Wenn die Aktien von global arbeitenden schweizerischen Versicherungen wie Swiss Re und Zurich Insurance derzeit stärker schwanken als der Rest des Marktes, dann liegt das auch an der grossen Ungewissheit bezüglich Pandemie-Risiken.

In den USA mehren sich laut den Experten von AM Best, einer auf die Versicherungsbranche spezialisierten Rating-Agentur, die Stimmen, die davon ausgehen, dass die dort präsenten Erst- und Rückversicherungen – und zu diesen gehören die beiden grössten schweizerischen Adressen – zumindest Teile der Covid-19-Belastung tragen müssen.

Selbst wenn es in den Policen keine Pandemie-Klausel gab, gibt es weitere mögliche Auslöser wie Business Interruption, also die Unterbrechung der normalen Geschäftstätigkeit. Im Gegensatz zu den Pandemie-Risiken, die kaum ein Unternehmen auf dem Radar hatte, sind die Unterbrechungsrisiken oft gedeckt, weil sie fast jeder Unternehmer schon selbst erlebt hatte.

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Schäden für zu viele Versicherte

«Pandemien fallen in die Kategorie derjenigen Extremereignisse, bei denen eine Versicherbarkeit sowohl lokal als auch global nicht mehr gegeben ist», sagt Alexander Braun, Professor am Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen. «Das Problem bei einer Pandemie ist die hochgradige Abhängigkeit der Einzelrisiken.» Deshalb handle es sich bei der Unterscheidung zwischen Epidemie und Pandemie auch nicht um eine Spitzfindigkeit der Versicherer. «Genau hier verläuft die Grenze der Versicherbarkeit », so Braun. Epidemien sind regional begrenzte Ereignisse.

Der Sars-Ausbruch im Jahr 2003 beispielsweise beschränkte sich weitgehend auf Südostasien. Bei der aktuellen Covid-19-Pandemie hätten hingegen sehr viele Unternehmen in jedem Land der Welt Umsatzeinbussen wegen Betriebsunterbrechungen zu beklagen. «Das Prinzip, die Schäden der wenigen mit den Prämien der vielen zu erstatten, ist also völlig ausgehebelt », erklärt Braun weiter. «Wären derartige Szenarien nicht von der Deckung ausgenommen, könnten sich systemische Probleme ergeben. Das Kapital einiger Versicherer würde angesichts der grossen Zahl an gleichzeitig auftretenden Schäden möglicherweise knapp werden.»

Nur für kurze Unterbrechungen

Geriete die Versicherungsbranche in Schieflage, hätte dies aber auch für diejenigen Versicherten negative Konsequenzen, deren Risiken grundsätzlich versicherbar sind. «Mit anderen Worten, die Schäden von Hauseigentümern, Unfallopfern, Fahrzeuglenkern und so weiter, die mit der Pandemie nichts zu tun hatten, könnten nicht mehr oder nur noch zum Teil erstattet werden.»

Die Mobiliar rechnet mit einer Belastung zwischen 350 und 400 Millionen Franken, wie ihr CEO Markus Hongler an der Telefonkonferenz zum vergangenen Geschäftsjahr erklärte. Für die Mobiliar spielt die Unterscheidung zwischen Pandemie und Epidemie keine Rolle, weil sie lediglich in der Schweiz aktiv ist. Und lediglich 5 Prozent der Firmenkunden hatten eine Epidemie-Zusatzdeckung gekauft. «Es ist ein spezielles Kundensegment, darunter fallen viele kleine Firmen, die mit Lebensmitteln zu tun haben und die beispielsweise mit solchen Policen den Unterbruch absichern möchten, wenn es etwa einen Salmonellen-Vorfall gibt», sagte Hongler. Solchen Versicherten zahle man das Geld, einige zehntausend Franken, aus. «Damit kommen die dann einige Tage über die Runden, sie können ihre Lokale und die Küchen desinfizieren lassen und dann theoretisch nach einigen wenigen Tagen weiterarbeiten.»

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Risiken waren zu gross

Die aktuelle Situation sei zu gravierend, sie übersteige die Risiken, die eine einzelne Versicherung tragen kann. «Lösungen müssten gesamtschweizerisch im Rahmen einer Public-Private-Partnership angegangen werden», so Hongler.

«Die Pandemie ist ein Geschehen mit nicht abschätzbaren Auswirkungen.»

Vorbilder gibt es mit den Pool-Regelungen, beispielsweise für die Deckung von Erdbeben- oder Atomkraftwerkrisiken. Gemäss Hongler gibt es jetzt eine erhöhte Nachfrage nach Epidemie-Deckungen.
Auch bei Axa melden sich Interessenten. «Wir haben derzeit generell viele Anfragen von Kunden, dies in den verschiedensten Versicherungsbereichen und sowohl von Privatkunden als auch von Unternehmenskunden », sagt Axa-Sprecherin Nicole Horbelt. «Eine Pandemie, wie wir sie jetzt mit dem Coronavirus erleben, ist ein massives, länder- und kontinenteübergreifendes Krankheitsgeschehen ohne örtliche Begrenzung und dadurch mit nicht abschätzbaren Auswirkungen.»

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So habe die Axa zum Beispiel zum Zeitpunkt, als ihr Epidemie-Produkt entwickelt wurde, die möglichen finanziellen Auswirkungen einer solchen Pandemie bereits als nicht kalkulierbar und damit auch nicht versicherbar beurteilt. «Dementsprechend wurden die Folgen einer Pandemie ausdrücklich aus der Epidemieversicherung ausgeschlossen, was in den Vertragsbedingungen klar festgehalten ist», so Horbelt. «Infolgedessen wurden den Kunden auch keine Prämien dafür verrechnet.»