Laut dem jüngsten World Insurtech Report des Beratungsunternehmens Capgemini machen sich Big-Tech-Firmen zunehmend im Versicherungssektor bemerkbar: Amazon verkauft in Indien in Zusammenarbeit mit White-Label-Anbietern Autoversicherungen und Policen in weiteren Linien. Tencent aus China, bekannt für seinen WeChat-Messenger, hat mit WeSure ein überaus populäres digitales Versicherungsprodukt entwickelt. Google arbeitet mit Oscar, Clover Health und Collective Health, alles innovative Krankenkassen, zusammen. 

Es ist laut den Autoren der Studie kein Zufall, dass sich diese Entwicklung im laufenden Jahr richtig beschleunigt hat: Als Lockdowns und strikte Einschränkungen das öffentliche Leben (auch) in der Schweiz dominierten, erschienen die Big-Tech-Firmen vielen Konsumenten als Rettung: Sie übernahmen, als vertrauenswürdige Partner, die Lieferungen von wichtigen Gütern, Lebensmitteln, Gesichtsmasken, Infektionsmitteln, Unterhaltung und, manchmal, auch Versicherungspolicen. 

Insurtechs führen an der Schnittstelle

Die Covid-19-Krise hat etliche Versicherungsgesellschaften leicht überrumpelt, weil sie teilweise (Epidemie- bzw. Geschäftsunterbruch-)Policen verkauft hatten, die jetzt als nicht mehr wirksam erklärt wurden. 

Wichtiger und langfristig wirksamer haben sich indes weitere Schwachpunkte von Versicherungsgesellschaften erwiesen – und etliche Insurtechs konnten hier punkten. Dazu gehören sehr rasche Reaktionen rund um die Uhr (bei Schadenfällen und ihren Regelungen), die Handhabung von Policen und Deckungen als standardisiertes Massenprodukt (zunehmend auch im Leben-Bereich), krisenfeste Geschäftsprozesse, bei denen Mitarbeitende auch in ihren Homeoffices ihre Aufgaben bewältigen konnten, und eine «sich kümmernde Versicherung», wie sich die Studienautoren ausdrücken: Die Kundinnen und Kunden würden auch und gerade in Krisenzeiten und unter Belastungen ein gewisses Mitgefühl erwarten. Auch bei der digitalen Erfahrung (neudeutsch «DX») an den Kundenschnittstellen liegen die Insurtechs teilweise weit vorne: Der Zugriff auf Versicherungsleistungen über alle möglichen Endgeräte und jederzeit ist weiterhin die Ausnahme.

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Gemäss Selbsteinschätzung von Vertretern von traditionellen Versicherungsgesellschaften und von Insurtechs liegen in diesen Punkten beide sehr ähnlich. Anders sieht es indes bei Befragungen von Endkunden aus: Da liegen die Insurtechs bei wichtigen Faktoren wie DX und Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit vorne. 

Jeder kann Versicherung

Viel Geld und viele Kunden – das haben die Big-Tech-Firmen. Sie profitieren auch davon, dass sich viele Endkunden an die einfachen Prozesse ihrer Plattformen gewöhnt haben – und diese Erfahrungen wiederum als Benchmark dafür nehmen, wie sie eigentlich am liebsten Versicherungsleistungen beziehen würden. Gemäss einer von Capgemini veranlassten Endkundenbefragung ist der Anteil der Konsumenten, die Policen auch von einer Tech-Plattform beziehen würden, von 17 Prozent im Jahr 2016 auf 44 Prozent im April 2020 gestiegen. 

Es sind aber nicht nur die Big Techs, die den Markt aufmischen. Neue digitale Lösungen machen es möglich, dass fast jedes Unternehmen, das über viele Endkundenkontakte verfügt, Policen verkaufen kann. Ein Beispiel ist das Gespann von Ikea und Swiss Re: Ikea arbeitet mit der IptiQ-Lösung von Swiss Re, wenn Kunden an den Ikea-Kassen nicht nur Möbel, sondern auch gleich die entsprechende Deckung kaufen möchten. «Durch die Kundennähe, die sie einbringen, haben solche nichttraditionelle Anbieter die Möglichkeit, ihre Kunden an mehreren Punkten zu treffen – und dann den traditionellen Anbietern zuvorzukommen», heisst es von den Autoren der Studie. 

Do it yourself

Die Schlüsselfrage bei vielen Versicherungen lautet heute «selber machen», «kaufen» oder «zusammenarbeiten». Kooperationen haben Vorteile, weil man hier sehr rasch loslegen kann und der Geldeinsatz beschränkt ist. Etliche schweizerische Versicherungen gehen diesen Weg beim Aufbau ihrer digitalen Ökosysteme. Nachteile sind die beschränkte Autonomie sowie die Grenzen der Ausdifferenzierung: Wenn mehrere Versicherungen ihre KMU-Services beim gleichen Startup beziehen, unterscheiden sich diese Angebote nicht wirklich. 

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Lösungen und Plattformen selber zu bauen, erfordert umgekehrt viel Geld und eine gewisse Zeit. Hier ist dafür das Potenzial für Ausdifferenzierungen sehr hoch. Und die Kaufstrategie ist noch einmal anders: Hier sind Zeit und Höhe des Investments variabel und die Autonomie sowie das Potenzial für eine Ausdifferenzierung «vernünftig» gross. Im Einzelfall kann alles dann doch ganz anders aussehen, wie die Handvoll sehr teurer Insurtech-Übernahmen in der Schweiz gezeigt hat.