Praktisch alle Unternehmensversicherungspolicen weltweit decken physische Schäden. Wenn es beispielsweise gebrannt hat, wenn Hochwasser den Keller unter Wasser gesetzt oder ein Hurrikan das Dach abgedeckt hat – dann kommt der Schadeninspektor, stellt den Check aus und die Handwerker reparieren die Schäden.

Anders ist die Situation im Fall einer «Business Interruption»: Solche Deckungen sind oft Bestandteil der Sekundärdeckung. Nicht alle Policenkäufer haben solche Zusätze rechtzeitig gekauft, mit denen sie Schäden abdecken, die beispielsweise dadurch entstehen, dass ein Restaurant keine Gäste mehr bewirten kann. Und selbst einfache Pandemie-Deckungen bringen nicht immer gleich eine Lösung, wenn es beispielsweise im Kleingedruckten heisst, dass der Ausbruch im Unternehmen stattfinden muss. Mit diesen Standard-Policen lassen sich in der Schweiz die wenigen Fälle pro Jahr, bei denen es zu Salmonellen-Problemen in Restaurants kommt, decken. Eine Ausweitung auf andere Branchen wäre laut einer Erklärung von Munich Re heikel: Dann würden grundlegende Prinzipien der Risikokalkulation und -weitergabe ausgehebelt und das Versicherungssystem an die Grenze der Überlebensfähigkeit gebracht. 

Selbst in den Fällen, in denen beispielsweise Restaurants Deckungen gekauft haben, führt das nicht zwingend zu Auszahlungen in der erhofften Höhe. Gerade in Europa sind laut Analysten relativ viele KMU-Versicherungsverträge unpräzise formuliert worden. Nur schon die Formulierungen zu den Schliessungsgründen, beispielsweise im Rahmen der landesweiten Notstandsgesetze, fehlt oft, weil man bei Standard-Verträgen die Schliessung einzelner Restaurants aufgrund der individuell formulierten Anordnung durch lokale und/oder regionale Instanzen vorgesehen hatte. Vor allem sind eindeutige Ausschlüsse und Definitionen nicht gemacht worden – das wiederum schafft Raum für unterschiedliche Ansprüche und Sichtweisen, mit denen sich künftig die Gerichte befassen werden. Einige Versicherer beharren beispielsweise auf der Unterscheidung von bakteriellen Ursachen, wie sie zu typischen hygienebedingten Schliessungen von Restaurants führen können, und den viralen Gründen, wie sie der Covid-19-Pandemie (und auch den «normalen» Influenza-Grippewellen) zugrunde liegen. 

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Der britische Versicherungsverband beispielsweise stellte in einer Stellungnahme im März fest, dass nur ganz wenige Unternehmen Deckungen für Unterbrechungen von sowohl bakteriell als auch viral verbreiteten ansteckenden Krankheiten gekauft hatten. Verkompliziert wird alles durch die Vertriebssysteme und unterschiedlichen Zielgruppen. Grössere Restaurantketten werden von Versicherungen anders betreut als beispielsweise die Landbeiz im Dorf. Beide erhalten ganz anders formulierte Offerten und auch das Kleingedruckte unterscheidet sich deutlich. Klar sind die Verhältnisse eigentlich nur dann, wenn wichtige Schlüsselworte wie «Pandemie» und «ausgeschlossen» in eindeutigen Formulierungen so zusammengefügt worden sind, dass kein Spielraum für Diskussionen verbleibt. 

Anschaulich werden die Herausforderungen erst bei einem konkreten Beispiel, wie es irgendwo in Europa und auch der Schweiz passieren könnte; es wurde vom Insurance Institute of London am Beispiel einer mittelgrossen Restaurantkette durchkalkuliert.

Die Kalkulation einer kleineren Kette basiert auf folgenden Elementen:

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Quelle: ZVG

Ganz anders sieht es aus, wenn eine Versicherung die Bilanz betrachtet:

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Quelle: ZVG

Der von einer Versicherung ermittelte Vorsteuergewinn basiert auf der Annahme, dass sich der tatsächliche Verlust eines Unternehmens auf die festen Kosten bezieht. Lediglich diese werden versichert. Variable Kosten wie Löhne usw. werden als «vermeidbar» betrachtet. Dahinter steckt die Überlegung, dass ein Einbezug von variablen Kosten dazu führen könnte, dass ein Policenkäufer von einem Ereignis wirtschaftlich profitieren könnte, was entgegen den Prinzipien der Versicherungen stehen würde. 

Jetzt kommt die Pandemie mit einer «aussergewöhnlichen Lage». Der Umsatz bricht um die Hälfte ein; immerhin kommt noch etwas Geld durch den Take-away herein. Die Situation sieht dann für die Kalkulation der Ansprüche aus einer Police so aus:

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Quelle: ZVG

In diesem Beispiel zeigt sich, wovon Versicherer ausgehen: Sie zahlen nicht aufgrund der geschäftlichen und breiteren gesamtwirtschaftlichen Grundlagen, die man zum Abschluss der Police vorgefunden hatte, sondern jener zu dem Zeitpunkt, bei dem eine Restaurantkette den Schaden anmeldet. Zudem werden sämtliche staatlichen Unterstützungen, Kredite und die Wirkungen von Kurzarbeitsprogrammen abgezogen. Ebenfalls berücksichtigt werden die Massnahmen, welche der Restaurantbesitzer ergreift, um die Schäden zu decken, also die Einrichtung eines Take-away. Auch die Mehrkosten, beispielsweise für das Einrichten einer Website und das Organisieren eines Lieferdienstes, kommen in die Kalkulation. 

Beträchtliche Unterversicherung
Nach Abzug sämtlicher Elemente und nach allen Anpassungen kann ein Restaurantbesitzer einen Schaden von 2,48 Millionen Franken, entsprechend knapp 20 Prozent des normalen Umsatzes, geltend machen. Das sieht nach einer beträchtlichen Unterversicherungs-Situation aus. Tatsächlich hatte das Insurance Institute of London bereits vor Jahren darauf hingewiesen, dass es beträchtliches Unwissen darüber gibt, was aus Sicht einer Versicherung ein Bruttogewinn und die entsprechenden Gewinnmargen bedeuten und wie sie kalkuliert werden. Das führt zu einer zu geringen Berechnung eines möglichen Schadenfalls – und dann zu einer Unterversicherung. Versicherungen erhalten nicht die risikogerechten Prämien und die Versicherten erhalten nicht den gesamten Schaden gedeckt, wenn dieser denn eintritt. 

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Und was ist, wenn jetzt der Besitzer der Restaurantkette entnervt für ein Jahr alles schliesst und sich auf die Inanspruchnahme von staatlichen Unterstützungen und die Auszahlung der Police konzentriert? Die Auszahlung eines Anspruchs von 2,48 Millionen Franken im obenstehenden Beispiel würde dann zu einem buchhalterischen Bruttogewinn führen. Wenn der Restaurantbesitzer seine weiteren Verwaltungs- und Vertriebskosten rasch senkt, verringert sich auch der Verlust. Bei sehr schneller Reaktion und massiv gedrückten (Rest-)Kosten liegt auch eine schwarze Null in Reichweite. Das erklärt auch die raschen Reaktionen dieser Branche auf die Schliessung. 

Für die Versicherer sind die Schäden zwar spürbar, aber laut den Analysten von Morgan Stanley tragbar. Problematischer wird es für Versicherer, wenn diese sich auf jahrelange Prozesse mit allen Ungewissheiten einlassen. Und langfristig besteht dann auch das Risiko von ebenso schwer erfassbaren Reputationsschäden.