Bringt die Zusammenarbeit mit Partnern über eine digitale Plattform einen deutlichen Kundenmehrwert, sollten Versicherungen an Ökosystemen teilnehmen. Das empfiehlt die Versicherungsstudie 2022 der ZHAW School of Management an Law. Über den Aspekt Mobilität in Ökosystemen sprach HZ Insurance mit Reto Marta, Co-Founder des Insurtechs Cubiq.

Ökosysteme kümmern sich nicht um Industriegrenzen. Sie gruppieren sich um Lebensbereiche. Was macht den Lebensbereich «Mobilität» so dynamisch?

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Reto Marta: Beim Thema Mobilität kommen vier Entwicklungen zusammen. Erstens werden die Fahrzeuge immer vernetzter. Zweitens sind wir mitten in der Beschleunigungsphase hin zum Wechsel auf Elektrofahrzeuge. Drittens sind wir auf dem Weg zum autonomen Fahren. Auch wenn dies noch eine Weile dauern wird, sind heutige Fahrzeuge schon mit vielen Funktionen ausgestattet, welche das Risikoprofil stark beeinflussen. Viertens ändert sich die Gesellschaft. Wir werden verstärkt sehen, dass Fahrzeugbesitzer ihr Auto für Gig-Economy Zwecke nutzen, Uber-Fahrten oder Essens-Lieferungen zum Beispiel. Oder sie mieten Fahrzeuge stundenweise, um einen solchen Teilzeitjob annehmen zu können. Teilweise sehen wir dies bereits heute mit Auto-Abos, eScootern und Rental-Bikes. In ihrer Kombination werden diese Trends die Automobil-Versicherung entlang der gesamten Wertschöpfungskette grundlegend verändern.

Inwiefern?

Die Vernetzung der Fahrzeuge eröffnet die Möglichkeit zu völlig neuen Dienstleistungen rund um die Mobilität. Grundlage sind die Daten, die von Telematik Einheiten, immer häufiger auch direkt vom Fahrzeug oder dem Handy, zur Verfügung stehen. Damit lassen sich kundenfreundliche Services ableiten. Beispiel Schaden: Bei einem Aufprall weiss die Fahrzeug-Diagnostik schon, ob wegen eines zerstörten Scheinwerfers nicht mehr weitergefahren werden darf. Der Schaden wird also digital festgestellt und es braucht keine Schadenmeldung mehr. Der Schadensdienstleister kann direkt einen Abschleppwagen losschicken und dem Lenker mitteilen, dass er gleich von einem Uber abgeholt und zu seinem Ziel gefahren wird, während sein Fahrzeug in die Reparatur geschleppt wird. Wenn der Aufprall heftig war, wird direkt die Ambulanz alarmiert.

Wie können die Daten sonst noch verwendet werden?

Spektakuläre Möglichkeiten ergeben sich, wenn die Daten end-to-end genutzt und mit Fremddaten angereichert werden. Wenn man weiss, dass ein Kunde sich in Richtung eines Hagelsturms bewegt, kann man ihn davor warnen und so Schäden verhindern. Auch das Pricing kann viel gezielter, dynamischer und individueller erfolgen und damit die Risiken optimiert werden. Zum Beispiel indem die Sicherheitsausstattung und sogenannte ADAS (Advanced Driver Assistance Systems) des Fahrzeugs in der Prämie berücksichtig wird.

Im Moment bedeutet mehr Sicherheitstechnik im Auto einen höheren Fahrzeugpreis und damit höhere Prämien. Das ist widersinnig. Wenn man Fahrzeuge mit guter Sicherheits-Ausstattung belohnen würde, dann wäre man attraktiv für gute Risiken und interessante Kundensegmente. Schlechtere Risiken würden dafür einen Zuschlag erhalten.


Womit wir auch schon beim zweiten Trend, der «Shared Economy» sind.

Genau. Wenn Mobilität als integrale Dienstleistung gesehen wird, anstatt als eine lose Sammlung einzelner Produkte und Dienstleistungen, dann sind wir definitiv in der Welt der Ökosysteme angelangt. Die Währung solcher «On Demand»-Geschäftsmodelle ist allerdings eine andere als die jährliche Prämie. Letztlich zahlt eine Kundin des Ökosystem einen Preis pro Nutzung, Kilometer oder Zeit. Die Versicherung beteiligt sich an den dadurch generierten Umsätzen und deckt so ihr Risiko ab. Eine zentrale Plattform sorgt für die Harmonisierung des Datenaustauschs und verteilt die Geldflüsse auf die Anbieter.


Wer kann eine solche Plattform betreiben und damit das Ökosystem orchestrieren?

Es ist davon auszugehen, dass es ein übergeordnetes Mobilitäts-Ökosystem geben wird – welches alle Arten von Mobilitätsformen orchestriert und darin wird es Sub-Ökosysteme geben – z.B. eben die Angebote der Automobilhersteller. Darin integriert wird es Dienstleistungs-Ökosysteme haben, eines davon wird Versicherung sein. Im Bereich des übergeordneten Ökosystems sowie den Dienstleistungs-Ökosystemen sehe ich weder die Versicherer noch die Autohersteller in der Rolle des Orchestrators. Die Autobauer werden lediglich den Teil kontrollieren, den sie mit Ihren Fahrzeugen und Angeboten abdecken und sich mit den weiteren Ökosystemen vernetzen.

Und die Versicherer?

Im Prinzip könnten Sie eine zentrale Rolle einnehmen. Aus meiner Erfahrung sehe ich aber erhebliche Hürden.

Welche?

Organisatorisch durchkreuzt ein Mobilitätsökosystem einige sehr festgefahrene Strukturen. Mobilität hält sich zum Beispiel nicht an Landesgrenzen. Wenn sie als Versicherer mit den relevanten Mobilitätsanbietern Partnerschaften in einem Ökosystem eingehen wollen, müssen sie internationale und harmonisierte Lösungen anbieten können. Uber oder VW möchte nicht in jedem Land mit einer anderen Versicherung mit jeweils anderen Datenstandards und Preismodellen arbeiten. Das heisst auch, dass eine Versicherung mit Konkurrenten zusammenarbeiten muss, um Länder abdecken zu können, für die sie selbst keine Lizenzen hat.

Gleichzeitig löst sich die heutige Grenze zwischen Privat- und Firmenkundengeschäft auf. Der Versicherungsnehmer ist zunehmend ein kommerzieller Flottenbesitzer und nicht mehr die einzelne Fahrzeughalterin. Die Ökosystemnutzerin ist aber eine Privatperson. An dieses sogenannte B2B2C Modell müssen sich die Versicherer noch gewöhnen, zum Beispiel in ihren Vertriebsorganisationen, aber auch in anderen Bereichen.

Hinzu kommen auch technische Hürden, da die wenigsten Versicherer wirklich digitale End-to-End Lösungen haben, schon gar nicht auf internationaler Ebene. Und vergessen wir nicht die speziellen Anforderungen hinsichtlich Zeit-, Nutzungs- oder Kilometer basierter Prämien und Deckungen bei Bedarf (On Demand).

Wer macht also das Rennen?

Vermutlich sind die grossen Cloudanbieter dafür prädestiniert. Sie sind international aufgestellt, können mit grossen Datenmengen umgehen, sind in allen Industrien vernetzt und haben die finanziellen Mittel. Des Weiteren sind sie schon mit Fahrzeugen verbunden oder gar integriert und die Versicherungsindustrie nutzt vermehrt die Cloud Technologie.  

Interessante Kandidaten sind auch internationalen Anbieter von Policen- und Schadensystemen sowie Third Party Adjuster, also Drittanbieter von Schadenservices. Diese sind heute schon sehr digital, international harmonisiert und dienstleistungsorientiert aufgestellt. Auf jeden Fall müssen die Versicherungen aufpassen, dass sie nicht nur noch als lizenzierter Risikoträger benötigt werden, um die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen.

Wir haben noch nicht über die anderen zwei Trends gesprochen, Elektrofahrzeuge und das autonome Fahren...

Unmittelbar haben diese wohl etwas weniger Einfluss. Beide Trends verstärken sicherlich die Vernetzung der Fahrzeuge. Elektrofahrzeuge haben andere Risiken, die aber mit einer klassischen Deckungserweiterung meist aufgefangen werden können. Das autonome Fahren hingegen führt zu einem völligen Wandel der Risiken, weg von der Haftung des Fahrers und vermutlich hin zu einer Produktehaftung der Autohersteller. Wichtig ist auch hier: Wer den Zugang zu den Daten verliert, weil er nicht im Ökosystem teilnimmt, verliert die Möglichkeit, neue Produkte zu lancieren, um die allfällig wegfallenden zu ersetzen.

Wie sieht die Entwicklung in den nächsten Jahren aus?

Die soeben erschienene Versicherungsstudie 2022 «Ökoysystem - Hype oder Chance?» der ZHAW bringt einen interessanten Aspekt auf. Die Studie zeigt, dass die Versicherungen in den verschiedenen Lebensbereichen sehr unterschiedliche Rollen einnehmen. Einmal sind sie Zulieferer, einmal Aggregatoren, vielleicht orchestrieren Sie sogar ein Ökosystem. Damit stellt sich die Frage: Wie bringt man solch verschiedene Rollen bei einem Allspartenversicherer unter einen Hut?

Was ist realistisch?

Meine Erfahrung zeigt, dass eine wirklich durchgängige Digitalisierung nur innerhalb einer Versicherungssparte realistisch ist. Es wird sonst zu komplex. Der Kunde möchte sowieso nur für das jeweilige Produkt den bestmöglichen Service. Kein Kunde interessiert sich dafür, z.B. als Lebensversicherungskunde wahrgenommen zu werden, wenn er gerade einen Autounfall meldet. Upselling ja, aber digitales Cross-selling? Ich bin da sehr skeptisch.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir in Zukunft vermehrt Player im Markt sehen werden, die sich bei der Digitalisierung auf eine Sparte fokussieren und dafür im jeweiligen Ökosystem eine dominierende Rolle anstreben. Im Falle der Mobilität muss dies so oder so auf internationaler Ebene geschehen. Lokale Marktlösungen werden mittelfristig nicht wirklich zielführend sein. Auf jeden Fall werden die nächsten Jahre sehr spannend werden!

Zur Person

Reto Marta ist seit mehr als 25 Jahren im Bereich der Auto- und Versicherungsindustrie tätig. Er ist  Co-Founder der Firma Cubiq AG, welche es der Versicherungsindustrie ermöglicht, den Einfluss von ADAS und Fahrzeugsicherheit auf die Versicherungsrisiken zu ermitteln und im Angebot zu berücksichtigen. Reto Marta hat an der diesjährigen Versicherungsstudie 2022 teilgenommen.