Ausgelieferte LiveWire sollten nicht an der heimischen Steckdose geladen werden, sondern ausschliesslich bei den lokalen Harley-Niederlassungen: Diese Warnung veröffentlichte der Motorradkonzern letzte Woche – eine wenig alltagstaugliche Lösung. Zugleich wurde die Produktion gestoppt.

Inzwischen hat Harley-Davidson die Produktion wieder aufgenommen. Laut der offiziellen Pressemitteilung trat das festgestellte Problem nur an einem einzigen Motorrad auf. «Wir sind stolz auf unsere Qualitätssicherungsmassnahmen und unseren Anspruch, die besten Motorräder der Welt auszuliefern.» Also alles in Butter? Kaum: Dass die LiveWire eine strahlende Erfolgsgeschichte schreiben wird, darf bezweifelt werden.

Mit einem Schweizer Ladenverkaufspreis, der bei 36’500 Franken liegt, ist die LiveWire wahrlich kein Schnäppchen. Sie ist im Premiumbereich des Premiumbereichs angesiedelt. Das alleine wäre an und für sich kein Problem, da Statussymbole nun mal einen hohen Preis verlangen, sonst wären sie ja keine.

Durch und durch amerikanisch

Doch da die Motorradschmiede aus Milwaukee sich jetzt eine jüngere Zielgruppe erschliessen möchte, ist es mehr als fraglich, ob dieses jüngere Zielpublikum überhaupt mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet ist, um so viel Geld für ein Motorrad auszugeben – und falls ja: für dieses?

Harley Davidson LiveWire

Wenigstens nicht zu laut: Das E-Töff «LifeWire» von Harley Davidson.

Quelle: PD
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Es gibt jedenfalls Motorräder, die von der Stammkundschaft eines Herstellers sehnlich erwartet werden – und es gibt die LiveWire von Harley-Davidson. Harley galt bislang als durch und durch amerikanisch: etwas zu gross, etwas zu übergewichtig und etwas zu laut. Zumindest Letzteres kann man der LiveWire nicht vorwerfen.

Das erste Elektro-Motorrad der amerikanischen Traditionsmarke wurde über vier Jahre lang angekündigt, der erste Prototyp wurde im Jahr 2014 erstmalig präsentiert. 2019 stand die LiveWire dann endlich auf der Technikmesse CES in Las Vegas – bezeichnenderweise wurde die elektrisch geladene Wuchtbrumme bei der Pressekonferenz am Stand von Panasonic gezeigt. Allein das ist schon ein Bruch mit alten Gewohnheiten: Üblicherweise werden neue Motorradmodelle auf internationalen Motorradmessen der Fachwelt und dem Publikum präsentiert.

Finanzieller Tiefschlag durch hohe Zölle

Die letzten Jahre liefen für die amerikanische Edelmarke alles andere als rund. Das hat mehrere Gründe: Im Heimatmarkt USA büsste Harley 25 Prozent des Umsatzes ein. Ausserdem sind die treuen Harley-Kunden – um es diplomatisch zu formulieren – nicht mehr die Allerjüngsten. Darüber hinaus leidet Harley unter dem Zollstreit: Für den europäischen und Schweizer Markt schlagen 25 Prozent Zoll zu Buche. Um die Kunden nicht zu vergraulen, hält Harley in Europa auf eigene Kosten die Preise stabil und gibt die erhöhte Zollbelastung nicht an die Kunden weiter – das frisst am Gewinn und belastet den Aktienkurs.

«Harley-Davidson ist durch und durch amerikanisch: etwas zu gross, etwas zu übergewichtig und etwas zu laut.»

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Die LiveWire polarisiert

Harleyfans schmähen die LiveWire im Netz – noch bevor sie je ein Exemplar in freier Wildbahn gesichtet, geschweige denn eines selber bewegt hätten. Im Internet werden digitale Fackeln entzündet und Mistgabeln geschwenkt. Es läuft auf eine Spaltung hinaus: Auf der einen Seite die Traditionalisten, deren Leidenschaft nur ein Verbrennungsmotor befeuern kann.

Auf der anderen Seite stehen die Verkünder einer elektrischen Mobilität, die keinen Tiger in den Tank, sondern den Stecker in die Dose stecken wollen. Finanziell potente Zahnärzte und Anwälte, die schon einen Tesla in der Garage stehen haben, dürfen ungeniert zugreifen und ihr grünes Gewissen spazieren fahren.

E-Mobilität: «More roads to Harley-Davidson»

Also alles falsch gemacht? Ganz im Gegenteil: Harley-Davidson möchte auch noch in zwanzig Jahren am Markt sein – also dann, wenn die meisten der heutigen Motorradfahrer, den Helm altersbedingt schon lange an den Nagel gehängt haben werden. Und da es im Augenblick so aussieht, als sei die Zukunft der Mobilität elektrisch, ist es ratsam, schon jetzt die Claims abzustecken.

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Die LiveWire ist nur ein Teil der globalen Offensive «More roads to Harley-Davidson»: urbane E-Bikes und Scooter für Erwachsene und Kinder, sowie billigere und kleinere Motorräder für den asiatischen Markt sollen das globale Geschäft wachsen lassen, um so die schrumpfenden Umsätze im amerikanischen Markt zu kompensieren.

Harley Davidson EBike

Mobilität weiter gefasst: E-Fahrräder von Harley

Quelle: ZVG

«LifeWire»: Die Reichweite

Eine geladene Batterie soll für rund 152 Kilometer Reichweite sorgen, ganz genau weiss man es nicht: Je nach Witterung, Fahrweise und Temperatur variiert dieser Wert. Das reicht ohne Ladepause nicht für eine klassische Schweizer Pässetour über Susten-, Grimsel- und Furkapass. Aber welcher Motorradfahrer fährt die schon ohne Pause? Abgesehen davon: Das Gros der heutigen Harleyfahrer besitzt kein Motorrad, um Motorrad zu fahren, sondern um ein Motorrad zu besitzen: Im Durchschnitt fahren Harley-Eigner weniger als 1500 Kilometer im Jahr. 

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«LiveWire»: Die Leistung

Wenn sich das Harley-Klientel in der Vergangenheit in erster Linie für Beschleunigungswerte interessiert hätten, hätten sie sich wahrscheinlich ein anderes Motorrad gegönnt. Mit über 100 Nm (aus dem Stand) und einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3 Sekunden ohne Schalten ist man ganz klar im Sportmodus unterwegs. Zum Vergleich für Autofahrer: Ein Porsche 911 Turbo S Coupé mit 581 PS benötigt 3.1 Sekunden.  

«LiveWire»: Die Vernetzung

Eine App soll den Besitzer via Smartphone informieren, z.B. wenn das Motorrad umgeworfen wird. Okay, nice to have, aber wen interessiert das ausser der Versicherung? Wer sich so ein teures Spielzeug leistet, sollte an der Versicherung nicht sparen. Und wenn das gute Stück geklaut wird, will der Besitzer in der Regel lieber ein neues, statt das fremdgerittene und vielleicht beschädigte Fahrzeug wiederzufinden. Auch der Ladezustand lässt sich anzeigen. 

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«LiveWire»: Der Sound

Sobald der Begriff «Motorrad» fällt, denken Zeitgenossen, die sich wenig bis gar nichts aus Motorrädern machen, so gut wie immer an Harley-Davidson. Und wer an Harley denkt, hört in seinem inneren Ohr ein geräuschvolles Bollern und Röhren. Die eindrückliche Geräuschentwicklung gehört zur DNA der Kultmarke, wie blanke Brüste zum «Playboy». Natürlich kann man einen Versuch wagen, darauf zu verzichten. Doch diese Strategie wurde beim Herrenmagazin nach kurzer Zeit – dank Erfolglosigkeit – wieder geändert.  Doch das ist jetzt Geschichte: Ein geschwindigkeitsabhängiger Pfeifton soll den Fahrer begleiten – und andere Verkehrsteilnehmer akustisch vorwarnen.  

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