BILANZ: Herr Schwarzenberg, der Adel ist seit fast 90 Jahren abgeschafft, aber viele Menschen nennen Sie «Durchlaucht». Warum wird dieser adlige Sonderstatus noch immer betont?
Karl Schwarzenberg*: Weil es einer ist! Das ist eine Tatsache. Ich bin so erzogen worden und glaube daran.

Womit verdienen Sie Ihr Geld?
Mit Wald. Das meiste habe ich meinem Sohn übergeben. Ich bin im Ausgedinge (Altenteil, die Red.) und in der Politik. Wirtschaft und Politik muss man trennen. Sonst kommt man in des Teufels Küche.

So ganz stimmt das ja nicht. Sie haben mit Hilfe von Lobbyisten und einem deutsch-schweizerischen Bieterkonsortium eine der begehrten Casino-Lizenzen gewonnen. Nun zieht ein Grand ­Casino in Ihr prächtiges Palais Schwarzenberg in Wien ein. Ist das nicht ein bisschen viel Chichi für eine altehrwürdige Familie?
Mei, so ein Palais mit seinen Prunkräumen muss ja auch erhalten werden, das kann man nicht aus der Westentasche. Man muss ja eine Lösung finden, die in der heutigen Zeit möglich ist. Wir sind nicht mehr so wohlhabend wie vor dem Ersten Weltkrieg, als wir ein Palais als Privathaus betreiben konnten.

Sie haben einen tschechischen Pass, einen Schweizer Pass, Wohnsitze in Österreich und ein Gut in Deutschland …
Da kommen wir ursprünglich her, aus Mittelfranken. Aus einem Dorf, dessen Name im Altfränkischen sinngemäss der Ausdruck für einen Sauhof war. Anfang des 15. Jahrhunderts machte dann einer meiner Vorfahren unter Kaiser Sigismund Karriere, er hat wacker gekämpft und erwarb später die Burg Schwarzenberg.

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Zum Familienbesitz gehört Schloss Orlik in Tschechien. Aber Schloss Murau in der Steiermark und Palais Schwarzenberg in Wien sind auch Teil der Familienstiftung, die ihren Sitz in Vaduz hat. Warum bezeichnen Sie sich als Mitteleuropäer?
Weil sich alles in Mitteleuropa abspielt und weil ich mich in Prag genauso daheim fühle wie in Wien und in Murau …

Können Sie mit dem Begriff Identität etwas anfangen?
Das hat mich nie interessiert. Weil ich bin, wer ich bin. Ich bin ein Schwarzenberg, das reicht mir.

In Ihnen, hat mal jemand sehr poetisch gesagt, verdichte sich Geschichte. Sind Sie darauf stolz?
Stolz nicht, weil ich nichts dafür kann. Nein, ich bin mir dessen bewusst. Ich fühle eine Verpflichtung. Die Verpflichtung, dass man dem Lande dienen soll.

Enoch zu Guttenberg hat gesagt, er sei erzogen, dem Land zu dienen. Warum trägt er, warum tragen Sie das so vor sich her?
Weil wir aus diesem Grund ursprünglich vom Kaiser, vom König Besitzungen bekommen haben. Heute wird der Begriff «feudal» pejorativ benutzt, dabei war das eine sehr vernünftige Idee, es heisst im eigentlichen Sinne: Leihgabe. Aber deshalb muss eben auch jede Generation etwas dazu tun. Alle wollen Karriere machen, aber keiner will Verantwortung übernehmen.

Verstehen Sie, dass ein tschechischer Landwirt den Schwarzenberg für überheblich hält, weil der immer noch denkt, er müsse Verantwortung für mich und meine Geschichte übernehmen?
Das könnte auch ein österreichischer oder deutscher Bauer sagen. Ich bin auch eingebildet, das bestreite ich nicht.

Sie haben sich vor zwei Jahren um das Amt des tschechischen Staatspräsidenten beworben, da waren Sie schon über 70.
Wahlkampf ist eine Herausforderung, wirklich lustig. Warum ich mich beworben habe? Weil ich den anderen Kandidaten kannte und unbescheiden dachte, so gut bin ich auch. Ich bin kein Parteimensch, ich habe 50 Jahre politische Erfahrung, unter anderem als Aussenminister.

Sie sagen, einer der glücklichsten Momente in Ihrem Leben war die Wahl von Václav Havel zum tschechoslowakischen Präsidenten 1989. Warum hat der einstige Dissident und Dichter Havel Sie so glücklich gemacht?
Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass er ein idealer Präsident ist. Zweitens war damit das alte Regime endgültig besiegt in der Tschechoslowakei. Die Menschen bleiben natürlich dieselben, und manches, was vergangen schien, kommt zurück. Aber nicht der Kommunismus. Nehmen wir Russland: Wladimir Putin ist kein Kommunist im alten Stil, sondern als KGB-Mann intelligent genug, um zu wissen, dass das kommunistische System versagt hat. Die Sowjetunion ist nicht wegen einer Revolution untergegangen, sie war bankrott. Nun hat er eine gute, alte Diktatur aufgezogen.

Wie sind Sie an Václav Havel geraten?
Havel war – für die Helsinki-Föderation für Menschenrechte – nun mal ein Objekt unserer Fürsorge. Und als ich auf der Burg Schwarzenberg in Franken das Dokumentationszentrum zur Förderung der unabhängigen tschechoslowakischen Literatur aufbaute, habe ich überlegt, ob ich den Dichter Havel besuche. Aber ich mochte nicht, weil ich wusste, dass ihn unaufhörlich zwei unauffällige Männer begleiten und auch mich zwei unauffällige Männer begleiten würden. Aber dann trafen wir uns doch, in einem lärmenden Lokal, damit man uns schlechter abhören konnte, haben bis um halb eins nachts gequatscht, und von da habe ich ihn immer, wenn ich nach Prag kam, besucht. Später wurde ich sein Kanzleichef.

Bei der Präsidentenwahl 2013 haben Sie es selbst in die Stichwahl geschafft. Weil oder obwohl Sie ein Schwarzenberg sind?
Das müssen Sie die Leute fragen. Dazu haben viele Dinge beigetragen: das Verhalten meiner Eltern im Kriege, die Nähe zu Havel, letztlich weiss man das nie.

Ihre Eltern haben sich 1938/39 nicht auf die Seite der Nazis ­geschlagen, sondern sich zur Tschechoslowakischen Republik bekannt. Kennen Sie die Beweggründe dafür?
Mein Vater war tschechoslowakischer Offizier, aber meine Mutter sollte sich gegenüber dem NS-Regime klar definieren. Meine Mutter sagte, ich habe meinem Mann Treue am Altar geschworen, dabei bleibt es. Die Nazis haben zu ihr gesagt, Ihr Mann ist ein hoffnungsloser Fall, aber Sie können sich noch retten, wenn Sie sich zum Deutschen Reich bekennen. Da ist meine Mutter zu ihrem Vater, dem k.u.k. Botschafter Prinz zu Fürstenberg, gefahren, der hat gesagt, du musst zu deinem Mann stehen, es gibt nichts anderes.

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*Karl Johannes Nepomuk Josef Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, Herzog von Krummau, gefürsteter Graf zu Sulz und Landgraf im Kleggau, wurde 1937 in Prag geboren. Er lebte lange in Wien und kehrte nach der Wende in die ­Heimat zurück. Schwarzenberg war Aussenminister in Tschechien. Er besitzt das Zürcher Bürgerrecht und ist bei den 300 Reichsten mit einem Vermögen von 250 bis 300 Millionen Franken aufgeführt.