ich habe dabei viel gelernt. Zum Beispiel: mich kurz zu fassen.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen «BILANZ» (Ausgabe 18), erhältlich am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.