In einem Mammut-Projekt implementiert die Generali Schweiz ein neues Kernsystem. Der eidgenössische Ableger des italienischen Versicherungsriesen ist damit Vorreiter im digitalen Neuaufbau des Konzerns. Die Erfahrungen der Schweizer Versicherer mit Kernsystem-Projekten sind allerdings durchmischt. Während Zurich und Baloise schon früh und erfolgreich neue Systeme eingeführt haben, machten die Helvetia und ein weiterer Versicherer kostspielige Rückzieher. 

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Für Andreas Krümmel ist die Einführung des neuen Kernsystems mehr als ein IT-Projekt. «Wir wollen die kundenorientierteste und agilste Organisation im Schweizer Versicherungsmarkt sein», sagt der CEO der Generali. «Mit den neuen Kernsystemen schaffen wir die Grundlage, Produkte und Dienstleistungen effizient und kostengünstig zu entwickeln. Damit können wir umgehend auf Marktveränderungen reagieren und die Kundenbedürfnisse in die Produktenwicklung, den Kundenservice und in die Abwicklung von Schadenfällen einfliessen lassen.»

Ein System ist wie eine Hochzeit

Krümmel war 2016 von der Axa Winterthur gekommen, wo er vom Head of Business Engineering zum Chief Operating Officer und Chef der Schadenversicherung aufgestiegen war. Nach seinen Plänen wird bei der Generali Schweiz wohl kein Stein auf dem anderen bleiben. Die Produktpalette wird vollständig erneuert, das Portfolio in der Schadenversicherung verschlankt und die Prozesse werden neu aufgesetzt. Durch das neue Kernsystem soll auch das Schnittstellenmanagement vereinfacht werden. 

Die Generali Schweiz ist Vorreiter im konzernweiten Digitalisierungsprogramm der Generali, mit dem Kundenservice und Kundenorientierung gestärkt werden sollen. Die zentrale Rolle nimmt dabei das israelische Versicherungskernsystem Sapiens ein, das 600 Versicherer rund um den Globus verwenden. Ziel ist es, eine einheitliche Plattformlösung für die gesamte Gruppe zu schaffen, für alle Versicherungssparten. Die neue IT-Architektur soll in einem Cloud-first-Ansatz aufgesetzt werden, um die Anbindung an digitale Ökosysteme zu erleichtern. «Wir priorisieren die Technologien, die dabei helfen, die Bürokratie abzubauen», erklärt Bruno Scaroni, Chief Transformation Officer der Generali.

Sapiens ist stark in den USA präsent, konnte aber zuletzt in Skandinavien Fuss fassen und hat durch den Kauf der Münchener IT-Gesellschaft Sum Cumo seine Präsenz auf den deutschsprachigen Märkten verstärkt. Die in München angesiedelte Deutschland-Tochter von Hiscox implementiert derzeit Sapiens als Vorreiter für die gesamte Hiscox-Gruppe. «Ein System ist wie eine Hochzeit, man ändert das System nicht alle zwei, drei Jahre», sagt Stephane Flaquet, Chief Transformation Officer von Hiscox. 

Unrealistische Erwartungen geschürt

Die niederländischen Gesellschaften der Generali arbeiten bereits seit 2016 mit Sapiens. Die Generali-Töchter in Spanien, Portugal und in Lateinamerika sollen der Schweizer Gesellschaft folgen. Das Umbauprogramm wird erhebliche Investitionen erfordern, welche Krümmel nicht näher beziffert. Für die Generali Schweiz ist das Programm, das unter dem Namen Avanti 2027 innerhalb von fünf Jahren umgesetzt sein soll, eine Art Vorwärtsverteidigung. Als Nummer zwei in der Einzellebensversicherung der Schweiz musste die Generali Schweiz ihre Reserven im Jahr 2020 um 615 Millionen Franken stärken, nachdem 2019 bereits 400 Millionen Franken fällig waren. Für 2021 waren weitere 300 Millionen Franken budgetiert. Die Reservestärkung war nötig, nachdem Ende 2019 die Solvenzquote auf 100 Prozent gefallen war. Mit der Transformation versucht Krümmel, aus der Not eine Tugend zu machen. 

Ein Beispiel dafür, wie erheblich die Risiken sind, die mit so einem Projekt verbunden sind, gibt die Helvetia. Sie hatte versucht, das auf Krankenversicherung spezialisierte Kernsystem Adcubum für die Schadenversicherung einzuführen. Nach mehreren Jahren Arbeit entschloss man sich, das Projekt aufzugeben und 40 Millionen Franken abzuschreiben. Ein weiterer Schweizer Versicherer gab ein Kernsystem-Projekt auf, weil man nach einem halben Jahr Arbeit feststellte, dass das System nicht zum Unternehmen passt. 

Häufig werden von Lösungsanbietern «komplett unrealistische Erwartungen vertraglich scheinbar zementiert, indem man z. B. Projektaufwände und Ergebnisse festschreibt», schreibt Roland Auer zu den zahlreichen schief gelaufenen IT-Projekten in HZ Insurance. In den seltensten Fällen seien diese Regelungen aber tatsächlich belastbar. «Die Schicksalsgemeinschaft mit den Lieferanten zwingt die Versicherung, immer mehr Ressourcen nachzuschiessen, was regelmässig dazu führt, dass selbst ‹erfolgreiche› Projekte ein Mehrfaches des ursprünglichen Budgets verschlingen.»

CEO mit dem Schraubenzieher in der Hand

Nach Einschätzung von Michal Trochimczuk, Managing Partner von Sollers Consulting, versäumen es viele Unternehmen, die Einführung eines neuen Kernsystems mit einer umfassenden Transformation des Unternehmens zu verbinden. «Viele IT-Projekte verfehlen ihr Ziel, weil im Laufe der Umsetzung der Umfang immer weiterwächst.» Prozesse würden nicht vereinfacht und den Product Owner gelänge es nicht, Prioritäten zu setzen, sagt Trochimczuk. «Allein die Bereitschaft, in Projekten Risiken einzugehen, reicht nicht aus.» 

Viele Unternehmenschefs machen den Fehler, die IT-Projekte zu delegieren. Dabei gehört das persönliche Engagement des Top-Managements zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren eines so umfassenden IT-Projektes. Ein guter Chef stellt sich schon einmal selbst mit dem Schraubenzieher in der Hand auf den Tisch, wenn der Beamer an der Decke nicht funktioniert.

Krümmel ist es zuzutrauen, dass ihm die Transformation gelingt. Die Baloise ist derzeit der Taktgeber, was das Thema Digitalisierung und digitale Services anbetrifft. Die Deutschland-Tochter unter Führung des Schweizers Jürg Schiltknecht ist auf dem Weg dahin, es ihr gleichzutun. Um das Projektrisiko zu teilen, hat die Generali die IT-Beratungsfirma Accenture mit ins Boot geholt. Im Rahmen eines Joint Ventures trägt sie das Umsetzungsrisiko mit. Die ersten neuen Produkte in dem neuen System sollen 2023 Marktreife erlangen.