Zur Person

Ihr Unternehmen hat laut unserer Kundenumfrage die beste Schadenabwicklung. Hat SWICA andere Prozesse als die Konkurrenz?

Es freut mich enorm, dass wir im Bereich Leistungsabwicklung gut unterwegs sind. Gerade wenn es um die Schadenabwicklung geht, kann man sich im Bereich der obligatorischen Krankenversicherung nur schwer differenzieren. Schnell zurückzahlen, keine Fehler machen, korrekt und verständlich in der Abrechnung sein oder einfach professionelle Apps zu haben – das haben wir alles, aber das haben andere auch.

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Zum Unternehmen

Wo liegt denn dann der Unterschied?

Wir gehen im Schadenfall lösungsorientiert vor. Denn da geht es um Krankheitsbilder und Personen, die hinter diesen Krankheiten stehen. Wir versuchen, wenn immer möglich, zu verstehen, weshalb jemand erkrankt ist, wie er oder sie schnell wieder gesund wird und nachhaltig gesund bleibt. Und wenn wir eine Leistung nicht rückerstatten können, weil sie nicht gedeckt ist, versuchen wir das gut zu erklären.

Wie ist es da mit dem Datenschutz?

Grundsätzlich wissen wir in der Grundversicherung nicht, woran ein Patient oder eine Patientin erkrankt ist. Wenn der Patient dies wünscht, versuchen wir, ihn mit seiner Einwilligung im Gesundungsprozess zu unterstützen. Hier haben wir den Vorteil, auf unsere hauseigene Online-Praxis santé24 zählen zu können. Zusätzlich wird sich die gesetzliche Lage dieses Jahr ändern, sodass wir bei bestimmten Diagnosen auch von uns aus auf den Patienten zugehen können. Im Rahmen des Kostendämpfungspakets des Bundes wurden hier neue Möglichkeiten geschaffen.

Denken Sie, das Kostendämpfungspaket des Bundes kann den kontinuierlichen Anstieg der Gesundheitskosten eindämmen?

Viele der Schritte gehen in die richtige Richtung. Aber wenn Sie mich als Privatperson fragen, ob das wirklich einen Unterschied machen wird, dann muss ich klar sagen: «Nein». Denn wir haben nun mal die demografische Entwicklung, den technischen Fortschritt und die medizinische Forschung – aber vor allem haben wir ein intrinsisches Beharrungsvermögen, wenn es um den Abbau von Querfinanzierungen geht.

Ein Grund für die steigenden Kosten ist der überdurchschnittlich hohe Medikamentenkonsum in der Schweiz. Kann man da einen Hebel ansetzen?

Die Gesamtkosten sind ja das Produkt aus Menge mal Preis. Bei der Menge sehe ich wenig Potenzial für einen Rückgang. Aber man kann sicher versuchen, die Medikamentenpreise zu senken. Was aber vor allem bei neuen Medikamenten schwierig ist, die zunächst einmal einen enorm hohen Preis haben und erst langfristig Kosten einsparen – wie beispielsweise die Abnehmspritze. Dieses Mittel soll die mit Übergewicht verbundenen Folgeerkrankungen mindern. Nur: Ob das Mittel langfristig den erhofften Erfolg bringt und Kosten einspart, lässt sich frühestens in ein paar Jahren berechnen. In der Zwischenzeit wird es einfach teurer.

Drei Viertel der Bevölkerung nahmen 2024 mindestens ein Medikament auf Kosten der Grundversicherung. Besonders starkes Wachstum gibt es bei Medikamenten gegen Depressionen und ADHS. Wir sprechen hier über Zunahmen von 20 bis 40 Prozent.  Ist die Schweiz psychisch krank?

Die Bevölkerung ist wahrscheinlich nicht kränker als früher, aber wir diagnostizieren heute anders und behandeln die Betroffenen. Insbesondere im beruflichen Umfeld nehmen psychische Diagnosen enorm zu. Viele Menschen sind weniger resilient und schneller bereit, das Stigma der psychischen Erkrankung anzunehmen. Früher hat man das unter den Tisch gekehrt, heute gehört es schon fast zum guten Ton.

Man kann sich aber auch recht einfach ein psychisches Krankheitsbild zusammengoogeln und damit ein Burnout oder eine Depression vortäuschen…

Das ist ein ganz heikles Thema. Wir sind natürlich auch damit konfrontiert, dass, gerade im Zusammenhang mit organisatorischen Anpassungen in Unternehmen und anderen Stresssituationen, die Anzahl der psychischen  Erkrankungen tatsächlich steigt.  Sowohl in diesen, aber auch bei Bagatellfällen merken wir jedoch, dass es wichtig wäre, wenn Krankschreibungen differenzierter erfolgen würden – mit Blick auf Möglichkeiten wie Homeoffice, die wir heute haben. Hier betreiben wir viel Aufklärungsarbeit bei den Ärzten.

Ein weiterer gewichtiger Grund für die steigenden Kosten ist die demografische Entwicklung. Haben Sie Ideen, wie die zunehmende Überalterung der Bevölkerung, einhergehend mit einem steigenden Pflegebedarf, finanziert werden könnte?

Aufhalten können wir die Entwicklung nicht, die Kosten werden entstehen. Wir sind uns alle einig, dass im Bereich der Pflege ein grosser Nachholbedarf besteht, was die Löhne, die Ausbildung und die Jobattraktivität angeht. Aber wenn wir kompetente Pflege haben wollen, dann kostet das auch. Wenn man verhindern will, dass es für den Einzelnen teurer wird, kann man versuchen, die Finanzierungsströme zu ändern, oder den Pflegeprozess effizienter zu machen, die Anzahl Vorhalteleistungen zu reduzieren, die Gehälter der Leistungserbringer anders zu gestalten etc. Es wird sich vieles ändern müssen, aber ingesamt billiger wird es mit Garantie nicht.

Es kann nicht billiger werden, wenn in den nächsten 20 Jahren immer mehr Menschen pflegebedürftig werden. Aber wie kann das Problem gelöst werden?

Gar nicht. Die Kosten werden steigen. Im Moment diskutieren wir ausschliesslich darüber, aus welchem Topf wir welche Leistungen erbringen und schichten die Mittel nur vom einen Gefäss ins andere um. Was wir tun können, ist, das System neu zu denken und uns nicht hinter der Illusion zu verstecken, dass eine Einheitskasse das Problem lösen würde.

Die Einheitskasse kommt immer wieder als Vorschlag auf den Tisch, vor allem unter dem Aspekt der Kosteneindämmung…

Unsere Verwaltungskosten sind mit vier bis fünf Prozent in der Grundversicherung rekordverdächtig niedrig. Die bekommt man auch mit einer Einheitskasse nicht noch weiter runter.

Es gibt Schätzungen, die sagen, die Verwaltungskosten würden bei einer Einheitskasse ein bis zwei Prozentpunkte tiefer sein?

Wenn man sich auf die reine Rechnungskontrolle beschränken würde, wäre das als Einmaleffekt denkbar. Aber sehr viele patientenbezogene Dienstleistungen wären dann nicht mehr möglich. Ein Vergleich mit der Privatassekuranz oder der Suva zeigt, dass die Verwaltungskosten in diesen Organisationen um ein Vielfaches höher liegen als bei den Krankenversicherern. Zudem würde der Übergang vom heutigen zum Einheitskassensystem über etliche Jahre deutliche Mehrkosten verursachen.

Was befürchten Sie konkret?

Wir sprechen da von einer sieben bis zehn Jahre andauernden Übergangsfrist. Erklären Sie heute einem motivierten Leistungsmitarbeiter bei SWICA im Alter von 50, dass er mit 57 Jahren vermutlich überflüssig und arbeitslos in Rente gehen wird. Der sieht sich noch am gleichen Tag nach einem neuen Job um. Doch genau diese qualifizierten Leute wollen wir ja behalten. Zudem: Wer macht in einer Einheitskasse die ganze Care-Management-Arbeit? Und wer sorgt für eine medizinische Versorgung und ist 24/7 erreichbar?

In anderen Nachbarländern fährt man dann zur Notaufnahme des nächsten Krankenhauses und nimmt am besten einen Picknickkorb mit, weil man höchstwahrscheinlich den ganzen Tag dort verbringen wird …

Daran lässt sich ablesen, wer einen Teil der Kosten trägt, die durch die Einheitskasse allenfalls gespart werden: die Erkrankten, die länger und aufwendiger auf notwendige Behandlungen warten müssen.

Wenn Sie freie Gestaltungsmacht hätten, wie würden Sie das Gesundheitssystem der Schweiz entwerfen?

Wenn ich das könnte, hätte ich es schon längst getan. Es ist wirklich nicht so einfach. Unser System ist aber trotz allem sensationell gut im Vergleich zu allem, was ich bisher weltweit gesehen habe.

Das stimmt. Aber es ist auch sensationell teuer…

Es ist relativ teuer. Wir sind nicht die teuersten der Welt. Aber was bei uns tatsächlich diskutiert werden sollte, ist die klare Rollen- und Verantwortungszuteilung. Es gibt zu viele Stellen, die zum selben Thema unterschiedliche Entscheide fällen, insbesondere die Kantone. Bei allen Systemen mit einer nationalen Steuerung gibt es gewisse Effizienzmöglichkeiten. Das Gesundheitswesen ist aber kantonal geregelt. Wenn es uns also nur schon gelingen würde, uns auf grössere Versorgungsregionen zu einigen, wären wir schon sehr viel weiter.

Das hiesse beispielsweise, die Deutschschweiz, die französische Schweiz und das Tessin zusammenzufassen?

Ob es dann drei, sechs oder acht Regionen sind, sei dahingestellt. Aber es würde bedeuten, dass die Kantone von ihrer Mehrfachrolle abrücken. Heute sind sie häufig Eigentümer der Spitäler, sie sind Tarifschlichtungsorgan, sie sind Festsetzungsbehörde, sie sind was auch immer. Nur widersprechen sich die Intentionen dieser verschiedenen Rollen massiv. Wenn wir hier einen Schritt weiterkommen würden, wäre das sehr viel effizienter, als weiter über eine Einheitskasse zu diskutieren.