An den Quartalsabschlüssen der grossen europäischen Versicherungen dominierte Zuversicht: 2020 hat man allgemein abgehakt. 2021 will man im Firmenkundengeschäft dort anschliessen, wo man Ende 2019 aufgehört hatte. 

Skeptischer ist man bei der Ratingagentur Fitch: «Wir erwarten, dass die Firmenkundenversicherungen in diesem Jahr und auch in der ersten Hälfte 2021 hart getroffen werden», kommentiert Analyst Robert Mazzuoli die aktuelle Lage. «Denn die Industrie sieht sich mit einem steigenden politischen Druck konfrontiert, die Ausfälle aufgrund Geschäftsunterbrechungen zu bezahlen, unabhängig davon, ob die Policen eine Pandemiedeckung aufgewiesen hatten oder nicht.» Eine allfällige Erholung verschiebt sich damit zeitlich weiter nach hinten. 

Das liegt auch an den Eigenheiten des Marktes, der in Europa mit den fünf grossen länderübergreifenden Anbietern Allianz, Axa, Swiss Re, Talanx und Zurich sowie Lloyd’s of London als hoch spezialisierter Versicherungsmarkt in Verbindung gebracht wird: Im Grossfirmenkundengeschäft fehlt die Preismacht der einzelnen Anbieter. Denn der Markt ist in den einzelnen Ländern stärker fragmentiert, als man angesichts der grossen Adressen vermuten würde. 

Im Firmenversicherungsgeschäft ist das Grosskundensegment das am härtesten umkämpfte. «Grosse Versicherungen konkurrenzieren in globalem Massstab um grosse Firmenkunden – und der Markt ist sehr wettbewerbsintensiv», fasst Mazzuoli die Situation zusammen. «Im Vergleich zu den Retail-Linien sind die Eintrittshürden niedrig.» Das liegt an den Besonderheiten des Grossfirmenkundengeschäfts. Natürlich sind hier technische Expertise und hohe Underwriting-Fähigkeiten erforderlich. Die Fixkosten sind aber im Vergleich zum Retailgeschäft relativ niedrig, was wiederum weitere Anbieter auf den Markt lockt, bei dem seit einiger Zeit die Prämien steigen. Sie sehen in diesem Markt, der von preissensitiven Grosskunden dominiert wird, attraktive Möglichkeiten, über günstige Offerten Marktanteile aufzubauen. Das gilt oft für lokale und regionale Gesellschaften, die bereits in einer Region einen Vertrag mit einem grossen Kunden haben. 

Rückversicherer zielen an Erstversicherern vorbei auf Grosskunden

Und der Markt ist ohne die Broker und Rückversicherungen nicht vollständig beschrieben. Frisches Kapital gelangt via Broker sehr leicht auf diesen Markt. Und Rückversicherungen wie Swiss Re versuchen, mit ihrer Underwriting-Expertise an den Erstversicherungen vorbei direkt an die Grosskunden zu gelangen. Für Rückversicherungen sind Grossfirmenkunden auch noch aus einem weiteren Grund attraktiv: Im kommerziellen Firmenkundengeschäft sind die meisten teuren Schadenfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Im klassischen Rückversicherungsbereich dominieren dagegen Naturkatastrophen – und diese passieren unabhängig von menschlichem Versagen. 

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So sehr sich die Rahmenbedingungen gleichen, so unterschiedlich agieren die grossen europäischen Adressen. In den vergangenen Jahren hatte Swiss Re mit seiner Corporate-Solutions-Sparte Combined Ratios (Summe von Kosten- und Schadensatz) zwischen 120 und über 130 Prozent ausgewiesen. Sobald dieser Wert über 100 Prozent liegt, verliert eine Versicherung Geld. Auch die Firmenkundensparte von Allianz war 2019 in die Verlustzone gerutscht. Und Axa sowie Talanx, die 2018 noch über 100 Prozent beim Combined Ratio ausgewiesen hatten, schafften es 2019 gerade so mal auf 100 Prozent. Etwas besser steht lediglich Zurich da – wobei man auch hier von einer Reihe von Jahren mit Verlusten herkommt. Kurz: So richtig erfrischend ist das Geschäft nicht. Selbst für die Allerbesten nicht.  

Und dann kommt seit Januar noch Covid-19 dazu. Einige Versicherer haben die Preise in Linien, die Verluste zu verzeichnen hatten, bereits drastisch angehoben. Weitere haben sich ganz aus bestimmten Linien und Märkten zurückgezogen. Solche Rückzüge verkleinern das Feld der Anbieter – und das ist laut den Fitch-Experten positiv für die Preismacht der verbliebenen Versicherungsgesellschaften.   

«Wir sehen sowohl in Europa als auch in Nordamerika durchgängig hohe Preiserhöhungen in einem herausfordernden Markt», kommentiert Christoph Müller, CEO der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) in der Schweiz. AGCS erzielte im ersten Quartal 2020 Ratensteigerungen von durchschnittlich 16 Prozent über das gesamte Portfolio. «Die grössten Preissteigerungen haben wir im letzten Quartal in den Sparten Property und Aviation gesehen, aber auch in Long-Tail Lines, wie Financial Lines und Haftpflicht, die in den vergangenen Jahren ein sich verschlechterndes Schadenumfeld erlebt haben, verzeichneten wir erhebliche Prämienerhöhungen (z. B. Financial Lines, Haftpflicht Nordamerika)», so Müller. «Wir sehen ausserdem, dass das Risikobewusstsein für Pandemiegefahren steigt, und glauben, dass auch die Nachfrage nach speziellen Versicherungslösungen zunehmen wird.» 

Pandemierisiken letztlich weitgehend unversicherbar

Allerdings erkennt man hier, dass Pandemierisiken, die man derzeit bei der beispiellosen Covid-19-Pandemie sieht, letztlich weitgehend unversicherbar sind, da viele Unternehmen weltweit gleichzeitig Verluste erleiden. «Die Versicherungswirtschaft kann solche Systemausfälle nicht beherrschen», so Müller. «Aus unserer Sicht basiert die einzige nachhaltige Lösung für die Pandemie-Risikodeckung auf einer Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, zum Beispiel über eine Poollösung, wie es sie bereits in einigen Ländern für nukleare Risiken und Terrorismus gibt.» Dazu arbeite die Allianz Gruppe zusammen mit anderen europäischen Versicherern an einem Konzept. «Auch alternativer Risikotransfer kann eine Option sein, um sachschadenfreie Betriebsunterbrechungsszenarien als Folge eines Krankheitsfalls abzudecken», sagt Müller. «Hierbei handelt es sich aber um sehr massgeschneiderte Lösungen, die nicht für alle Unternehmen infrage kommen.» 

Immerhin zeichnet sich jetzt laut den Fitch-Experten ein nachlassender Druck neuer Anbieter im Firmenkundengeschäft ab. «In den kommenden zwei bis drei Jahren müssen sich erst einmal die Versicherungen von den durch Covid-19 entstandenen Schäden erholen.» Für dieses Jahr werden, so die Prognose, die meisten grossen Anbieter technische Verluste im Firmenkundengeschäft ausweisen.