Wie viel Raum sollten Anlegerinnen derzeit Rohstoffen geben in ihrem Portfolio? Und welche Kategorie dürfte sich am stärksten entwickeln?
Die erwartete wirtschaftliche Erholung aufgrund der Abflachung der Corona-Pandemie hat bei einigen Rohstoffen einen regelrechten Boom ausgelöst.

Für gewisse Industriemetalle wie beispielsweise Kupfer sehen wir längerfristig einen weiteren Preisanstieg aufgrund erhöhter Nachfrage von Seiten der E-Mobilität oder aus dem Bereich der erneuerbaren Energien durchaus als berechtigt.

Allerdings stellen wir auch fest, dass viel spekulatives Kapital in Industriemetalle geflossen ist. Energierohstoffe wie Öl dürften zwar von der wirtschaftlichen Aktivität profitieren, das Angebot von Seiten der erdölproduzierenden Länder dürfte sich jedoch ebenfalls erhöhen und einen weiteren Preisanstieg verhindern.

Wir bleiben daher aus Risikoüberlegungen bei den Rohstoffen ausser Gold an der Seitenlinie. Wir glauben, dass der Goldpreis trotz des aktuellen Gegenwindes aufgrund des stärkeren US-Dollars mittel- bis langfristig ansteigen wird.

Unser Optimismus basiert dabei auf mehreren Gründen: So sind die Schuldenberge vieler Staaten durch die Corona-Hilfsprogramme enorm gestiegen und werden es auch weiter tun.

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Ein nennenswerter Abbau dieser ist nicht nur eine Herkulesaufgabe, sondern könnte Generationen beschäftigen. Auch aus diesem Grund führen die Notenbanken ihre ultra-lockere Geldpolitik fort. Gold sollte daher als Sachwert und wertstabile Anlage profitieren und darf damit in einem diversifizierten Portfolio mit einem Gewicht zwischen 5% und 10% nicht fehlen.

 Valiant-CIO Renato Flückiger

Renato Flückiger ist Leiter Investment und Chefökonom der Bank Valiant.

Quelle: ZVG

Wie lautet Ihre Prognose für die europäischen Börsen – werden sie auch dieses Jahr schlechter abschneiden als die Märkte in den USA und den meisten asiatischen Ländern?
Der europäische Aktienmarkt dürfte durch den ausgeprägten Exportfokus überdurchschnittlich von der globalen Wachstumsbeschleunigung profitieren, was für den amerikanischen Markt mit starker Binnenmarktausrichtung weniger zutrifft.

Die weitaus grössten fiskalpolitischen Stimulus-Pakete fallen jedoch in den USA an, die die amerikanische Wirtschaft und somit auch die US-Börse kräftig unterstützen werden.

In diesem Jahr dürfte es somit keinen eindeutigen Gewinner zwischen den USA und Europa geben, sondern es ist mit einem Kopf-an-Kopf Rennen zu rechnen. Anlagepolitisch haben wir beide Regionen gleichermassen übergewichtet.

Da China bereits die grösste Erholungsphase hinter sich hat und dadurch weniger zusätzliches Wachstumspotential aufweist, dürften sich die asiatischen Aktienmärkte 2021 weniger gut als die Börsen in Europa und den USA entwickeln.

In den USA steigen die Zinsen – welche Chancen und Gefahren ergeben sich daraus für die Anleger?
Der Zinsanstieg der letzten Wochen ist primär das Resultat von verbesserten ökonomischen Aussichten und den dadurch angestiegenen Inflationserwartungen. Jedoch sollte dem zu erwartenden temporären «Inflationsbuckel» aufgrund Basiseffekten des letzten Jahres nicht allzu grosse Beachtung geschenkt werden.

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Dank der Fortschritte bei den Impfkampagnen sowie der Doppelstimulierung durch Regierungen und Notenbanken gehen wir davon aus, dass die wirtschaftliche Erholung in den nächsten Monaten weiter an Dynamik gewinnen wird.

Entsprechend dürften sich Sachwerte, welche einen moderaten Anstieg der Inflation deutlich besser verkraften sollten, positiver entwickeln als Nominalwerte.

Allen voran die tiefrentierenden und zinssensitiven Staatsanleihen erachten wir in diesem Umfeld als wenig attraktiv. Zu favorisieren sind hingegen Realwerte wie Aktien mit Fokus auf Klein- und mittelkapitalisierte Werte, Wandelobligationen und inflationsgeschützte Anleihen.

Geht der Zinsanstieg weiter?
Ich glaube unter den aktuellen Voraussetzungen schon, jedoch nach wie vor gemächlich. Wir sind weit weg von einem Zinsschock. Es gilt jedoch zwischen den einzelnen Regionen und Laufzeiten stark zu differenzieren.

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Da die Leitzinsen der Notenbanken auf absehbare Zeit bei Null verankert bleiben werden, ist vor allem der Anstieg bei den längeren Laufzeiten zu beobachten.

Das bedeutet, die Zinskurve wird steiler. Klare Unterschiede stellen wir ebenfalls zwischen den USA und Europa fest: Während in den USA die Konjunktur durch Helikoptergeld (Paychecks) viel stärker stimuliert wird, bewegen wir uns in Europa immer noch in einer gewissen Lethargie, die Erholung verzögert sind ins zweite Halbjahr 2021 und zum Teil sogar ins 2022. Deshalb erwarten wir in Europa einen langsameren Zinsanstieg als in den USA.

Die asiatischen Aktienmärkte dürften sich 2021 weniger gut als die Börsen in Europa und den USA entwickeln.

Welche vier Schweizer Titel gefallen Ihnen derzeit besonders?
LafargeHolcim
: Der Zementkonzern macht Fortschritte in der Neuorientierung. Dies mit geschickten Unternehmenskäufen, welche nicht nur ein höheres Wachstum, sondern auch steigende Margen erhoffen lassen.  Auch der neue Nachhaltigkeitsgedanke mit herausfordernden Zielen beim CO2 Ausstoss, für mehr Recycling von Abfall und reduziertem Wasserverbrauch kommt bei Anlegern gut an.  Zudem wird er von möglichen Infrastrukturprogrammen der verschiedenen Regionen als Profiteur gesehen.

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Novartis: Die Aktie konnte aufgrund der Reflations-Rotation nicht mit der Marktperformance mithalten. Die Bewertung ist dadurch attraktiver geworden. Die Medikamentenumsätze litten auch unter der Pandemie. Patienten verschoben nicht lebensnotwendige Behandlungen oder Operationen auf die Zeit nach der Pandemie. Hier erwarten wir einen gewissen Nachhol-Effekt. Mit Novartis kauft man heute Qualität zu einer vernünftigen Bewertung.

Cembra: Das Finanzinstitut profitierte in den letzten Jahren vom wachsenden Kreditkartengeschäft. Die Delle im Reisegeschäft stoppte dieses Wachstum abrupt. Mit der aktuellen Impfkampagne besteht die Hoffnung, dass die Schweizer in der zweiten Jahreshälfte vermehrt Ferien im Ausland verbringen werden. Zudem gehen wir davon aus, dass die Ausfallrisiken gering bleiben werden.  

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VAT: Aktuell kann die weltweite Nachfrage nach Halbleitern nicht durch das Angebot gedeckt werden. Der Halbleiterspezialist Intel hat ein Investitionsprogramm von US$ 20 Mrd. angekündigt. In Taiwan werden auch neue Investitionen geplant. VAT kann als Gewinner dieser Investitionswelle gesehen werden.

Kommen wir zum allgemeinen Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Die Finanzmärkte sind in ihren Einschätzungen der erwarteten Entwicklung neun bis zwölf Monate voraus. Daraus lässt sich erkennen, dass die Börsen davon ausgehen, dass sich die Corona-Krise bis Ende Jahr stark abgeschwächt hat.

Die Finanzmärkte rechnen mit einer erfolgreichen Impfstrategie, spürbaren Nachholeffekten beim Konsum und Investitionen sowie offenen Geldschleusen der wichtigsten Zentralbanken bis mindestens Ende 2022.

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Der Markt beobachtet nicht mehr die Infektionszahlen mit Argusaugen, sondern blickt stärker auf die Inflationserwartungen und die Entwicklung der langfristigen Zinsen. Die sogenannte Reflation hat die Corona-Krise an den Börsen bereits abgelöst.

Was ist unter dem Begriff Reflation zu verstehen?
Mit diesem Begriff wird eine Geld- und Fiskalpolitik bezeichnet, welche das Ziel hat, die Wirtschaft nach einer Schwächephase wieder anzukurbeln und eine höhere Inflation zu erreichen. Dies könnte zu grösseren Umschichtungen in Depots führen, da viele eher noch auf ein deflationäres Umfeld ausgerichtet sind.

Der spürbare Anstieg der langfristigen Zinsen führt zu einer allgemeinen Verteuerung der Aktienmärkte, da die künftigen Cash-Flows der Unternehmen mit einem höheren Zinssatz diskontiert werden. Dies trifft eher die defensiven Marktsegmente wie die Pharma- oder Nahrungsmittelsektoren, welche weniger direkt von einer wirtschaftlichen Belebung profitieren können.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Auch der Schweizer Aktienmarkt wird vom Reflations-Trade beeinflusst. In dieser Situation entwickeln sich Industrie- und Finanzwerte überdurchschnittlich, weil sie von einem Anstieg der Konjunktur und leicht steigenden Zinsen profitieren können.

Dies löst an der Schweizer Börse aktuell eine Umverteilung aus: Raus aus den Schwergewichten wie Nestlé, Novartis und Roche, rein in Aktien wie Zurich Versicherungen, Swiss Re, LafargeHolcim oder ABB. Zusätzlich stehen wir mitten in der Dividendensaison, welche noch bis Anfang Mai weiterläuft.

Starke Dividendenzahler werden mindestens bis zum Dividendentermin im Depot gehalten. Zusammenfassend erwarten wir, dass sich der SMI in den nächsten vier Wochen seitwärts bis leicht freundlich entwickeln wird.

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Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Ein Niveau um 11'500 Punkten scheint mir in unserem Basis-Szenario realistisch.

Das Interview wurde schriftlich geführt.