Herr Koller: Was sind Ihre wichtigsten Ziele für Ihr neues Amt als LIBA-Präsident?

Mehr Mitglieder gewinnen ist eines meiner Hauptziele. Unser Verband ist mit sieben Mitgliedsfirmen – fünf davon im Bereich Nicht-Leben und zwei in der Sparte Leben – noch klein und überschaubar. Der gesamte Markt in Liechtenstein verzeichnet 55 registrierte Broker. 

Was erwarten Sie von neuen Mitgliedern?

Als neue Mitglieder wünschen wir uns Broker, die mit Kompetenz, Erfahrung und Sachverstand die Fähigkeiten und das bestehende Wirkungsfeld des LIBA ergänzen können und einen Mehrwert für den Finanzplatz Liechtenstein generieren. Als ehrenamtliche Vorsteher setzen wir auf gemeinsames Wirken. Synergien und komplementäre Expertisen sind erstrebenswert. 

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Gemeinsames Ziel sollte es sein, das Berufsbild des Brokers in der Öffentlichkeit in und ausserhalb von Liechtenstein bekannter zu machen und damit die Vorteile der Kundenbetreuung durch einen Broker hervorzuheben.

Gibt es ein spezielles Anliegen, das Sie als LIBA-Präsident für die Mitglieder erreichen möchten?

Mir geht es vor allem darum, für mehr Respekt und Verständnis zu werben. Der Berufsstand des Brokers wird oft als Nebensache, quasi als Anhängsel der Versicherung eingestuft. Versicherer selbst behandeln Broker regelmässig wie ein lästiges Störelement oder unnötiges Zwischenglied. Als Verband setzen wir uns dafür ein, die Wichtigkeit des Brokers als guter, verlässlicher Partner der Versicherer und kompetenter Sachwalter des Kunden aufzuzeigen.

Wo genau fehlt es an Respekt und Verständnis?

Es kommt zum Beispiel immer wieder vor, dass der Versicherer Schreiben direkt an die Kunden des Brokers schickt, ohne dass der Broker darüber vorgängig informiert wurde. Der Kunde meldet sich beim ausgelassenen Broker, der unwissend wie ein Trottel dasteht. Das ist besonders unangenehm, wenn die Briefinhalte unrichtig sind. 

Noch extremer ist es, wenn sich der Versicherer direkt mit dem Kunden in Verbindung setzt oder diesen sogar persönlich trifft, ohne den Broker zu informieren und aufzudatieren. Man kann sich vorstellen, zu welchen Problemen dies führt.

Und mit Blick auf die Aufsicht?

Regelmässig veröffentlicht die Aufsicht Richtlinien für Versicherer, die dann der Einfachheit halber mehr oder weniger eins zu eins auf den Broker übertragen werden. Dabei gelten häufig vollkommen unterschiedliche Funktionsweisen für den Versicherer und den Broker.

Zum Beispiel haben Versicherer und Broker im Rahmen der Sorgfaltspflicht Transaktionen zu überwachen. Dabei finden beim Broker gar keine Transaktionen statt, die er logischerweise dann auch nicht überwachen kann.

Wo sehen Sie momentan die grössten Herausforderungen für Versicherungsbroker?

Ganz sicherlich ist dies der dichte, undurchdringbare Regulierungs-Dschungel. Wie in der gesamten Finanzwelt werden die Konditionen am Markt immer unübersichtlicher und sind nach meinem Dafürhalten stark überreguliert. Es geht schon längst nicht mehr um Konsumentenschutz.

Dabei gäbe es angesichts der vielen Vorschriften sicherlich grossen Erklärungsbedarf …

Grundsätzlich schon. Wir befinden uns aktuell in einem harten Markt: Versicherungssummen werden heruntergefahren, die Versicherungsprämien und Selbstbehalte steigen enorm, die Kapazitäten sinken, Deckungen werden eingeschränkt und Sanierungen vorgenommen. In diesem Umfeld nimmt die Dienstleistungsqualität der Versicherer ab, zum Beispiel bei der Schadenerledigung in der Sparte Nicht-Leben. Das alles bei steigenden Formalitäten und steigender Bürokratie, was wiederum die Betreuung von Privatkunden und kleineren Unternehmen letztlich unrentabel macht. Kompetente Beratung durch Broker ist wichtiger denn je. 

Mit Covid-19 ist ein neues Risiko dazugekommen. Wie gehen Broker damit um?

Broker hatten in der Corona-Zeit in der Regel keine enormen Einschränkungen. Einzig die Kontaktpflege litt, weil persönliche Treffen und gesellschaftliche Anlässe deutlich zu kurz kamen.

Und mit Blick auf die Kunden?

Manche Risiken wie Schäden durch die Corona-Pandemie können aktuell gar nicht versichert werden. Die Versicherer sind sogar dazu übergegangen, im Fall von Unternehmensversicherungen in sämtlichen Verträgen übertragbare Krankheiten weitestgehend auszuschliessen. Der Broker kann hier lediglich dafür sorgen, dass diese Ausschlüsse durch ein entsprechendes Wording etwas abgefedert werden.

Es gibt immer mehr Standardversicherungen, die sich online per Mausklick abschliessen lassen. Worauf konzentrieren sich künftig die Broker? 

Trotz Digitalisierung und Internet mit freiem Zugang zu Informationen legen viele Kunden weiterhin Wert auf eine persönliche Beratung. Vereinfacht gesagt, kommt der Broker immer dann ins Spiel, wenn es um komplexe und individuell angepasste oder spezielle Versicherungslösungen geht.

Gerade in Liechtenstein haben wir es verschiedentlich mit einem international ausgerichteten Kundenkreis zu tun. Länderübergreifende Konstellationen und sprachliche Herausforderungen gehören zu unserem Tagesgeschäft.
 
Wo ist Beratung durch Broker heute speziell gefragt?

Unabhängige Broker verstehen sich als Interessenvertreter der Kunden. Wir begleiten sie von der Erstberatung über die laufende Betreuung bis hin zur Schadenregelung und auch in Sondersituationen. Zunehmend werden auch neue Dienstleistungen wie umfassendes Risikomanagement angeboten.

Gerade in Zeiten des Hardmarkets sind die Dienstleistungen der Broker sehr gefragt und ist der Beratungsbedarf hoch. Das trifft auch auf das Unternehmensgeschäft zu. Die meisten KMU nutzen Brokerdienstleistungen.

Wie nehmen Sie den Schweizer Markt wahr?

Eine Eigenheit des Schweizer Marktes ist die sehr gute Durchdringung von lokalen Agenturen der Versicherer und damit die Nähe zum Kunden. Das Vertrauen und die Kompetenz im persönlichen Gespräch ist nach wie vor sehr wichtig.

Welche Kontakte hat der LIBA zum Schweizer Brokerverband SIBA?

Alle Mitglieder des LIBA haben ebenfalls einen Auftritt, Kooperationen oder Repräsentanzen in der Schweiz. Verschiedene Mitglieder des LIBA sind über die Schweizer Präsenz auch Mitglieder beim SIBA. 

Auf Verbandsebene bestand bis vor kurzem kein Austausch. Mit meinem Antritt als LIBA-Präsident im vergangenen Dezember habe ich einfach die Initiative ergriffen und Kontakt aufgenommen zu den Schweizer Kollegen. Und jetzt gibt es einen konstruktiven Dialog zwischen dem Präsidium von SIBA und LIBA, den wir 2022 weiter intensivieren wollen. 

Beide Verbände können sich gut ergänzen. SIBA punktet unter anderem mit der Grösse und professionellen Strukturen, der LIBA hat bestes Wissen zu den Europäischen Normen und Rahmenbedingungen.

Erwarten Sie in den nächsten Jahren eine Konsolidierung im Brokermarkt? 

Absolut, die Tendenz geht klar in diese Richtung. Broker werden sich zusammenschliessen, andere wiederum die Lizenz abgeben. Dadurch geht voraussichtlich die Dynamik am Markt ein wenig verloren und die steigende Regulierungsdichte wird die Prozesse noch weiter verlangsamen. Dafür erhöht sich voraussichtlich der Qualitätsstandard der Marktteilnehmer.