Das nach wie vor historisch tiefe Zinsniveau fordert institutionelle Anleger und wird Versicherungsgesellschaften und Pensionskassen trotz angekündigten Zinsschritten der US-Notenbank auch 2022 Kopfzerbrechen bereiten. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich immer mehr Versicherer ergänzenden Investments in alternative Anlagen wie Infrastruktur-Investitionen, Private Equity, Private Debt oder Venture Capital sowie höher verzinslichen Anleihen zuwenden. 

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Dieser Trend bestätigt auch der zehnte «Global Insurance Report» von BlackRock. Aufgrund des höheren Diversifizierungs- und Renditepotenzials ändern sich die Allokationen insbesondere im Bereich der Privatmarktanlagen. Die befragten Versicherungsgesellschaften gaben an, dass sie 2023 durchschnittlich rund 14 Prozent ihres Gesamtportfolios an Privatmärkten investieren wollten. Marcus Severin, Leiter des Versicherungsgeschäfts von BlackRock in Deutschland und Österreich, sagt dazu: «Die alternativen Anlagen werden immer wichtiger, klassische Anleihen verlieren an Bedeutung. Der Anteil von 14 Prozent wird doppelt so hoch sein wie noch 2019 – und die Tendenz ist steigend.» 

Swiss Life will Infrastruktur Equity ausbauen

Stefan Mächler, Group CIO von Swiss Life, sagt dazu: «Alternative Anlagen machen bei Swiss Life per Halbjahr 2021 1,5 Prozent der Anlagen auf der eigenen Bilanz aus. Davon entfällt der grösste Teil auf Infrastruktur-Equity.» Swiss Life plane, innerhalb der Anlageklasse «Alternative Investments» den Anteil von Infrastruktur-Equity auszubauen, erklärt Mächler und ergänzt: «Die langfristigen Engagements und die hohe Planbarkeit der Erträge von Infrastruktur-Anlagen passen sehr gut zu den langfristigen Verbindlichkeiten aus unserem Versicherungsgeschäft. Zudem verfügen wir über viel internes Know-how im Bereich der Infrastruktur-Anlagen.»

Dieses Know-how ist auch notwendig. Denn alternative Kapitalanlagen sind teilweise deutlich komplexer und illiquider als traditionelle Anlageklassen. Es ist unbestritten, dass sie die Risiko-Rendite-Struktur eines Portfolios aus dem Gleichgewicht bringen können. Bis anhin sind Versicherungen keine übermässigen Risiken eingegangen, doch stellt sich die Frage, bis zu welchem Punkt sie bereit sind, nicht nur den Appetit, sondern auch den Hunger zu stillen. 

Steigende Risikobereitschaft 

Gemäss der BlackRock-Umfrage rechnen 54 Prozent der Versicherer in Europa damit, in den kommenden zwei Jahren ihr Risiko-Exposure zu erhöhen. 34 Prozent wollen ihr Risikoprofil beibehalten und 12 Prozent wollen es senken. Gérald Mayoraz, Chief Investment Officer der Groupe Mutuel, sagt dazu: «Im aktuellen Marktumfeld sind risikoreiche Anlagen beliebt, da diese Kategorie Anleger anzieht, die auf der Suche nach Rendite sind, die es im Anleihensegment nicht gibt. Wir sind jedoch der Ansicht, dass das Streben nach Rendite nicht auf Kosten der Risikofähigkeit unserer Versicherungsunternehmen gehen darf. Eine Anlagestrategie muss kohärent bleiben und mit der Risikobereitschaft des Versicherers übereinstimmen.»

Illiquidität im Fokus

Swiss-Life-CIO Stefan Mächler erklärt: «Eine zentrale Herausforderung bei alternativen Anlagen ist die Illiquidität. Als Versicherungsgesellschaft können wir aber ein hohes Mass an Illiquidität im Portfolio absorbieren, weil wir unsere Zahlungsströme über Jahre hinaus genau kennen.» 

Gérald Mayoraz sieht weitere, vielfältige Herausforderungen bei alternativen Anlagen: «Das erste Problem besteht darin, dass es seit vielen Jahren Engpässe gibt, weil sehr hohe Beträge investiert werden müssen. Die Fähigkeit des Fondsmanagers, bei der Bereitstellung der Mittel geduldig zu sein und bei der Auswahl der Investitionen die Kriterien der finanziellen Vielseitigkeit zu beachten, ist von entscheidender Bedeutung.» 

Eine weitere Problematik ortet Mayoraz bei der Laufzeit der verwendeten Instrumente: «Private Marktfonds haben eine bestimmte Laufzeit und die Manager sind manchmal gezwungen, ihre Positionen zu verkaufen, obwohl das Timing möglicherweise nicht stimmt. Aus lokaler Sicht ist es schwierig, in der Schweiz Investmentfonds zu finden, die nicht in Venture Capital investieren, um die Infrastruktur zu verbessern oder den ökologischen Fussabdruck zu optimieren. In diesem Sinne könnte es angebracht sein, öffentlich-private Partnerschaften in Betracht zu ziehen.»