HZ Insurance Reihe «Captives»: Teil 1

Firmen wie ABB, Adecco, Syngenta und die SBB unterhalten in der Schweiz und teilweise in Liechtenstein ihre Industrie-Eigenversicherungen, ihre Captives. Angesichts der Vorteile von solchen Captives fragt sich, warum nicht noch weitere Grossunternehmen diese Versicherungskonstrukte nutzen. Denn sie haben eine Reihe von Vorteilen: Finanzstarke Unternehmen können kleinere und mittelgrosse Schäden problemlos mit ihren liquiden Mitteln bezahlen. Sie brauchen keine Erstversicherung, jedenfalls nicht für den ganz normalen geschäftlichen Alltag, weil es zwar viele kleine, aber auch bekannte und damit berechenbare Risiken gibt. Was als grössere Risiken verbleibt, wandert dann idealerweise in die Captive. Die ist unter dem Strich oft günstiger als ein externer Anbieter. Lediglich für die ganz grossen Ereignisse braucht man grosse Rückversicherungen. So bleibt der grösste Teil der Versicherungsprämien im eigenen Unternehmen. 

Dies ist kein Nullsummenspiel, denn durch eine geschickte Handhabung von Risiken und Risikoträgern lassen sich Kosten und Steuern beeinflussen. Ihre Standorte haben Captives deshalb nicht ganz zufällig sehr häufig in Steueroasen wie den USA, Zypern und, vereinzelt, in Liechtenstein. Zudem haben Captives den Vorteil, dass sie Risiken eigenständig an den Rückversicherungsmarkt weitergeben können. Ein über den eigenen Captive angefragtes Lloyd’s-Konsortium beispielsweise kann ganz spezielle Unternehmens-Grossrisiken oft zu risikogerechteren Preisen handhaben als, sagen wir, eine «normale» Versicherungsgesellschaft. 

Captives können zudem eine wichtige Rolle bei der Handhabung firmeninterner Risiken spielen, wenn sie als Profit-Center und nicht als Kostenstelle gesehen werden: Dann wird sich diese Abteilung nicht nur um eine möglichst günstige Schadenabwicklung, sondern auch um die Prävention für die wichtigsten Risiken des Unternehmens kümmern. Das Spektrum reicht hier von zusätzlichen Brandschutzmassnahmen bis hin zur rechtzeitigen Einlagerung von Virenschutzmasken. Denn kaum jemand kennt diese Risiken so gut, wie das Personal im Unternehmen selber. 

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Schliesslich ergeben sich raschere Reaktionsmöglichkeiten im Fall der Fälle. Ihre Jahresprämien haben Firmenkunden zu Jahresbeginn fixiert und den Versicherern überwiesen. Wenn sich jetzt, wie im Lockdown, die Verhältnisse und damit das Risikoprofil massiv verändern, gibt es von einer externen Versicherung – eventuell – einen kleinen Prämienrabatt im nächsten Jahr. Dem gegenüber stehen unmittelbare spürbare Einspareffekte bei einer internen Lösung. Denn was hier an intern verbuchten Versicherungsprämien nicht wirklich verbraucht wird, verbleibt im Unternehmen – und das wiederum senkt die Gesamtkosten. 

Aufwendige Anforderungen der Regulierungsbehörde

Captives werden in der Regel wie gewöhnliche Versicherungsgesellschaften reguliert. Für ein Industrieunternehmen kann es überraschend sein, wie komplex und aufwendig die interne Arbeit für die externe Aufsicht sein kann. Alleine daraus ergibt sich, dass Captives erst ab einer bestimmten Unternehmensgrösse die Alternative zu konventionellen Versicherungslösungen sind. Laut Fachleuten liegt die untere Grenze bei einem niedrigen dreistelligen Millionenumsatz. 

Zudem eignen sich nicht alle Geschäftsmodelle von Firmen für Captives. Wenn ein Unternehmen drei Viertel seiner Kunden bereits gut kennt und ein Viertel nicht, dann macht es Sinn, lediglich die Risiken dieses Viertels nach aussen weiterzureichen. Auch für bestimmte Klumpenrisiken, für die es am Markt keine Standard-Deckungen zu vernünftigen Preisen gibt, sind Captives geeignet. Schliesslich gibt es kaum versicherbare Risiken wie ganz grosse Cyber-Attacken, Atomunfälle – oder eine Pandemie. Nicht ganz zufällig unterhalten grosse Erstversicherungen oft eigene interne Rückversicherungs-Captives. 

Die jüngste Entwicklung könnte dem Konzept der Captive-Versicherungen richtig Schub verleihen, zumal es hier auch einiges brachliegendes Innovationspotenzial gibt: So sind Captives bisher eher als Punktlösungen und weniger als Teil eines unternehmensweiten, kohärenten Risikomanagements konzipiert. In Kombination mit weiteren Elementen aus Digitalisierung, Automatisierung und Prozessoptimierung spielen Captives ihre Stärken erst richtig aus. Schliesslich können eigene Captive-Abteilungen auch die firmeninternen Sicherheitskulturen verbessern, indem sie sich beispielsweise um die oft vernachlässigten seltenen, aber wenn sie eintreffen ausserordentlich teuren Risiken kümmern, vor denen die grossen Rückversicherungen in regelmässigen Abständen warnen.  

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Swiss Re hatte beispielsweise im jüngsten Risikoradar fehlende Impfstoffe als eines der grössten Risiken bezeichnet. Ein gut organisiertes Captive trägt auch solche Informationen rechtzeitig in das eigene Unternehmen – und bringt die Unternehmensspitze zum Handeln.